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Carsten Weber, der Trainer von Türk Gücü Friedberg, war nach dem Spiel in Stadtallendorf bedient.

Rassismus in der Hessenliga?

Rassismus-Vorwürfe von Türk Gücü Friedberg werden weiter heftig diskutiert

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Die Diskussionen reißen nicht ab: Nach dem Hessenliga-Spiel zwischen dem TSV Eintracht Stadtallendorf und Türk Gücü Friedberg sind die Rassismus-Vorwürfe weiter das beherrschende Thema.

Auch zwei Tage danach schlägt das Hessenliga-Spiel zwischen dem TSV Eintracht Stadtallendorf und Türk Gücü Friedberg vom Samstag (Endstand: 0:1) hohe Wellen. Bis spät in die Nacht wurde unter dem Facebook-Post dieser Zeitung kommentiert. Am Montag standen die Telefone in der Redaktion selten still - Vereinsvertreter, Verantwortliche und andere Pressevertreter meldeten sich, um nachzuhören.

Hessenliga: Leitet der Hessische Fußballverband nun Ermittlungen ein?

Seit Montag steht fest: Vom Schiedsrichter sind die Vorwürfe rassistischer Äußerungen, die die Türk-Gücü-Verantwortlichen gegenüber Zuschauern im Herrenwaldstadion erheben, nicht aufgenommen worden. Ein entsprechender Sonderbericht wurde nicht angefertigt, wie Klassenleiter Jürgen Radek (Ortenberg) mitteilte. Dennoch beschäftigt sich der Hessische Fußballverband (HFV) nun mit der Sache, da der WZ-Artikel am Montag im internen Pressespiegel des HFV aufgeschlagen ist. Jetzt müssen die Gremien rund um das Präsidium und das Verbandssportgericht entscheiden, wie sie mit dem Fall weiter umgehen, ob es etwa Ermittlungen oder gar eine Verhandlung gibt.

In Stadtallendorf haben sich die Wogen derweil noch nicht geglättet. Der Verein sieht sein Image geschädigt und betont immer wieder die Internationalität des Vereins, seiner Mannschaften und seiner Fans, die noch nie durch Rassismus aufgefallen seien. "Wir lassen uns in keine Ecke stellen. Wenn wir von solchen Äußerungen gewusst hätten, wären wir sofort tätig geworden", hatte TSV-Vorstand Reiner Bremer am Sonntag in einer Stellungnahme geschrieben. Auch Radek sagte: "In der Hessenliga hatten wir so etwas bislang nicht. Das passt angesichts des Niveaus auch nicht in diese Spielklasse."

Hessenliga: Vorwurf der Beleidigungen nach Schweigeminute und während des Spiels

Nichtsdestotrotz beharren auch die Verantwortlichen von Türk Gücü Friedberg auf ihren Vorwürfen, nach der Schweigeminute zu Ehren der Opfer des antisemitischen Anschlags in Halle sowie über das gesamte Spiel hinweg rassistisch beleidigt worden zu sein. Laut Pressesprecher Selim Karanfil seien neben Verantwortlichen, Trainern und der Mannschaft auch Angehörige von Spielern angegangen worden, als sie die Äußerungen kritisierten. "Das ab und zu mal ein dummer Spruch auf dem Sportplatz kommt, passiert immer wieder, aber das war zu heftig", sagte Karanfil am Montag. Laut seiner Aussage seien Sätze gefallen wie "Für euch Türken hätte es 30 Schweigeminuten geben müssen", "Wenn es euch hier nicht passt, dann spielt doch in der Türkei Hessenliga" oder - zu einem dunkelhäutigen Spieler - "Ich lege dir in der Pause mal eine Banane hin, damit du nicht dauernd umfällst."

Wichtig ist Karanfil und Co. dabei: "Uns ging es nie darum, Stadtallendorf als Verein eins auszuwischen, aber das war ein ernster Vorfall." Er habe sich in der Halbzeit diesbezüglich an ein Vereinsmitglied der Gastgeber gewandt - vergeblich. Ordner, die man um Hilfe hätte bitten können, habe es keine gegeben. "Trainer und Betreuer würde ich während des Spiels nie stören, deshalb sind wir außen einfach ruhig geblieben", erklärt Karanfil. "Aber wenn du Heimrecht hast, bist du dafür zuständig. Die Kommunikation aus Stadtallendorf am Sonntag fand ich dann einfach nur schwach, uns als schlechte Verlierer darzustellen."

Hessenliga: Stadtallendorfer Reaktion stößt bei Türk Gücü Friedberg übel auf

Das sieht auch Trainer Carsten Weber so, der am Sonntagvormittag laut seiner Aussage eigentlich ein sehr konstruktives Gespräch mit Bremer gehabt habe. Dieser habe sich entschuldigt, falls so etwas wirklich vorgefallen sei, und außerdem versprochen, den Bereich hinter den Bänken künftig absperren zu wollen. Das offizielle Statement am Sonntag habe Weber dann aber ebenfalls enttäuscht. "Mir geht es letztlich darum, gemeinsam mit beiden Vereinen auf so etwas aufmerksam zu machen und dafür zu sensibilisieren. Ich selbst habe so etwas noch nie erlebt. Ich habe dann versucht, mein Team zu coachen und wollte auch keinen Einfluss auf das Spiel nehmen, indem ich den Schiedsrichter darauf anspreche. Im Nachhinein hätte ich es vielleicht machen sollen", sagte er am Montag selbstkritisch.

Die Zuschauer könne er nicht direkt als Stadtallendorfer "Fans" identifizieren, jedoch hätten sie Kenntnisse über den Kader gehabt. Genau dies sowie eine fehlende Beschreibung hatte Stadtallendorf Weber in dem Statement am Sonntag vorgeworfen. Weber betont abschließend: "So etwas geht in der heutigen Zeit einfach gar nicht, vor allem wenn es im Vorfeld eine Schweigeminute wegen eines solchen Anschlags gegeben hat. Deshalb geht das auch nicht gegen Stadtallendorf, sondern gegen die Menschen, die dort waren und so etwas gesagt haben." Gegenüber der "Oberhessischen Presse" aus Marburg (Dienstagausgabe) sagte Bremer: "Alle, mit denen ich seit Sonntag gesprochen habe, haben nichts derartiges gehört. Das heißt aber nicht, dass es keine Äußerungen gegeben hat. Wer solche Äußerungen tätigt, der hat bei uns nichts zu suchen."

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