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Radu Balazs und Bogdan Muntean: »Leben hier viel besser«

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Von: Michael Wiener

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Treffpunkt Sporthalle am Seebach in Friedberg: Radu Balazs (l.) und Bogdan Muntean (M.) im Gespräch mit WZ-Sportredakteur Michael Wiener.	(Foto: Nici Merz)
Treffpunkt Sporthalle am Seebach in Friedberg: Radu Balazs (l.) und Bogdan Muntean (M.) im Gespräch mit WZ-Sportredakteur Michael Wiener. (Foto: Nici Merz) © O

Eine Tasche und 100 Euro hatte Radu Balazs dabei, als er vor etwas über zwei Jahren nach Deutschland kam – um bei der TG Friedberg Handball zu spielen. Im August ist sein Kumpel Bogdan Muntean nachgekommen, er kickt nun für den FCO Fauerbach. Die Geschichten der beiden Rumänen sind Beispiele dafür, wie Sport und Integration perfekt harmonieren können.

Der 25-Jährige kam im August 2014 nach Deutschland und hat sich seither bestens eingelebt. Dabei war der Start nicht leicht für den Handball-Torwart, der in seinem Heimatland einst zum Kader der U18-Nationalmannschaft gehörte.

An eine Schule zu kommen, sei in Rumänien sehr schwer. Balazs lebte in Karlsburg (Alba Iulia), einer Stadt von der Größe Gießens. Der talentierte Handballer entschloss sich gemeinsam mit seinen Eltern, einen Lebenslauf zu erstellen und ein Video ins Internet zu bringen. »Mein Ziel war Deutschland«. Also brachte er sein Material auch in deutschen Handballforen unter. Nach ein paar Kontakten mit anderen Vereinen meldete sich die TG Friedberg. Handball-Abteilungsleiter Peter Schubert und der Sportliche Leiter Ulrich Kaffenberger waren involviert, zudem natürlich auch Gert Eifert. Dann habe ich meinen alten Kumpel und Anspacher Mitspieler Lucky Cojocar [Anm. d. Red.: fünffacher rumänischer Nationalspieler, aktuell Trainer des Frauen-Zweitligisten HSG Kleenheim] gebeten, Radu anzurufen«. Kurz darauf packte Balazs seine Tasche, steckte 100 Euro ein und machte sich mit dem Bus auf den 20-Autostunden-Weg nach Deutschland. Eifert weiter: »Radu, Lucky und ich haben uns getroffen, er hat bei uns trainiert und ein Testspiel mitgemacht. Wir waren überzeugt, dass seine Verpflichtung ein Glücksgriff sein würde«. Nach dem Laufbahnende von Boris Langer war eine Nummer eins ohnehin noch nicht gefunden. Als 16-Jähriger von zuhause weg schon mal mit Themen wie Wohnung, Formalitäten und Deutschkursen. Nach wenigen Tagen war klar, dass der der ehemalige rumänische Jugendmeister und Spieler von Dinamo Bukarest nach Deutschland kommen würde. »Ich bin im Alter von 16 Jahren schon mal von zuhause weg, um in Bukarest Handball zu spielen. Aber dieser Schritt war natürlich noch größer«, erzählt Balazs heute. Angebote aus der Ersten Liga habe er gehabt – aber auch die Erfahrung gemacht, sechs Monate kein Geld bekommen zu haben. »Zusammen mit der fehlenden Perspektive im beruflichen Bereich war das auch ein Argument, es woanders zu versuchen. Es war die beste Entscheidung, nach Friedberg zu kommen. Das Leben hier ist viel besser«. Zum Leben blieb zunächst nicht viel Geld. Ein Mini-Job bei der TG, die ihm auch als Arbeitgeber die Krankenfahrten Wolff vermittelte, und ein wenig Unterstützung vom Staat – das war’s. »Es war nicht einfach, zumal ich auch erstmal eine neue Sprache lernen musste. Aber der Verein hat alles getan, um mir zu helfen«, erzählt Balazs mit viel Dankbarkeit. Er zahlte das in ihn gesetzte Vertrauen auf dem Parkett zurück, entwickelte sich sofort zum Leistungsträger und bringt seither reihenweise die Gegner in der Landesliga Mitte zur Verzweiflung; kürzlich wurden in einer Partie unfassbare 23 Paraden notiert. Schmerzlich vermisst wurde er zwischen April und Oktober diesen Jahres, als er wegen eines Kreuzbandrisses über ein halbes Jahr ausfiel. »Unser Mannschaftsphysio Axel Thielmann hat mich schnell wieder fit gemacht«. Seine Freundin Alexandra ist nachgekommen, auch die studierte Umwelttechnikerin arbeitet mittlerweile vollzeit. Balazs coacht bei der TG einige Jugendmannschaften und ist seit 1. November als Sportlehrer an zwei Schulen in Königstein und Stierstadt tätig. »Ich fühle mich wohl und freue mich, dass ich mittlerweile als Sportlehrer arbeiten kann«. Ein Besuch beim Bundesligisten HSG Wetzlar gehörte freilich auch schon zum Freizeitprogramm. Dort traf er kürzlich seinen ehemaligen U-Nationalmannschaftskollegen Ionut Ramba, der in Lemgo spielt. »Fleißig, lernwillig, menschlich top« Muntean ist in einer kleinen Stadt 15 Kilometer von Karlsburg entfernt aufgewachsen, seine Frau und Balazs-Freundin Alexandra haben zusammen Handball gespielt. Balazs sagt: »Bogdan und ich haben uns im Spaß darüber unterhalten, ob er vielleicht auch für länger nach Deutschland kommt. Ich hätte nicht gedacht, dass er es wagt«. Seit Ende August ist Muntean nun auch in Friedberg. Thomas »Lego« Keck, seit vielen Jahren in Funktion bei der TG, hatte Kontakt zum FCO Fauerbach hergestellt. Dort sagte Trainer Matthias Tietz: »Eine Chance gebe ich immer« – und so lief die Geschichte ähnlich wie bei Radu Balazs. Tietz: »Bogdan kam mit Radu zu uns ins Training. Ich habe sofort gesehen, dass er will. Er hat ‘bitte’ und ‘danke’ gesagt. Wir haben den Pass gleich nach dem Training beantragt«. Muntean integrierte sich schnell – und beeindruckt seinen Trainer nicht nur auf dem Platz, wo er die rechte Seite dicht macht. »Er lernt jeden Tag neue Wörter, ist fleißig, will arbeiten und sich menschlich weiterentwickeln«, ergänzt Tietz. Der 23-jährige Muntean kam nur eine Woche nach seiner Hochzeit nach Deutschland, seine Frau ist zunächst in Rumänien geblieben. Dort hatte der Defensivspezialist und ehemalige Drittliga-Spieler wegen eines Beinbruchs ein Jahr keine Partie absolviert, war aber wieder in vollem Training. Sein Tagesablauf ähnelt nun dem seines Kumpels Balazs zu Beginn: bei Krankenfahrten Wolff arbeiten, Deutschkurs besuchen und Fußball spielen. Ein Zurück nach Rumänien, wo er bis zuletzt in seiner Heimatstadt lebte? »Nein, das ist nicht angedacht. Ich möchte hier Fußball spielen und beruflich etwas mit Kleidung machen«. Rumänische Kartenspiele, Angeln und Tennis gehören zu ihren Hobbys – und natürlich die Spiele des Kumpels besuchen. Gerne würden sie übrigens jeweils mit ihrem aktuellen Verein aufsteigen. Mit den Klubs, die ihnen in Deutschland mehr als nur die sportliche Heimat geben.

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