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Die Kunstfahr-Trainingsgruppe mit den Trainern Sabine (3.v.l.) und Christof Stark.

Radsport

Radsport in Wölfersheim: So lebt es sich als Exot unter Exoten

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Radball und Kunstradfahren sind unter den Randsportarten Randsportarten. Beim RV Teutonia in Wölfersheim stecken die Verantwortlichen viel Liebe und Energie in ihren Verein. Sie sprechen über Trainingsbedingungen und den Fluch und Segen von guter Nachwuchsarbeit.

Es kracht und poltert durch die ganze Halle an der Wölfersheimer Singbergschule. Glücklicherweise platzt kein Reifen und springt keine Kette, denn das hört sich an "wie ein gewickelter Kanonenschlag", sagt Horst Michel. Er ist seit Jahrzehnten Materialwart beim RV Teutonia Wölfersheim, einem sehr familiären Verein mit zwei exotischen Sportarten im Angebot: Radball und Kunstradfahren.

Wie so oft bei den Randsportarten der Randsportarten teilt sich die Arbeit im Verein unter wenigen Personen auf. In Wölfersheim sind es hauptsächlich drei Familien, die sich um die Belange des RV kümmern. Da wären einmal die Heßlers. Holger Heßler ist seit März 2019 Vorsitzender, damit führt er die Familientradition weiter. Sowohl Vater Hans-Reiner als auch Großvater Hugo standen dem Verein vor. Der Dritte im Bunde übernahm das Amt vor wenigen Monaten von seinem Onkel Hilmar Heßler. Zweiter Vorsitzender ist Radballer Thomas Michel, Sohn vom Materialwart. Beide sind seit zwölf Jahren im Verein, waren vorher lange Jahre beim RV Flottweg Steinfurth aktiv.

Dann wären da die Starks. Christof ist Kunstradfachwart und leitet gemeinsam mit Ehefrau Sabine die Trainingsgruppen, in der auch Tochter Valerie dabei ist. Zu guter Letzt gibt es noch Familie Lind. Die 17-jährige Maike ist das aktuelle sportliche Aushängeschild des Vereins und vertrat den RV im März bei den Deutschen Meisterschaften. Mutter Silke sitzt als Rechnerin im Vorstand.

Der Radball-Nachwuchs des RV Teutonia Wölfersheim.

Dass es überall kracht und poltert, liegt daran, dass immer wieder Fahrräder quer auf dem Hallenboden landen. Meistens hat dann bei den Kunstradfahrern eine Übung nicht funktioniert. Stürze sind Alltag, gerade bei den Kunstradfahrern sind blaue Flecken nicht selten. "Schlimme Verletzungen kommen aber so gut wie nicht vor. Wenn man merkt, dass man stürzt, bereitet sich der Körper automatisch darauf vor", sagt Heßler. Beim Radball hat man die Regeln geändert, als sich absichtliches Fahren gegen das Hinterrad des Gegners zu etablieren drohte. "Das ist unter den Sportlern eigentlich verpönt", sagt Horst Michel.

Sie ist das sportliche Aushngeschild des RV Wölfersheim

Die Räder, die aus Stahl hergestellt werden, sind wahre Unikate. "Sie sind handgefertigt, müssen hochstabil sein. Es gibt keine Bremse, die Reifen bei den Kunstradfahrern haben bis zu 12 bar Druck." Auch die Radballer fahren auf Exemplaren, die schon Jahrzehnte überdauert haben, aber auch dank Michels Arbeit immer noch top in Schuss sind. Ein geplatzter Reifen, eine gebrochene Speiche oder eine gesprungenen Kette landen in Michels Werkstatt in der äußersten Hallenecke. "An manchen Trainingsabenden gehen bis zu zehn Speichen kaputt", sagt Michel.

Den Trainingsgruppen der Kunstradfahrer und Radballer gehören jeweils zwölf Kinder aus Wölfersheim und den umliegenden Gemeinden an. "Da sind wir gut aufgestellt", sagt Holger Heßler. Die gute Nachwuchsarbeit ist jedoch Fluch und Segen zugleich. Gerade im Winter ist der Platz begrenzt, dienstags haben die Radfahrer ein Drittel der Halle zur Verfügung. Für die Kunstradfahrer gibt es dann nur zwei Trainingsflächen. "Dafür, dass wir Leistungssport betreiben, sind diese schlechten Bedingungen unvorstellbar", sagt Christof Stark. Dazu kommt: "Eigentlich bräuchten wir für jedes Kind beim Training einen eigenen Betreuer, der Hilfestellungen gibt", sagt Sabine Stark. Auf der anderen Seite sind die RV-Verantwortlichen froh über die neue, größere Halle. "Die hat unsere Nachwuchsarbeit erst angestoßen. Vorher, in der kleineren Halle, mussten wir sogar Leuten absagen", sagt Heßler.

Dabei zählt jeder Mitgliedsbeitrag, auch wenn diese allein die Kosten nicht decken. Denn jede Reperatur ist auch ein Kostenfaktor. Die zwischen 2500 und 3000 Euro teuren Räder werden den Sportlern vom Verein gestellt, ein neuer Reifen beispielsweise liegt bei 40 Euro. "Die Ersatzteilhaltung kostet über das Jahr so viel wie die Übungsleitergebühren", sagt Michel.

Um finanziell stabil zu bleiben, richtet der Radfahrverein Veranstaltungen wie das Kinderfasching aus, aber auch sportliche Highlights wie das Junior-Masters im April, bei dem Tim Weber vom RCV Böhl-Iggelheim einen Weltrekord im Nachwuchsbereich aufstellte. "Da ist die Halle auch mal voll, das generiert Einnahmen", sagt Christof Stark. Auf der anderen Seite ist bei solchen Events auch jede Hand im Verein gefordert. "Dazu gibt es alle fünf, sechs Jahre Fördergelder vom Landessportbund, mit denen wir dann Räder kaufen können", sagt Holger Heßler. Die Sponsorensuche gestaltet sich naturgemäß schwierig. "Leute, die in unserer Vereinszeitung inserieren, laden wir zu den Veranstaltungen ein. Viele sagen dann, dass sie sowas tolles noch nicht gesehen hätten. Aber Kunstradfahren und Radball bleibt exotisch."

Nichtsdestotrotz versuchen die Wölfersheimer bei Veranstaltungen ihre Sportarten ins Rampenlicht zu rücken. So waren sie beim Hessentag in Butzbach und der Landesgartenschau in Bad Nauheim dabei. Es sind dankbare Gelegenheiten, um den Radsport der breiten Masse zu präsentieren. Das große Pfund des Vereins, das wird an diesem Trainingsabend in der Dreifelderhalle schnell deutlich, ist die familiäre Atmosphäre.

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