Ulrich Kaffenberger
+
Ulrich Kaffenberger

Handball

Prestige schlägt Bedenken

  • vonPeter Hett
    schließen

Fünf Wetterauer Handball-Größen verraten, wie sie über die WM denken, die heute beginnt. Diskutiert wird das große Teilnehmerfeld, die Absagen der Spieler und die Austragung zu Corona-Zeiten.

Die heute beginnende Handball-WM in Ägypten wird von kontroversen Debatten begleitet. Nicht zuletzt geht es um die derzeitige Sinnhaftigkeit eines Mega-Turniers mit 32 teilnehmenden Nationen. Viele werten die Austragung als abenteuerlichen Plan, mitten in der zweiten Corona-Welle, Spieler und Funktionäre aus allen Ecken der Welt anreisen zu lassen. Die Veranstalter bewegen sich auf einem schmalen Grat. Bundestrainer Alfred Gislason muss in Nordafrika gleich auf sieben Stammspieler verzichten. Drei davon sagten ihre Teilnahme aus Verletzungsgründen und vier weitere Corona-bedingt ab.

Während der Spielbetrieb an der Basis seit zehn Monaten nahezu ruht, gilt an der Spitze beinahe "Business as usual". Wie steht aber diese Basis zur WM und welche Erwartungen existieren hinsichtlich des Abschneidens der neu formierten deutschen Mannschaft. Wir haben uns darüber mit Menschen unterhalten, die in den unterschiedlichsten Funktionen auf Amateur-Ebene wirken, und deren Meinung eingeholt.

Ulrich Kaffenberger, Handball-Abteilungsleiter des Landesligisten TG Friedberg: "Grundsätzlich sind internationale Meisterschaften in einer Sportart immer immens wichtig für die Basis. Es hält deren Faszination aufrecht. Eine WM mit 32 Teams, egal zu welchem Zeitpunkt, halte ich für überdimensioniert. Da gibt es eben kommerzielle Aspekte. Das Hygienekonzept des Veranstalters sollte von den Verbänden professionell bewertet sein. Absagen einzelner Spieler respektiere und akzeptiere ich in der momentanen Situation vollumfänglich. Unser ›auf dem Papier‹ schwächeres Team sollte durch die qualitativ gute Breite deutscher Handballer kompensiert werden, auch wenn den Nachrückern internationale Erfahrung fehlt. Ich bin sicher, die Mannschaft von Alfred Gislason wird mit vollem Engagement in die Spiele gehen. Schauen wir mal, was am Ende dabei herauskommt. Als Favoriten sehe ich Dänemark und Norwegen."

Mario Fernandes, Spieler des Oberligisten TV Petterweil, Ex-Bundesliga-Akteur: "Die WM ist für die Basis eher von untergeordneter Bedeutung. Gerade in der aktuellen Zeit kann man sie kritisch beurteilen. Ob das Konzept dafür gut und sinnvoll ist, wird man wohl erst im Anschluss daran wissen. Die freiwilligen Absagen der deutschen Nationalspieler (u. a. Patrick Wiencek, Hendrik Pekeler, Finn Lemke; Anm. d. Red.) kritisch zu diskutieren, finde ich gut. Das zeigt, dass es mündige Menschen sind. Das Einzelne sich entschieden haben, nicht dabei zu sein, kann ich nachvollziehen. Ich habe großen Respekt vor dieser Entscheidung. Dass deren Fehlen die Qualität senkt, vor allem in der Abwehr, ist kein Geheimnis. Ich bin zuversichtlich, dass andere wie Johannes Golla eine gute WM spielen werden. Aufgrund der Absagen gehören wir nicht zum engeren Favoritenkreis, werden aber an guten Tagen mit allen mithalten können. Favoriten sind die ›üblichen Verdächtigen‹ Frankreich, Spanien, Norwegen, Schweden und Kroatien. Mein Geheimfavorit ist Portugal. Sie haben, eine starke Mannschaft."

Sven Tauber, Trainer des Bezirksoberligisten HSG Wettertal: "Die WM ist eine schöne, wenn auch nicht unbedingt notwendige Abwechslung. Die Spieler üben dabei ihren Beruf aus und halten sich wohl eher an die Maßnahmen, als dies im Amateurbereich der Fall ist. Das aufgeblähte Teilnehmerfeld entspricht der allgemeinen Entwicklung, die man auch in anderen Sportarten, zum Beispiel beim Fußball, wahrnimmt. Mehr Länder, mehr Spiele, mehr Vermarktung. Die Corona-bedingten Absagen sind nachvollziehbar. Als Mitspieler darf man sicherlich enttäuscht sein, dann ist es aber auch gut. Von unserer Mannschaft erwarte ich ein kämpferisches Auftreten. Die Nachrücker werfen ja nicht mit Melonen und spielen immerhin in der stärksten Liga der Welt. Da ich Sander Sagosen vom THW Kiel mag, hoffe ich auf die Norweger. Gewinnen wird das Team mit dem besten Kader, das ohne Ansteckung durch das Turnier kommt."

Siggi Bläsche, Vorsitzender des Bezirksoberligisten HSG Mörlen: Ich hätte mir eine Absage gewünscht und sehe die WM kritisch. Leider ist es eine Prestigeveranstaltung des IHF-Präsidenten. Die Idee, durch die Aufstockung der Teilnehmer den Handball in mehr Ländern populär zu machen, finde ich gut. Ob das gesamte "Blasen-Konzept" allerdings umgesetzt werden kann, ist zu bezweifeln. Corona-Fälle in einzelnen Mannschaften können zu Wettbewerbsverzerrungen führen. An der Basis werden wir aufgrund der derzeitigen Voraussetzungen von dieser WM keinen Nutzen haben. Wir werden keinen einzigen neuen Spieler begrüßen können. Titelfavorit ist für mich Norwegen. Von unserer Mannschaft erhoffe ich mir die Viertelfinal-Teilnahme. Mein Resümee: eine unnötige Veranstaltung in ungewöhnlichen Zeiten."

Jürgen Weiß, Teammanager des Landesligisten TSV Griedel: "Durch die Übertragung der WM in den öffentlich-rechtlichen Sendern halte ich sie für sehr wichtig. So findet der Handball wenigstens in der visuellen Welt statt. Sicherlich ist das aufgeblähte Teilnehmerfeld zu groß, aber kleine Verbände werden das anders sehen. Man sollte EM und WM jeweils nur alle vier Jahre austragen. Ob das Hygienekonzept in Ägypten greift, muss man abwarten. In diesen Zeiten sollten die Spieler selbst über ihre Teilnahme entscheiden dürfen. Vergleiche mit dem Vereinssport hinken, da die Vereine die Arbeitgeber der Spieler sind. Unserer Mannschaft fehlt auf entscheidenden Positionen die Erfahrung, aber wir haben einen erfahrenen Trainer. Eine Platzierung zwischen Platz sechs und acht halte ich für realistisch. Favoriten sind Norwegen, Dänemark, Spanien, Kroatien und Frankreich." FOTOS: STANZEL / NIC

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare