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Ortwein zur Heimschwäche: »Feuer und Leidenschaft fehlen«

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Rote Teufel am Boden: Drew Paris (rechts) kommt zu spät, Jan Guryca ist geschlagen. Die Dresdner Eislöwen bejubeln den 3:2-Führungstreffer beim 5:2-Erfolg in Bad Nauheim.
Rote Teufel am Boden: Drew Paris (rechts) kommt zu spät, Jan Guryca ist geschlagen. Die Dresdner Eislöwen bejubeln den 3:2-Führungstreffer beim 5:2-Erfolg in Bad Nauheim. © Joachim Storch

(mn) »Mir fehlen Feuer und Leidenschaft. Die Mannschaft muss wieder für Atmosphäre im Stadion sorgen.« – »Einige Leistungsträger erfüllen nicht das, was wir erwarten.« »Unser Team muss sich zu 100 Prozent zerreißen. Das war in den letzten beiden Heimspielen nicht zu erkennen.«

»Wir spielen in einer Kleinstadt auf Profi-Niveau mit den Zuschauern als Hauptsponsor, von dem wir leben. Und wenn die Zuschauer zu Hause bleiben, ist Zweitliga-Eishockey hier nicht zu finanzieren.« Andreas Ortwein, Geschäftsführer des EC Bad Nauheim, hat am Montagmorgen klare Worte gefunden. Am Vorabend hatten die Roten Teufel das eigene Publikum enttäuscht; wie schon in der Vorwoche. Die Begeisterung aus den Monaten September und Oktober ist verflogen. Auf einen Drei-Punkte-Erfolg im Colonel-Knight-Stadion wird seit dem 26. Oktober gewartet; seit sechs Wochen. Geradeso wurde die Marke von 2000 Zuschauern noch geknackt; das Dresden-Spiel war - der unmittelbar zuvor gewonnenen Partien in Heilbronn und Crimmitschau zum Trotz - das Heimspiel mit den drittwenigsten Zuschauern in dieser Saison; wenngleich die Mannschaft ihrem tabellarischen Anspruch gerecht wird und sich zwei Spiele vor Hauptrunden-Halbzeit der Deutschen Eishockey-Liga 2 auf Rang acht im ungemein engen Feld auf einem Pre-Playoff-Rang befindet.

»Ja. Die Leidenschaft fehlt uns derzeit ein bisschen«, bestätigte der RT-Trainer Petri Kujala die Kritik am Auftritt beim 2:5 gegen Dresden, als die Chance, nach dem 3:2-Erfolg in Crimmitschau auf Rang vier vorzurücken, einmal mehr verpasst worden war. »Wir arbeiten zu hart für diese Chance, um diese dann so leicht aus der Hand zu geben«, ärgert sich Kujala. »Nicht akzeptabel«, hatte Kapitän Patrick Strauch unmittelbar nach Spielende die Leistung umschrieben. Eine Erklärung hatten weder er noch sein Stellvertreter Harry Lange (»Wenn wir’s wüssten, dann würden wir’s ändern«) parat.

»Scheibenschieberei« nennt Kujala im Rückblick das derzeitige Powerplay, das die Mannschaft anfangs noch ausgezeichnet hatte. Keiner wolle Verantwortung übernehmen, für Chancen müsse einfach härter gearbeitet werden. 15 Überzahl-Situationen in Folge, seit vier Spielen nun, sind die Roten Teufel ohne Torerfolg mit einem Spieler mehr auf dem Eis. »Auswärts halten wir derzeit das Spiel einfacher, geradliniger. Zu Hause wirkt’s oft zu kompliziert und verspielt«, sagt Kujala nach sechs hart erkämpften Siegen und drei scheinbar leicht verschenkten Partien seit der Länderspielpause.

Der allerdings meist geäußerte Kritikpunkt nach den letzten Heimspielen: (Zu) vielen Spielern fehle neben dem Biss und dem Willen, Spielsituationen über Leidenschaft und Einsatz statt allein mit spielerischen Mitteln zu lösen, auch Körperspiel und -sprache. Während die Reihe mit Topscorer Vitalij Aab und Dusan Frosch (vereinzelt über individuelle technische Klasse) auch an formschwachen Tagen auf Grund der unbändigen Energie- und Laufleistung von Harry Lange heraussticht, wirken dahinter Max Campbell, Matt Beca und Kyle Helms trotz ihrer beiden mehr erzielten Treffer (29:27) mitunter doch recht leblos. »Wir wollten quasi zwei erste Reihen. Und da kommt derzeit zu wenig«, sagt Ortwein. In den beiden hinteren Blöcken stehen derweil Aufwand und Ertrag in einem krassen Missverhältnis.

»Wir werden deutliche Worte finden. Und am Freitag muss eine Reaktion erkennbar sein«, sagt der Geschäftsführer, der den Pulsschlag im Umfeld (»Es ist nicht immer alles schwarz oder wei?) sehr sensibel wahrnimmt. Gast sind zum Wochenende die Fischtown Pinguins aus Bremerhaven; als Titelträger auf Platz elf den Erwartungen noch hinterherhinkend. Am Sonntag spielen die Roten Teufel in Kassel, beim Überraschungsteam der ersten Saisonhälfte. »Jeder hat das Recht, Emotionen zu zeigen nach einem solchen Spiel. Am nächsten Tag müssen wir aber auch alle wieder aufstehen, uns schütteln und nach vorne schauen. Kritik ist angebracht, Daheimbleiben aber keine Lösung. Wir dürfen nicht vergessen, wo wir noch vor wenigen Jahren gespielt haben. Das sind Welten. Aber natürlich muss die Mannschaft das auch zurückzahlen«, sagt Ortwein. Aktuell - das bestätigt der Geschäftsführer - liege der Zuschauerschnitt knapp unterhalb der Kalkulation; trotz der Derbys. »Die Fans können mit Niederlagen leben, wenn die Mannschaft alles gegeben hat. Und ein Standort wie Bad Nauheim lebt von seiner Fan-Treue und -Basis.

Das müssen einige Spieler wieder verinnerlichen und den Funken gerade zu Hause überspringen lassen, damit wir wieder eine Atmosphäre schaffen, die uns ausgezeichnet und den Gegner vielleicht eingeschüchtert hat.«

Petri Kujala und Daniel Heinrizi, den Sportlichen Leiter, der dem Coach assistiert, nimmt Ortwein aus der Kritik heraus. »Die taktische Einstellung und Spielvorbereitung stimmen. Ich sehe doch Tag für Tag, mit welcher Akribie beide die Mannschaft vorbereiten. Den Spielern fehlt es an nichts. Aber den Enthusiasmus, die Vorgaben umzusetzen, die muss jeder selbst mitbringen«, sagt der RT-Chef.

Dem rückläufigen Zuschauer-Trend zum Trotz muss sich der Herr der Zahlen in diesen Tagen auch mit der Personalie David Hajek befassen. Der Tscheche, dessen Vertrag bis Jahresende läuft, konnte die Lücke, die Dan Ringwald verletzungsbedingt hinterlassen hatte, schließen. In der kommenden Woche will der Kanadier allerdings wieder ins Mannschaftstraining einsteigen, und als der oft genannte Kopf der Defensive ist Ringwald quasi gesetzt. Drew Paris, der zweite Kontingentverteidiger, scheint auf Grund seiner Torgefährlichkeit quasi unverzichtbar.

Doch: Wollen und können sich die Roten Teufel einen fünften Kontingentspieler bis Saisonende erlauben? Und welcher deutsche Spieler könnte gegebenenfalls die Position im Angriff ausfüllen, sollten sich Kujala/Heinrizi für die Variante mit drei defensiven Kontingentspielern entscheiden und Max Campbell oder Matt Beca auf die Tribüne setzen wollen? Stehen noch Mittel für eine externe deutsche Verpflichtung im Angriff bereit? Oder sollen die wirtschaftlichen Möglichkeiten nicht aus- und überreizt werden, um für einen längerfristigen Ausfall von Torwart Jan Guryca noch Handlungsspielraum zu haben? »Eine Frage greift in die nächste. Die Sportliche Leitung hat den Auftrag, Szenarien zu erarbeiten«, nennt Ortwein den Status quo.

Mit Goran Pantic und Deion Müller, die mit Mandelentzündungen ausgefallen waren, ist in dieser Woche wieder zu rechnen. Inwiefern Maik Blankart und Sven Gerbig wieder zur Verfügung stehen werden, ist noch offen.

Verteidiger Blankart, der sich am Sonntag noch warmgelaufen hatte, klagt über Schulterprobleme, die noch nicht exakt diagnostiziert wurden, während Stürmer Gerbig am Sonntag auf Grund einer Fußverletzung humpelnd im Stadion zu sehen war. »Ich komme nicht in den Schlittschuh«, sagt der 33-Jährige, der in der Vorwoche einen Schuss geblockt hatte und »drei, vier Tage Ruhe« wird einhalten müssen.

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