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Im Morgengrauen geht es los beim Ötztaler, links unten zwölf Stunden später Wolfgang und Dagi Rinn nach der Zieleinfahrt in Wärmedecken gehüllt, rechts unten Oliver Harsy (r.) und »Motivatorin« Anne Schüttler beim Passanstieg.

Radmarathon

Ötztaler: Ritt über vier Pässe

  • Ronny Herteux
    VonRonny Herteux
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Schneeregen und Kälte, der Ötztaler Radmarathon entpuppte sich als extrem unwirtliche Herausforderung, der sich auch Oliver Harsy sowie Wolfgang und Dagi Rinn gestellt haben.

Nichts überstrahlt in Europa den Ötztaler. Weit über 20 000 Anmeldungen stehen 4000 Startplätzen gegenüber. Ehemalige Profis fordern semiprofessionelle Amateur- und ambitionierte Hobbyfahrer. Der Rundkurs mit Start und Ziel in Sölden führt über 238 Kilometer und vier Alpenpässe; nach dem Kühtai warten Brenner und Jaufen, ehe das Timmelsjoch endgültig im Fahrerfeld aussortiert. Durch Felsabstürze musste bei der 40. Jubiläumsausgabe sogar eine zehn Kilometer lange Umleitung eingebaut werden, sodass 5500 Höhenmeter zu bewältigen waren.

Überhaupt ist alles anders beim Ötztaler Radmarathon. 15 Stunden lang Liveberichterstattung über ÖRM TV, Livetracking im Netz aller Teilnehmer - und die Siegerehrung wird nicht abgehalten, ehe der oder die Letzte das Ziel erreicht haben. Natürlich droht dabei immer der Besenwagen, denn vor Einbruch der Dunkelheit ist Schluss. Werden bestimmte Durchgangszeiten unterschritten, folgt der Rücktransport per Bus ins Ziel.

Stellvertretend für die heimischen Teilnehmer brauchten Oliver Harsy von der RVG Rockenberg und Wolfgang und Dagi Rinn (RV Gießen-Kleinlinden) als eines der schnellsten Ehepaare im Teilnehmerfeld natürlich keine Sorge vor dem Besenwagen zu haben. Monatelang, nein weit über eine Jahr haben die mittelhessischen »Ötzis« auf diesen Tag hingearbeitet: Kraft- und Ausdauertraining, Intervalleinheiten, Grundlagenausfahrten - es war von der Periodisierung her angerichtet. Und dann das: Die Wettervorhersage unter der Woche für den Rennsonntag war niederschmetternd - Regen, Graupel, Schneeschauer. Völlig utopisch, auf nassem Untergrund und bei Kälte auch nur annähernd die avisierten Zeiten erreichen zu können. Zwar sollte es dann doch nicht ganz so schlimm werden, allerdings die Abfahrt vom Timmelsjoch hinunter ins Ziel war für Harsy eine Grenzerfahrung: »Nie wieder«. Wie tückisch die Wettervorhersage war: 4010 Anmeldungen lagen vor, »nur« noch 2754 Starter nahmen den Ötztaler in Angriff, davon erreichten 2261 bis zum späten Abend das Ziel.

Doch der Reihe nach: Der inzwischen wieder in Fernwald lebende Harsy ist ein sportliches Multitalent als Läufer, Triathlet oder reiner Radfahrer, und »irgendwann habe ich mal aufgeschnappt, dass der Ötztaler das Maß der Dinge wäre, wenn man Rennradfahrer ist«. Obwohl Harsy »nicht so der Bergfahrer ist«, nach einer Doku auf Youtube war die Entscheidung gefallen. »2019 habe ich mich dann mit einem Rockenberger Vereinsfreund angemeldet« - und beim Losverfahren gleich Glück gehabt. 2020 fiel der Ötztaler wegen der Pandemie allerdings aus, sodass es in diesem Jahr soweit war mit der Premiere: »Meine Frau und ich haben ein verlängertes Wochenende daraus gemacht, »und es tut mir für sie als Supporterin schon sehr leid, dass sie bei dem schlechten Wetter eigentlich gar nichts davon hatte«.

Am Abend zuvor wurde beim gemeinsamen Essen mit Rinns und der Gießenerin Anne Schüttler die Taktik besprochen. »Trotz expliziter Warnung von Dauerstarter Wolfgang Rinn habe ich am Brenner leider etwas überzogen. Am Jaufen war es dann im Prinzip um mich schon geschehen. Da musst du nur ein klein wenig zu schnell sein und dann fällst du in ein Loch und kommst da auch nicht mehr raus. Man fährt dann noch zu Ende, aber eigentlich ist es kein Rennen mehr, sondern nur noch Quälerei.«

Doch es sollte noch schlimmer kommen: Vor dem Timmelsjoch »habe ich die ganze Zeit mit mir gerungen, nicht doch bei Regen und Kälte in den Besenwagen einzusteigen. 25 km nur hoch, nachdem man schon im Eimer ist. Wäre Anne Schüttler nicht gewesen, dann hätte ich das vielleicht nicht fertig gefahren. Mit ihr war ich ab dem Jaufenpass zusammen unterwegs.«

Die Abfahrt vom Timmelsjoch ins Ziel nach Sölden »war dann wirklich sehr gefährlich. Ich glaube, ich wäre beinahe erfroren. Bei null Grad Celsius und Schneeregen haben wir uns da zusammen runtergebremst, obgleich man von Bremswirkung kaum sprechen konnte.« Im Ziel, so lässt Harsy wissen, sollen die Zähne »noch mindestens zwei Stunden lange geklappert« haben. Nichtsdestotrotz, den Ötztaler würde er »auf jeden Fall noch mal fahren wollen, aber nur noch bei schönem Wetter!« Die Zielzeit: 13:01:23 Stunden, für Anne Schüttler 13:01:24 Stunden.

Wolfgang Rinn wollte nach 10:57 Stunden im Regen von 2019 diesmal die Zehn-Stunden-Marke knacken, allerdings war dies unter diesen Voraussetzungen illusorisch. Kurzerhand änderte er seine Strategie und begleitete Ehefrau Dagi über die 5500 Höhenmeter. Der Fachwart für Radtouren- und Countrytourenfahren im Hessischen Radfahrerverband wollte kein unnötiges Risiko eingehen: »Grundsätzlich war der Plan B, zur Not auch aufzuhören, denn keiner von uns verdient sein Geld damit.« Vier Grad Celsius am Start, »unbarmherzig stellte sich der Haimberger-Sattel als Alternativroute« in den Weg, neun Kilometer zwischen elf und 14 Prozent Steigung. Ab Kühtai bogen die »Ötzis« wieder auf die Originalstrecke, »wo uns die Bergwelt bei null Grad und frisch verschneiten Gipfeln empfing«. Bei der Verpflegungsstation war alles corona-gerecht organisiert, »wer allerdings auf Bestzeit fährt, hat hier schlichtweg nichts zu suchen. Da wir unser ursprüngliches Ziel wegen der Wetterprognosen schon abgehakt hatten, lautete die Devise: einfach durchkommen.«

Auf dem Weg zum Brenner »merkte man die fehlenden Teilnehmer, wir haben fast bis Matrei gebraucht, um eine homogene Gruppe zu finden, so richtig Pace machen wollte da aber auch keiner.« Bei der Abfahrt überholten Wolfgang und Dagi Rinn den den Brenner zu schnell angegangenen Harsy. Erst im Ziel sollten sie sich wiedersehen.

Auf dem Anstieg zum Jaufenpass hätte es laut Vorhersage ohne Unterlass regnen sollen, doch es kam anders - und »wir waren schlichtweg zu dick angezogen. An der Kontrolle angekommen, waren Rinns zehn Minuten schneller als 2019, trotz der zusätzlichen 10-km-Schleife. Unten im Passeiertal wurden sie von fast 30 Grad Celsius empfangen, »die Trikottaschen war voll bis obenhin und es war immer noch zu warm«. Allerdings: »Mit jedem Höhenmeter zum Timmelsjoch sank die Temperatur, nun setzte auch der erwartete Regen ein. »Heftiger Wind, Nebel, Schneegraupel, Petrus hat offenbar in unserer letzten Stunde alles nachgeholt, wovor er uns zuvor verschont hatte«. Die Abfahrt zur Mautstation mit Topspeed 96 km/h war der »reinste Blindflug«. Und die letzten 25 km bis Sölden wollten »wir einfach nur noch heil herunterkommen«. Und eine Überraschung wartete im Ziel auf Dagi Rinn: In 11:53:49 Stunden belegte die Pohlheimerin Platz acht in ihrer Altersklasse, ihr Ehemann hatte nach 11:49:19 Stunden das Ziel erreicht.

Apropos Sieger: Der 38-jährige Ex-Profi Johnny Hoogerland, der zwischen 2011 und 2013 dreimal die Tour de France unter die Räder genommen hatte, hielt in 7:21:01 Stunden die Konkurrenz in Schach, nachdem er vor dem Timmelsjoch den bis dahin führenden Mattia De Marchi (3./7:28.27) überlangt hatte. Bei den Frauen wiederholte Christina Rausch (Hamburg) in 8:15:20 Stunden ihren Sieg aus 2019.

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