"In den Norden und das Meer verliebt"

Da stand er nun. In einem beengten Raum vor einem Stuhl und einem Spind, und mehr als 850 Kilometer von zuhause entfernt. Irgendjemand hatte ihm noch Kufenschoner in die Hand gedrückt, und dann ging’s los. Raus ins Freie. Von der "Baracke", wie die Kabine der Rostock Piranhas unter den Eishockey-Profis noch heute genannt wird, 100 Meter weiter in die Eishalle. Wind, Schnee und Regen gehörten dazu, manchmal kreuzte der Weg den der Hansa-Fans, die - nur einen Steinwurf entfernt - im Ostseestadion, im Abstiegskampf der Fußball-Bundesliga, ihre Mannschaft unterstützt haben.

"Ja", sagt Christian Franz - an seinen ersten Eindruck denkend - mit einem Schmunzeln, "damals war dort oben schon alles recht jungfräulich." Im Winter 2004/2005 war der Verteidiger, dessen befristeter Vertrag beim EV Weiden nach Unstimmigkeiten mit dem Trainer nicht verlängert worden war, aus seiner Heimat Kaufbeuren (hier hatte er sich fit gehalten) an das andere Ende der Republik gewechselt. "Ich wollte einfach nur spielen; zur Not auch zwei Klassen tiefer." Dreieinhalb Monate sollte das Abenteuer zunächst dauern, letztlich sind dreieinhalb Jahre daraus geworden. "Ja, ich habe mich schon in den Norden und das Meer verliebt", gesteht der 28-jährige Bayer, für den die Playoff-Halbfinal-Serie zwischen dem EC Bad Nauheim und den Rostock Piranhas damit gewiss unter einem ganz besonderen Aspekt steht.

Franz hat in der 200 000-Einwohner-Stadt seinen Freundeskreis und inzwischen auch sein privates Glück gefunden. Am Sonntag Abend werden erstmals auch die Eltern seiner Lebensgefährtin auf der Tribüne sitzen und "schauen, was ich da eigentlich so treibe." Die Roten Teufel bräuchten sich nicht zu verstecken, meint er. "Ich bin absolut davon überzeugt, dass wir weiterkommen. Wir haben das Potenzial, das Finale zu erreichen.

Und gerade gegen die starken Klubs haben wir immer unser besten Leistungen gezeigt", sagt Franz, der noch immer enge Beziehungen "zu zwei, drei Spielern" der Piranhas hält. Am Wochenende habe per Telefon sogleich der übliche "Trash-Talk" begonnen.

Das Ostseebad Warnemünde, hier wohnen die meisten Angestellten der Piranhas, hat es ihm angetan. Im Sommer wie im Winter. Zehn Minuten waren’s zum Strand, wo samstags der Fisch fangfrisch über die Verkaufstresen geht, "wo im Sommer immer was los ist" und im Winter der schneebedeckte Sand "einen besonderen Reiz" ausübe. "Rostock ist auf jeden Fall eine Reise wert", erzählt Franz, der selbst in den Sommermonaten - profi-untypisch - seinen Lebensmittelpunkt in der Hansestadt hatte und rasch auch langjährige Freunde nach einem Besuch von den Vorzügen des Nordens überzeugen konnte. "Anfangs haben sie in Kaufbeuren schon recht skeptisch gefragt, was ich denn dort wolle. Mittlerweile können es die, die mich besucht haben, verstehen."

Die berufliche Ausbildung hat Christian Franz im Sommer nach Bad Nauheim geführt. Bei Werbepartner "Kältec" in Münzenberg absolviert der Verteidiger eine dreijährige Lehre zum Bürokaufmann, der Jahresvertrag mit der Spielbetriebs GmbH beinhaltet entsprechende Optionen, die die Klub-Funktionäre zur Verlängerung ziehen können, sollte die sportliche Leistung stimmen.

Die Rostock Piranhas, genauer gesagt: Kevin Richardson, verbindet Christian Franz mit seiner einzigen verletzungsbedingten Pause in dieser Saison. Am 30. November 2008, beim zweiten Gastspiel an seiner ehemaligen Wirkungsstätte, war er von kanadischen Neuzugang übelst niedergestreckt worden. Der Stock zerbrach beim Schlag in den Nackenbereich, Franz sackte zusammen, verlor das Bewusstsein und kam erst im Krankenwagen wieder zu sich. "So geht man bestimmt nicht in einen Zweikampf." Franz musste vier Spiele pausieren, war krankgeschrieben und sah nur verschwommen. Eine Entschuldigung fehle bis heute, die Sache sei aber abgehakt, verdrängt und spiele keine Rolle mehr. "Nein, ich habe aber keinerlei Rachegedanken. Damit würde ich auch nur der Mannschaft schaden. Wenn wir uns in der Ecke begegnen, werde ich ihn schon wahrnehmen und hart, aber fair attackieren."

Eine mit 1800 Zuschauern ausverkaufte Halle an der Schillingallee erwartet Franz am Sonntag, "doch Rostock ist eben eine Fußball- und keine Eishockey-Stadt" zieht er einen Vergleich zu Bad Nauheim. "Wenn ich früher mit Wolfsburg hier im Kurpark gespielt habe, war die Atmosphäre beim Einlaufen schon wirklich beeindruckend. Hier spürt man Geschichte und Geschichten." Mit der ersten Playoff-Teilnahme im professionellen Eishockey nach fünfjähriger Wartezeit könnte in Bad Nauheim vielleicht wieder an diese Zeiten angeknüpft werden. Michael Nickolaus

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