Thomas Kittel
+
Thomas Kittel

"Noch weit weg von Wettkämpfen"

  • vonRedaktion
    schließen

(hjo). Thomas Kittel hat im Schwimmsport schon einiges erlebt. Er war selbst Leistungsschwimmer und nach seiner aktiven Karriere erfolgreicher Trainer. Von 1988 bis 2004 coachte er beim EOSC Offenbach unter anderem Weltklasse-Athleten wie Michael Groß und die Bundesliga-Mannschaft. Seit 1999 gehört er der Geschäftsstelle des Hessischen Schwimmverbandes (HSV) an - seit 2004 nunmehr als Geschäftsführer. Unser Redakteur Harald Joisten sprach mit dem 51-Jährigen, der in Sulzbach im Main-Taunus-Kreis wohnt, über die aktuelle Situation im hessischen Schwimmsport, über Schwierigkeiten beim Training und die Wettkampf-Aussichten mit Fernblick Olympia 2021.

Wie kann man die Situation im hessischen Schwimmsport einschätzen? Wie wirkt sich Corona aufs Training aus?

Das Problem ist vielschichtig und regional sehr unterschiedlich. Die Bundeskader in Hessen haben die Möglichkeiten, hier am Stützpunkt in Frankfurt seit einigen Wochen relativ normal zu trainieren - in kleinen Gruppen unter Einhaltung der Hygienekonzepte. Ansonsten sind wir regional stark von den einzelnen Badbetreibern abhängig. Manche Bäder öffnen gar nicht, andere seit Kurzem wieder für ganz normales Vereinstraining, auch ohne Kadersportler.

Welchen Corona-Kontaktregeln unterliegen die Schwimmer?

Abstandsregeln an Land sind so wie für alle anderen auch. Man muss einer Person einen Raum von fünf Quadratmetern einräumen. Diese Annahme geht davon aus, dass die Leute sich nicht bewegen. Wenn ich ein zielgerichtetes Training machen möchte, muss ich ja Bahnen schwimmen. Dort gilt der Zwei-Meter-Abstand. Die Schwimmbahn ist in der Regel 2,50 Meter breit. Man kann sich also kaum auf einer Bahn entgegenkommen.

Wie wirkt man dem entgegen?

Unser Bundesverband hat beschlossen, einen Zwei-BahnenBetrieb machen zu dürfen. Das heißt, man schwimmt in der rechten Bahn hin, wechselt dort auf eine Nebenbahn und dort zurück. Damit hat man die zwei Meter Abstand gewahrt.

Das heißt, man nimmt die Leine in der Mitte der beiden Bahnen raus?

Meistens ja. Falls nicht, taucht man bei der Wende unten drunter durch.

Das ist schon kurios...

Ja.

Wie viele Sportler dürfen gleichzeitig auf diesen zusammengelegten zwei Bahnen schwimmen?

Insgesamt acht. Das Ganze funktioniert gut, solange sie alle in Bewegung sind. Kritisch wird es, wenn sie eine Pause machen.

Weil sie dann nebeneinander am Beckenrand stehen?

Bei erfahrenen Schwimmern, die schon während des Schwimmens entsprechende Abstände einhalten, können die, die zuerst angekommen sind, schon wieder losschwimmen, wenn die Nächsten ankommen. Bei Jüngeren, die ihr Tempo nicht so kontrollieren können, kann es dann schon enger als zwei Meter werden.

Gibt es einen Überblick, wie viele Vereine das Training wiederaufgenommen haben?

Nein, wir kriegen eigentlich keinerlei Rückmeldungen. Wir haben allerdings vor ein paar Wochen mit den anderen Wassersportverbänden eine Befragung bei den Vereinen gemacht, wo schwimmen überhaupt möglich wäre. Da hat sich ungefähr herauskristallisiert, dass nur etwa ein Drittel die Möglichkeit hat, Wasserflächen nutzen zu können.

Es könnte also sein, dass fast 70 Prozent der hessischen Schwimmvereine noch nicht oder nur eingeschränkt trainieren können?

Das möchte ich so nicht unterschreiben, kann aber sein.

Gibt es Rückmeldungen, ob der HSV durch die lange Zwangspause Mitglieder verloren hat?

Aktuell haben wir keine Rückmeldung in dieser Richtung. Für dieses Jahr sind unsere Mitgliederzahlen stabil. Letztes Jahr hatten wir 192 Vereine, jetzt sind es 191. Auch die Gesamtmitgliederzahl ist seit Jahren mit rund 42 500 kons-tant. Allerdings können nur einmal jährlich beim LSBH die Zahlen gemeldet werden, in den meisten Vereinen kann man erst zum Jahresende kündigen. Es kann sein, dass uns das 2021 einholt. Aber was man hört, ist es eher so, dass die meisten solidarisch sind. Schwimmen ist auch von den Mitgliedsbeiträgen nicht teuer. Ich bin optimistisch, dass es uns nicht so heftig erwischt.

Wie weit ist der Schwimmsport noch weg vom Wettkampf?

Sehr weit, ganz weit. Bis Herbst ist alles abgesagt.

Es gibt keine Signale, wann es wieder losgehen könnte?

Keine konkreten. Es ist aus meiner Sicht auch schwierig, einen Wettkampf zu terminieren, wenn man vorher nicht richtig trainieren konnte.

Für die Topschwimmer heißt das Fernziel Olympia 2021. Welche Athleten aus Hessen können es nach Tokio schaffen?

An der Spitze natürlich Sarah Köhler. Marco Koch hat sich auch wieder herangearbeitet. Seine Lebensgefährtin Reva Foos (alle SG Frankfurt, Anm. d. R.) ist auch auf den Freistil-Strecken eine absolute Staffel-Kandidatin. Jenny Mensing (SC Wiesbaden) ist auch immer eine Kandidatin, wenn sie ordentlich trainieren kann. Jan-Philipp Glania (SG Frankfurt) hat sein Studium abgeschlossen, arbeitet im Moment und hatte sich eigentlich auch zum Ziel gesetzt, seine dritte Olympia-Teilnahme zu schaffen. Aus dem erweiterten Nachwuchsbereich gibt es noch Anna Elendt (DSW Darmstadt) und Lucas Matzerath aus Frankfurt. Auch im Freiwasserschwimmen gibt es Kandidaten wie Niklas Frach aus Gelnhausen. Zudem kann immer noch einer über sich hinauswachsen. FOTO: PRIVAT

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare