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»Nicht alles schlecht reden«

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Geschäftsführer Andreas Ortwein (links) zieht im Gespräch mit WZ-Redakteur

Michael Nickolaus Bilanz.
Geschäftsführer Andreas Ortwein (links) zieht im Gespräch mit WZ-Redakteur Michael Nickolaus Bilanz. © Andreas Chuc

Der EC Bad Nauheim spielt auch in der Saison 2015/16 in der Deutschen Eishockey-Liga 2. Am Osterwochenende hat Andreas Ortwein, der Geschäftsführer der Roten Teufel, im Gespräch mit WZ-Redakteur Michael Nickolaus Bilanz gezogen.

Andreas Ortwein, mit etwas Abstand zur Saison: Was überwiegt? Die Erleichterung über den Klassenerhalt, die Enttäuschung über die verpasste Playoff-Qualifikation, oder die Freude, den Standort Bad Nauheim strukturell entwickelt zu haben?

Andreas Ortwein: Erleichterung habe ich im ersten Moment verspürt. Derzeit überwiegt das Gefühl der Freude, in den Zweitliga-Planungen Sicherheit zu haben.

Sie haben in den vergangenen Tagen mit allen Spielern gesprochen. Welche Erkenntnisse haben Sie daraus gewonnen? Warum hat es nicht für Rang zehn gereicht?

Ortwein: Die Spieler haben eine sehr reale Wahrnehmung ihrer eigenen Leistung und sind sehr selbstkritisch. Am Ende waren es sehr viele Kleinigkeiten, die zusammengekommen sind. Unser Kader war von Spielertypen geprägt, die über das Spielerische kommen, nicht über die Physis. Das Quäntchen Glück in Spielen beispielsweise gegen Riessersee und Landshut hat sicherlich auch gefehlt. Ebenso die Kadertiefe. Wenn Spieler ausgefallen sind, hat auch die Trainingsarbeit gelitten, hat der Konkurrenzdruck gefehlt. Aber man muss sich das vor Augen führen: Wir haben – wie Landshut – 27 Spiele gewonnen.

Dennoch trennen uns sechs Tabellenplätze. Das zeigt, wie eng alles ist. Vielleicht haben wir uns von den Zusatzpunkten auch irritieren lassen, glaubten, noch immer ausreichend Zeit zu haben. Unser Wunsch, ein aggressives Forechecking zu spielen, konnte nicht immer umgesetzt werden. Wir hatten eine technisch hochbegabte Mannschaft, der die physischen Typen gefehlt haben. Auf der anderen Seite waren wir in den Special Teams gut aufgestellt, waren jeweils fünftbeste Mannschaft in Über- und Unterzahl. Umso erstaunlicher ist Platz elf in der Tabelle. Klar ist: Wir haben unser Ziel verpasst, und da gibt es nichts schönzureden. Allerdings dürfen wir jetzt wegen drei Punkten auch nicht alles schlecht reden, dürfen nicht vergessen, was wir alles geleistet haben und was die DEL 2 für Bad Nauheim bedeutet. 27 Spiele gewinnt man nicht einfach so. Und man gewinnt auch nicht einfach so in Frankfurt oder Kassel.

Zur Partie in Kassel hatten Corey Mapes und Alexander Thiel den Kader enorm aufgewertet. War es denn am Ende vielleicht nur eine einzige fehlende Position, die den Unterschied ausgemacht hat?

Ortwein: Ja, vielleicht. Allerdings kann man uns als GmbH jetzt nicht mangelnde Risikobereitschaft vorwerfen, wenn sowieso 55 Prozent des Etats flexible Einnahmen sind. Wir mussten im Januar vernünftig sein – der Mindestlohn und ungeplante Ausgaben für das Stadion im Sommer haben sowieso schon erhebliche Mehrkosten gebracht. Der Markt wurde aber doch sondiert. Zwei Deals mit DEL-Klubs sind im letzten Moment geplatzt. Wir hätten einen Spieler bekommen, gleichzeitig einen anderen Spieler in die DEL2 abgegeben. Beide Fälle waren wirtschaftlich zu realisieren, aber in beiden Fällen sind die Wechsel in letzter Konsequenz an der Zustimmung der DEL-Klubs gescheitert.

Welche Konsequenzen ziehen Sie aus den Einzelgesprächen mit den Spielern?

Ortwein: Wenn zehn Spieler mir unabhängig voneinander teils gleiche Dinge sagen, dann muss etwas dran sein, dann muss man das aufnehmen und versuchen, gegenzusteuern. Einiges habe ich eingangs schon genannt. Da spielen aber auch Kleinigkeiten eine Rolle; Trainingszeiten zum Beispiel. Andere Klubs haben eine zweite Eisfläche oder einen Kraftraum vor Ort. Der gehört einfach dazu.

Da sagen die Jungs ganz klar – das ist alles andere als optimal. Wenn wir morgens trainieren, können wir den Nachwuchs nicht integrieren für die Kadertiefe, trainieren die Profis abends, nehmen sie dem Nachwuchs eine Eiszeit weg. Das ist nur ein kleines Beispiel, aber das zeigt, dass Optimierungsmöglichkeiten bestehen. In vielerei Hinsicht.

Der Zuschauer hat die Leidenschaft vermisst. Wie wird der Unmut der Fans im Gesellschafterkreis wahrgenommen?

Ortwein: Die Enttäuschung unmittelbar nach einem Spiel ist doch normal. Das ist bei den Gesellschaftern nicht anders als bei den Fans. Am Tag danach überwiegt dann aber schon wieder die Freude, Zweitliga-Eishockey in Bad Nauheim sehen zu können. Natürlich wissen wir um Stimmungen bei Teilen der Zuschauer, haben mit dem Förderverein die Stimme der Fans ja bewusst im Gesellschafterkreis. Und im Grunde genommen sind es doch die gleichen Dinge, die Fans und Verantwortliche ärgern. Nur äußern wir unsere Kritik eben nicht so laut. Eine GmbH wird eigentlich immer von Fachkräften aus der Wirtschaft geführt, die unter anderem auch nach wirtschaftlichen Kriterien entscheiden. Und da lassen sich doch nun mal nicht alle Wünsche realisieren.

Der Eindruck entstand, das Team sei in der Entwicklung stehen geblieben?

Ortwein: Ist ein Tim May stehen geblieben? Ist ein Dusan Frosch stehen geblieben? Wer hatte einen Maik Blankart vor der Saison auf der Rechnung? Nein. Diese Einschätzung teile ich nicht. Ehrlich: Wie haben sich andere Mannschaften denn weiterentwickelt? Bietigheim holt als unangefochtener Tabellenführer einen Frederik Cabana aus der DEL. Frankfurt holt zusätzliche Kontingentspieler. Das sind nur zwei kleine Beispiele. Wir haben unseren Etat während der Saison ebenfalls erhöhen müssen, allerdings mussten wir dieses Geld in viele Dinge stecken, konnten leider nicht in den Kader investieren.

Das Interesse an DEL 2-Eishockey ist – wenngleich die Derbys den Zuschauerschnitt leicht anheben – ungebrochen.

Ortwein: Das zeigt den Rückhalt, auch in einer durchwachsenen Saison. Wir müssen natürlich Defizite aufarbeiten und neue Reize setzen. Aber wir dürfen auch nicht alles über den Haufen werfen. Wir wollen langfristig im Rahmen der Agenda 2020 etwas aufbauen, müssen unsere Fans dazu bringen, die gleiche Geduld mitzubringen, die auch wir als Verantwortliche haben. Standorte wie Iserlohn oder Straubing sind doch tolle Beispiele, wobei ich die DEL-Teilnahme in Bad Nauheim für illusorisch halte. Aber in ihrer Entwicklung können sie für uns Vorbildfunktion haben. Was sich da über die vergangenen zehn, 15 Jahre getan hat, ist Wahnsinn. Natürlich gehören Meckern und Pfeifen nach schlechten Spielen dazu. Aber Bad Nauheim muss seine Rolle akzeptieren. Wir werden keine Mannschaft mit Stars wie 1999 oder 2004 mehr präsentieren können. Diese Möglichkeiten haben wir nicht.

Aber warum sollen wir nicht in einer Rolle wie der SC Freiburg in der Fußball-Bundesliga über Jahre hinweg mit einer jungen, deutschen Mannschaft überraschen und begeistern können? Eines ist uns natürlich bewusst: Die Wahrheit liegt auf dem Eis, und ab dem 15. August beginnt die neue Reise. Da muss ein Team auf dem Eis stehen, das den Zuschauern zeigt, dass es die gleiche Identifikation und Leidenschaft mitbringt wie der Fan auf der Tribüne.

Wirtschaftlich wird Bad Nauheim nicht in Dimension von Bietigheim, Bremerhaven, Frankfurt und Kassel vorstoßen können, infrastrukturell – Sie haben es angesprochen – sind andere Klubs mit modernen Stadion oder einer zweiten Eisfläche den Roten Teufeln voraus. Dennoch ist in der Agenda 2020 mittelfristig ein Platz unter den Top Vier zum Ziel gesetzt worden.

Ortwein: Ich denke, dass wir in vielen Bereichen noch Verbesserungen herbeiführen können, dass wir die vorhandenen Möglichkeiten effektiver nutzen können. Klar ist auch, dass wir in den nächsten zwei bis vier Jahren unsere Gelder nicht allein in den Kader stecken können, sonst verpassen wir infrastrukturell ganz schnell den Anschluss. Natürlich würde uns eine Playoff-Teilnahme mit drei bis vier Spielen einen enormen Schub geben. Dafür arbeiten wir alle hart.

Wie haben die Werbepartner die Entwicklungen wahrgenommen?

Ortwein: Wir haben ein durchweg sehr positives Feedback bekommen. Es gibt niemanden, der sich vom sportlichen Abschneiden in seiner Entscheidung zur weiteren Zusammenarbeit hat beeinflussen lassen. Aber natürlich gibt es unter den Sponsoren auch echte Fans, die schon lange dabei sind. Dass diese sich nach Niederlagen genauso ärgern, ist ganz normal.

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