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Aus Nachbars Garten zum Meistertitel

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(mn) Deutscher Tischtennis-Meister der Leistungsklasse A. Patrick Nicklas aus Kloppenheim hat bei den Titelkämpfen in Seligenstadt den bislang größten Erfolg seiner noch jungen Laufbahn gefeiert. Bemerkenswert: Der 20-jährige Regionalligaspieler vom TTC Lampertheim war nie Mitglied im Leistungszentrum des HTTV..

Im Wohnzimmer des Elternhauses stehen die Pokale aus den Nachwuchsjahren säuberlich aufgereiht. Zwei, vielleicht sogar drei Dutzend mögen es sein. Medaillen baumeln daneben. Die Urkunden hat Mutter Anita in zwei Leitz-Ordnern gesammelt. Sie erzählen von der Teenagerzeit, von Zwischenstationen auf dem sportlichen Weg des Biologiestudenten, der vor elf Jahren seine Leidenschaft zum Spiel mit dem Zelluloidball entdeckte und heute zu den stärksten Spielern aus dem Wetteraukreis zählt. r

In einer Neuauflage des hessischen Endspiels besiegte der Rechtshänder bei den Deutschen Meisterschaften der Leistungsklasse A in Seligenstadt seinen Kontrahenten Johannes Linnenkohl vom TTV Richtsberg mit 3:1 Sätzen. Zuvor, in der Gruppenphase, hatte Nicklas im Spiel um den Staffelsieg dem fünffachen deutschen Einzelmeister, WM-Finalisten und Mixed-Europameister Wilfried Lieck gegenüber gestanden. »Mit einer Mischung aus Respekt und Freude«, sagt er und spricht nach dem Duell mit der heute 69-jährigen deutschen Tischtennis-Legende von seinem »größten Sieg«.

Die Erfolgsgeschichte von Patrick Nicklas beginnt 2004 sprichwörtlich in Nachbars Garten. Der damalige Kurt-Schumacher-Schüler entdeckte seine Passion, wurde Mitglied beim TV Okarben, spielte dort im Schüler- und Jugendbereich und suchte obendrein auf Ranglisten- und Sportturnieren weitere Herausforderungen. »Im Radius von 120 Kilometern waren wir immer unterwegs«, sagt Anita Nicklas, die sich zusammen mit ihrem Mann Heinz vom sportlichen Ehrgeiz ihres Sohnes hatte anstecken lassen und ihn kreuz und quer durch Hessen begleitete. »Viele andere Jugendliche waren besser, wurden im Leistungszentrum Frankfurt intensiv gefördert. Diese Chance habe ich nie bekommen«, erinnert sich Patrick Nicklas, dessen Talent von Branka Batinic endeckt worden ist. Die kürzlich als Ü 50-Europameisterin gekürte ehemalige Bundesligaspielerin des TTC Assenheim, die heute in Florstadt zu Hause ist, hatte das Nachwuchstraining in Okarben übernommen und empfahl Nicklas einen Vereinswechsel, um dessen Fähigkeiten in leistungsstärkeren Spielklassen zu entwickeln. »Sie hat entscheidend Einfluss genommen und mich geprägt«, sagt Nicklas über Batinic, die ihn noch heute ab und an betreut.

»Sie hat eine unheimliche Erfahrung, kann motivieren und stellt mich hervorragend auf meine Gegenspieler ein.«

Über Bergen-Enkheim (Bezirksoberliga Jugend) ging es nach Bad Homburg, wo er sich als 16-Jähriger im Herren-Bereich mit einer makellosen Bezirksklassen-Vorrundenbilanz im mittleren Paarkreuz für das Bezirksliga-Team empfehlen konnte. Aus dem Taunus erfolgte der Wechsel zum TTC Höchst/Nidder II, wo ihn Christian Löffler unter seine Fittiche nahm. Obendrein nutzte Nicklas die Option, ausgewählten hessischen Jugendlichen als Sparingspartner zu

dienen. »Das hat mich enorm weitergebracht«, sagt er heute. Mit Nieder-Roden gelang zwischen 2011 und 2013 der Durchmarsch von der Verbandsliga in die Oberliga, im deutschen Pokal erreichte die Mannschaft das Viertelfinale. In der vergangenen Spielzeit begleitete Nicklas ursprünglich Position fünf in Lampertheim, dem einzigen hessischen Viertligisten, wo er zumeist an vier eingesetzt wurde und – mitunter gegen internationale Profis – eine ausgeglichene Bilanz vorweisen kann.

Die Mischung aus »Taktik, Kombinationen und Varianten« mache die Faszination aus, sagt der Hobby-Pianist, der gemeinsam mit Freundin Laura vor einigen Wochen eine Wohnung in Langen bezogen hat. Kennengelernt haben sich die beiden - wie könnte es anders sein - beim Tischtennis. »Das ist natürlich unheimlich wichtig, dass sie dieses Interesse teilt.« Viertliga-Tischtennis ist durchaus zeitintensiv. Einmal wöchentlich pendelt Nicklas die rund 60 Kilometer nach Lampertheim, trainiert ansonsten in umliegenden Vereinen. Gleich sechs nordrhein-westfälische Mannschaften tummeln sich in der Regionalliga West, verbunden mit den entsprechenden Fahrten dorthin.

Er habe das Pech gehabt, in einem spielstarken hessischen Jahrgang geboren zu sein, habe mit viel Ehrgeiz und Disziplin arbeiten müssen. »Manchmal war’s schon extrem frustrierend zu sehen, welche Möglichkeiten andere Spieler bekamen. Die waren oft gesetzt, da hatte ich nicht mal die Chance zu zeigen, dass ich sie schlagen kann«, sagt er.

Schnelligkeit, den Vorhand-Topspin und das Blockspiel sieht der Angriffsspieler als seine Stärken, auch die osteuropäische Denkweise seiner Trainerin, den Ball im Spiel zu halten und nicht gleich den Angriff zu suchen, habe ihn geprägt. An der Rückhand müsse er noch arbeiten, »höherklassig hat man ohne Rückhand keine Chance.«

Patrick Nicklas sieht sich nach dem Titel noch nicht am Höhepunkt angekommen. Eine ausgeglichene oder gar positive Bilanz im mittleren Paarkeuz der Regionalliga sei nun das Ziel, und natürlich wünscht er sich, irgendwann auch einmal Timo Boll an der Tischtennisplatte gegenübertreten zu können.

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