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Nach den Punkteabzügen: Im Gespräch mit NRW-Eishockey-Obmann Markus Schweer

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Hat der EC Bad Nauheim seine Hausaufgaben nicht gemacht, oder hat die Passstelle des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen den einzigen hessischen Klub der Eishockey-Oberliga ins berühmte offene Messer laufen lassen? Gleich drei der bislang fünf Begegnungen (und damit sechs Punkte) haben die Roten Teufel am Grünen Tisch verloren - die Konsequenz: Tabellenplatz sieben statt Rang zwei.

»Es ist einfach, immer dem Verband die Schuld zuzuschieben; eine regelrechte Marotte«, sagt Markus Schweer. Der 35-Jährige ist seit 2005 Eishockey-Obmann im Seniorenbereich des Landesverbandes. Als »Kuttenträger«, wie er selbst sagt, hat Schweer 1991 seine Liebe zum Eishockey entdeckt; als Fan des EC Lünen. Zwischen 1998 und 2004 führte der Beamte den EC Bergkamen als Vorsitzender. Das erste Fan-Trikot habe er bis heute, bekennt er im Exklusiv-Gespräch mit WZ-Sportredakteur Michael Nickolaus. Markus Schweer wundert sich dabei über Statuten-Unkenntnis bei den Roten Teufeln, räumt Fehler ein, veranschaulicht aber auch, warum eine Spielwertung in allen drei Fällen aus seiner Sicht unumgänglich war. Die mündliche Anhörung bezüglich aller drei Partien ist für den 30. Oktober vorgesehen.

Markus Schweer, warum kann Dennis Cardona einen Spielerpass vorlegen, wenn dessen Unterlagen nicht vollständig vorliegen?

Schweer: Vom Spieler Cardona liegen alle zur Passausstellung erforderlichen Unterlagen vor. Allerdings ist zwischen einer Spielberechtigung und einer Einsatzbeschränkung zu unterscheiden. Und ich war Anfang der Woche nach einem Gespräch zwischen LEV-Präsident Wolfgang Sorge und RT-Gesellschafter Wolfgang Kurz doch sehr überrascht zu erfahren, dass man in Bad Nauheim den Unterschied bis dato nicht gekannt hat. Zwei Beispiele dazu: Einem ehemaligen DEL- oder Zweitliga-Spieler wird, wenn alle Unterlagen vorliegen, natürlich ein Spielerpass ausgestellt. Dieser Spieler darf allerdings nicht in der Bezirksliga spielen - trotz Pass. Das ist in den Bestimmungen so geregelt. Ebenso darf ein Mädchen - mit gültigem Pass - nicht in einer Damen-Mannschaft spielen. Das geht nur über ein zusätzliches ärztliches Attest. Im Fall Cardona, der in der Oberliga eingesetzt worden ist, steht die fehlende Anti-Doping-Vereinbarung einem rechtmäßigem Einsatz im Weg. Da lassen die Statuten keinen Zweifel.

Dennis Cardona hat - wie auch die im Hamm-Spiel nicht-einsatzberechtigten Manuel Weibler und Lanny Gare - im Vorjahr eine gleichlautende ESBG-Vereinbarung unterschrieben. . .

Schweer: Diese Profispielberechtigung ist erloschen. Wir spielen in einer Amateurliga im Landesverband. Den Lizenzspielerstatus gibt es nicht mehr. Folglich muss eine neue Spielberechtigung erteilt werden. Hierzu sind sämtliche Unterlagen erneut einzureichen. Wenn man beim EC Bad Nauheim nicht weiß, dass hierzu auch die abgelaufene Anti-Doping-Erklärung gehört, ist es leicht zu behaupten, dass man alles eingereicht hat.

Warum wurde der Einsatz von Cardona erst drei Wochen nach dem Saisonstart sanktioniert?

Schweer: Frist für die Mannschaftsmeldung war der 15. September. Und in meinen Augen zählt es zum Einmaleins, solche Fristen einzuhalten. Ein Versäumnis zieht allerdings nicht einmal Sanktionen nach sich. Die erste Meldung aus dem Kreis der 196 Mannschaften in unserem Verantwortungsbereich kam im übrigen von den Knaben der Roten Teufel. Die Meldung der Oberliga-Mannschaft hat uns am 8. Oktober per Post erreicht. Derlei Dinge wie im Fall Cardona fallen bei Eingabe der Spielberichte nach dem ersten Einsatz auf. Dieser Spieler war bei der Partie in Hamm allerdings nicht auf dem Spielbericht aufgeführt. RT-Geschäftsführer Andreas Ortwein ist in der Woche vor dem Dortmund-Spiel mit unserer Passstelle alle Namen vom Hamm-Spiel durchgegangen.

Da fehlte Cardona. Wir vom Verband können ohne entsprechende Meldeliste nicht wissen, ob möglicherweise noch Spieler hinzukommen. Da hätte man seitens der Roten Teufel telefonisch nachhaken oder uns schnellstmöglich eine Meldeliste zukommen lassen müssen.

Dies sei laut Aussage der Roten Teufel am besagten Freitag vor dem Dortmund-Spiel geschehen. Marvin Bauscher beispielsweise hat aufgrund von Zweifeln an der Spielgenehmigung auf der Tribüne Platz genommen.

Schweer: Ich kann nur wiedergeben, was mir von der Passstelle mitgeteilt wurde. Möglicherweise lag die Meldeliste zum Zeitpunkt des Telefonats nicht vor.

Die Information der fehlenden Einsatzberechtigung von Dennis Cardona in Dortmund und gegen Duisburg hat Bad Nauheim erst Tage später und wenige Stunden vor dem nächsten Spiel erreicht.

Schweer: Da will ich nichts Schönreden. Um keinen Klub ins offene Messer laufen zu lassen, müssen alle Spielberichte bis spätestens Freitag geprüft sein. Die Eingabe der Spielberichte erfolgt meist mittwochs. Zu diesem Zeitpunkt lagen aber nicht alle Berichte der Liga vor, so dass diese Partien erst im Laufe des donnerstags bearbeitet worden sind. Am Freitag wurden die RT-Verantwortlichen dann beim Besuch in der Passstelle persönlich informiert. Das war zwar in unserem Sinne rechtzeitig. Unser Bestreben ist allerdings, schneller hinweisen zu können. Da waren wir in Verzug.

Inwiefern sehen Sie die Aufgabe des Verbandes darin, die Klubs auf derlei Versäumnisse im Vorfeld hinzuweisen?

Schweer: Das ist nicht zu leisten. Als Leiter der Frauen-Bundesliga mit zwölf Vereinen hatte ich mich in der Vergangenheit um eine Art Rundum-Betreuung bemüht. Jetzt, mit 54 Vereinen und 196 Mannschaften, ist angesichts unserer personellen Besetzung das nicht möglich. Ich muss ganz entschieden darauf verweisen, dass wir keine Profiliga sind. Unsere Geschäftsstelle mit zwei hauptamtlichen Kräften sehe ich als ausreichend besetzt. Ich predige in jeder Versammlung, die Statuten zu lesen und zu kennen.

In dieser Frage sind die Klubs in der Bringschuld. Und bei allen anderen Vereinen funktioniert das auch. Von den anderen Oberligisten haben wir im übrigen mehr Anti-Doping-Vereinbarungen vorliegen als Spieler bislang gemeldet sind. Wir müssen 196 Mannschaften betreuen. Zum Vergleich: Die ESBG leistet sich für ihre 13 Zweitligsten eine eigene Geschäftsstelle.

Sind Spieler wie Cardona, Weibler und Gare nicht alleine aufgrund Ihrer Jahrgänge und Ihrer sportlichen Stationen eindeutig zu identifizieren?

Schweer: Nein. Theoretisch hätte Bad Nauheim doch den ersten Block zunächst mal für die Hessenliga melden können. Vielleicht, um Kassel ausstechen zu können. Früher oder später hätten sich die Spieler dann in der Oberliga-Mannschaft festgespielt. Von Bad Nauheim lag uns keine Einsatzbeschränkung vor. Und ohne eine Einsatzbeschränkung können wir nicht hellsehen, wo ein Spieler spielt. Mit dem Vermerk »Pass nur für die Oberliga ausstellen« hätte der Ärger vermieden werden können.

Warum wird seitens der Passstelle noch immer eine Bestätigung bezüglich der Vollständigkeit der Unterlagen verweigert?

Schweer: Bad Nauheim hat noch immer keine Einsatzbeschränkung der Spielberechtigung auf eine bestimmte Mannschaft beantragt. Theoretisch sind aktuell 82 Spieler der Roten Teufel, also Ib-, Junioren- und Jugendspieler für die Oberliga spielberechtigt. Relevant ist dies beispielsweise im theoretischen Fall, wenn eine Grippewelle für Ausfälle sorgt. Stand heute müssten die Roten Teufel 73 Krankmeldungen vorlegen, um ein Oberliga-Spiel aus diesem Grund absagen zu können. Einen ähnlichen Fall hatte es mal in Landshut gegeben. Da hatte mehr oder weniger die Juniorenmannschaft ein Seniorenspiel bestreiten müssen. Was ich sagen kann: Von allen Spielern auf dem Oberliga-Meldebogen liegen Doping-Bescheinigungen vor, mit Ausnahme eines Förderlizenzspielers aus Krefeld.

In Bad Nauheim beteuert man, alle Unterlagen eingereicht zu haben. Welche Erklärung haben Sie für das rätselhafte Verschwinden der Dokumente?

Schweer: In meiner elfjährigen Tätigkeit beim LEV ist weniger verschwunden als in den vergangenen sechs Woche bezüglich der Roten Teufel. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Wie beurteilen Sie die Verhältnismäßigkeit der fehlenden Unterschrift in den Fällen Dennis Cardona und Janne Kujala, der seinen Spielerpass erst nach dem Spiel unterschrieben haben soll?

Schweer: Ich bin zunächst einmal erschrocken über die Statuten-Unsicherheit in Bad Nauheim. Der Spieler Kujala ist seit 2. September spielberechtigt. Für eine fehlende Unterschrift auf dem Spielerpass sehen die Statuten keinerlei Sanktionen gegen den Spieler oder den Klub vor. Eine Identifikation über den Personalausweis ist möglich. Bestraft würde lediglich der Schiedsrichter, der angehalten ist, die Pässe zu prüfen und in diesem Fall seine Sorgfaltspflicht verletzt hätte.

Können Sie auf den jüngsten Ereignissen aus LEV-Sicht Lehren ziehen?

Schweer: Ja, auf jeden Fall. Ich werde anregen, eine Kopie der Anti-Doping-Vereinbarung den Spielerpässen beizufügen. Das haben die Schiedsrichter kann zu kontrollieren. Ansonsten kommunizieren wir offen. Die Kritik, die wir aus Bad Nauheim hören, ist mir bislang fremd.

Mails aus Bad Nauheim sollen nicht beantwortet worden sein, weil Andreas Ortwein als GmbH-Geschäftsführer signiert hatte, vom Verband aber nur die Stammvereine als Ansprechpartner anerkannt werden.

Schweer: Das kommt auf den Inhalt an. Bei diversen Nachfragen spielt das natürlich keine Rolle. Aber rein rechtlich müssen alle relevanten Dinge mit Herrn Ortwein als Klubvertreter geregelt werden - mit entsprechender Signatur oder eben dem dazugehörigen Briefkopf. Und eine Spielverlegung kann ich nicht mit der GmbH klären. Das hält juristisch im Streitfall nicht stand. Das hatten wir Herrn Ortwein mehrfach mitgeteilt. Inzwischen läuft das.

Wie beurteilten Sie die öffentliche Wahrnehmung der Oberliga West angesichts der imageschädigenden Wertungen am Grünen Tisch?

Schweer: Das ist ganz einfach ärgerlich. Drei bis vier Spielwertungen quer durch alle Ligen gehören im Laufe der Saison schon mal dazu. Diese fallen in den seltensten Fällen in den Bereich der höchsten Spielklasse und sind öffentlich deshalb nahezu unbeachtet. Spielwertungen wegen desselben Tatbestands beim selben Verein binnen so kurzer Zeit gab es allerdings noch nicht.

Dazu die Spielwertungen gegen Duisburg, die zurückgenommen werden mussten. . .

Schweer: Natürlich machen auch wir Fehler. Dieser EDV-Fehler im Fall Duisburg ärgert niemanden mehr als mich. Ich hätte mich am liebsten im Boden vergraben. Die Sache war nach nur zwei Stunden aus der Welt geschaffen. Aber die Welle war losgetreten. Wir haben uns bei allen entschuldigt. Mehr können wir nicht tun. Ein anderes Beispiel ist aber der Punkteabzug gegen Dinslaken. Da wurde seitens der Kobras nach dem Abstieg versäumt, eine Sonderspielgenehmigung für einen transferkartenpflichtigen Spieler einzuholen, die in der höheren Klasse nicht erforderlich gewesen war. Der Vorstand hat seine Unkenntnis zugegeben und auf seiner Homepage die volle Verantwortung gegenüber Fans, Sponsoren und der Mannschaft übernommen. Das nenne ich sportliche Größe.

Wir bedanken uns für das Gespräch.

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