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Mit 60 Jahren gelingt Constantin Schulte aus Assenheim der größte Erfolg in seiner Bodybuilding-Karriere: Er ist der amtierende Mister Universum der Klasse "Body over 60". FOTO: SASCHA PRINZ

"Mr. Universum"

"Mr. Universum" aus der Wetterau - Wie Constantin Schulte Vorurteile über Bodybuildern entgegentritt

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Stahlharte Muskeln, ein gepflegtes Äußeres, sich gerne zeigen - für Constantin Schulte aus Assenheim ist das ein Ideal. Und ein Sport: Der 60-Jährige ist nun zum Mr. Universum gewählt worden.

Braun gebrannt, blonde Haare, große Statur, breite Schultern - Constantin Schulte sieht man seine 60 Lebensjahre nicht an. Das liegt an seiner Leidenschaft: Sport, genauer gesagt: Bodybuilding. Hier hat der Immobilienmakler aus dem Niddataler Stadtteil Assenheim dieses Jahr so richtig abgeräumt: westdeutscher Meister, deutscher Meister, internationaler westdeutscher Meister, Dritter bei den internationalen deutschen Meisterschaften - und zuletzt den Titel als Mister Universum des zweitgrößten Bodybuilding-Verbandes der Welt NAC.

Karriere im Bodybuilding hat bei Constantin Schulte einen ernsten Hintergrund

Die Geschichte hinter dem Kult um einen möglichst perfekt aussehenden Körper hat bei Schulte einen bewegenden Hintergrund: "Es könnte schon sein, dass das bei mir psychische Ursachen hat", sagt er darauf angesprochen. Als neunjähriger Schüler seien sein Bruder und er in ein Klosterinternat geschickt und dort von den Patres geschlagen worden. Daraufhin begann er mit Krafttraining. Das Ziel: den Körper stählen, sich wehren können, kein Opfer mehr sein. "Für diese Menschen waren wir als Würzburger im tiefen Bayern Saupreußen. Das war furchtbar. Wir sind geschlagen und getreten worden, auch wenn wir schon am Boden lagen. Das war eine schwierige Zeit. Heute ist es für mich auch ein Schönheitsideal. Ich fühle mich einfach wohl damit."

Doch Schulte merkt, dass der Sport ihm Spaß macht, dass er ein guter Ausgleich neben seinem Job ist, und dass er von seinen Genen für das Bodybuilding geeignet ist, wachsen die Muskeln doch trotz seiner Größe - eigentlich ein Handicap - schnell. "Bodybuilding hat mich schon immer fasziniert. Als Junge kannte ich einen Zehnkämpfer, der war ein richtiger Koloss. Das hat mich beeindruckt - und letztlich irgendwie auch geprägt."

Constantin Schulte: "Die Ernährung macht 80 Prozent in diesem Sport aus"

1986 nahm er erstmals an einem Wettkampf teil, sammelte erste Erfahrungen auf der Bühne, der ganz große Erfolg blieb aber zunächst aus. Der Grund: "Die Ernährung macht 80 Prozent in diesem Sport aus, das habe ich damals nicht richtig gemacht. Ich habe nicht genug gegessen und vor allem nicht das Richtige", erklärt Schulte. "Viele denken, man nimmt einfach ein paar Tabletten, setzt sich ein paar Spritzen und geht trainieren und dann sieht man so aus. Aber das stimmt nicht."

Mit seiner jetzigen Frau Johanna, die im Cross-Fit ebenfalls sehr sportlich unterwegs ist, hat er die passende Partnerin an seiner Seite. "Sie ernährt sich so wie ich. Wir essen etwa keinen Zucker und kein weißes Mehl, dafür viel Reis, viel Geflügel, viele Milchprodukte und zusätzliches Eiweiß für den Muskelaufbau. Da habe ich gemerkt, wie ich gegenüber den 25 Jahren zuvor noch einmal Muskeln aufgebaut habe - und das in meinem Alter."

Assenheimer Constantin Schulte schafft im 60. Lebensjahr den größten Erfolg seiner Karriere

Und so greift Schulte mit seinen 60 Lebensjahren noch einmal an. Auch ein Abriss einer Schultersehne bremst ihn nicht aus. Er stellt sein Training um, ändert mithilfe eines Coaches noch einmal die Ernährung - und hat Erfolg. Er wird westdeutscher Meister in seiner Altersklasse, gewinnt die deutsche Meisterschaft, die internationale westdeutsche Meisterschaft, ehe der Schlendrian kommt. "Ich habe vor der internationalen deutschen Meisterschaft einen Fehler gemacht. Ich habe nicht genug Wasser getrunken", erklärt Schulte.

Doch darauf kommt es bei der Präsentation der verschiedenen Posen auf der hell erleuchteten Bühne der Muskelmänner und -frauen an: Das Wasser zwischen Muskeln und Haut muss für das perfekte Ergebnis verschwinden, dafür müssen drei Tage lang, je 10 Liter Wasser pro 24 Stunden getrunken werden. "Das macht viel aus. Ich habe das damals zu lax gesehen und bin nur Dritter geworden", sagt Schulte. "Da war ich schon etwas niedergeschlagen. Aber nach zwei Tagen Frustessen habe ich mich gefangen, ich hatte als Dritter ja die Qualifikation für die Mister-Universum-Wahl und habe mich die zwei Wochen danach noch einmal gequält. Das war hart, aber im Bodybuilding kommt es auf den perfekten Moment auf der Bühne an - körperlich und mental ist man am Anschlag. Das wird oft unterschätzt."

Gegen Vorurteile: Constantin Schulte als Bodybuilder mit vielen Talenten

Schulte gewinnt den Titel in Hamburg, es ist der größte Erfolg seiner Karriere. "Da hatte ich Tränen in die Augen. Für mich war und ist das heute noch unbeschreiblich schön", sagt er mit Blick auf den gewaltigen Pokal - schränkt aber gleich wieder ein: "Ich bin nicht stolz, ich bin dankbar." Neben dem täglichen Training arbeitet der Vater einer Tochter als selbstständiger Immobilienmakler, engagiert sich ehrenamtlich in der Krankenhausseelsorge, ist fest verankert in seinem Glauben. "Ich schaue immer nach unten, nicht nach oben. Ich weiß, dass es mir gut geht. Aus diesem Grund will ich etwas zurückgeben. Das gibt mir unwahrscheinlich Kraft, weil es mir zeigt, wo ich im Leben wirklich stehe. Aber natürlich gibt es auch Vorurteile gegenüber Bodybuildern - bis die Leute mich richtig kennenlernen."

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