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Gebannt hängen die jungen Gefangenen der Justizvollzugsanstalt Rockenberg an den Lippen des Mainzer Bundesliga-Trainers Sandro Schwarz (Mitte) und Mentaltrainer David Kadel (l.), der neben seinen Buchprojekten auch als Coach für Profis arbeitet.

"Anstoß für ein neues Leben"

Wie der Mainzer Bundesliga-Trainer Sandro Schwarz Häftlingen der JVA Rockenberg neuen Mut macht

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Er ist einer der jüngsten Trainer der Fußball- Bundesliga, aber auch einer der dienstältesten, ist einer der Nachfolger von Jürgen Klopp und Thomas Tuchel beim FSV Mainz 05 - und er ist ein echtes Motivations- talent: Sandro Schwarz. Dies hat er bei einem Besuch in der JVA Rockenberg erneut bewiesen.

Vor dem Ende des offiziellen Teils fiel es plötzlich ins Auge - und es hätte passender nicht sein können. Sandro Schwarz, der Trainer des Fußball-Bundesligisten FSV Mainz 05, hatte wie durch Zufall ein rotes Sweatshirt an bei seinem Besuch in der Justizvollzugsanstalt Rockenberg. Der 41-Jährige war damit beim Gruppenfoto mit den 16 jungen Häftlingen, die den Besuch des Coaches mitverfolgen durften, kaum zu unterscheiden, denn auch die Anstaltskleidung beinhaltet ein rotes Oberteil. Dieses Symbol hatte seine Kraft in den vorangegangenen Stunden erhalten, in denen Schwarz zunächst das ehemalige Zisterzienserkloster im Norden der Wetterau, das seit 1850 als Haftanstalt genutzt wird, besichtigt und sich anschließend einer Diskussion gestellt hatte.

Projekt "Anstoß für ein neues Leben" soll jungen Straftätern neue Perspektiven aufzeigen

Auch das darf nicht fehlen: Sandro Schwarz signiert nach dem offiziellen Teil ein T-Shirt für einen Gefangenen.

Gemeinsam mit Buchautor und Mentaltrainer David Kadel, in dessen neustem Werk "Was macht dich stark?" Schwarz ebenfalls eine Rolle spielt, war er der Einladung der JVA in Kooperation mit der Sepp-Herberger-Stiftung des Deutschen Fußballbundes (DFB) als Teil des bundesweiten Projekts "Anstoß für ein neues Leben" gefolgt. "Ich möchte euch etwas von meinen Werten mitgeben, aber ich will auch etwas von euch mitnehmen", sagte Schwarz gleich zu Beginn der Runde, in der er keinerlei Berührungsängste zeigte, jedem die Hand schüttelte und sofort das "Du" anbot. Diese emotionale Nähe im Raum mit den 16 Mitgliedern der Neigungsgruppe Fußball, die sich innerhalb der JVA auch die Mitgliedschaft im ältesten deutschen Gefangenenverein, der SG Marienschloss, verdient haben, war sofort zu spüren. Anders konnte es sich Mitorganisator und Sportübungsleiter Christopher Mank hinterher nicht erklären, warum die Strafgefangenen im Alter von 14 bis 21 Jahren ohne Hemmungen von ihren Taten und der Länge ihrer Haftstrafen berichtet hatten. "David Kadel und er haben es geschafft, die Jugendlichen sofort abzuholen. Das war großes Kino", sagte Mank hinterher. "Das sind Menschen, zu denen Jugendliche aufblicken können. Das berührt sie - gerade wie emotional Sandro Schwarz gesprochen hat."

Doch auch Schwarz war sichtlich angefasst von der Atmosphäre und den Erzählungen seiner Gegenüber, rang mehr als einmal mit den Tränen und setzte mehrfach zu emotionalen Ansprachen an die jungen Männer an, gerade so, als säßen sie bei einer Halbzeitansprache in seiner Kabine. Der ehemalige Zweitliga-Profi des SV Wehen Wiesbaden scheute sich dabei nicht, auch Persönliches preiszugeben. "Ich hatte damals auch Freunde, die die eine oder andere falsche Entscheidung getroffen haben - und auch bei mir war es sicher ein schmaler Grat als Jugendlicher", erzählte er mit Blick auf seine Kindheit im Problemviertel "Dicker Busch" in Rüsselsheim. "Da war auch nicht immer alles super." Aber er habe Glück gehabt und die Kurve gekriegt. Dies wünsche er nun den Jugendlichen auch für ihr Leben.

Sandro Schwarz: "Es fühlt sich besser an, nichts geschenkt zu bekommen"

Entscheidend für ihn: Er habe gelernt, mit Fehlern umzugehen: "Bleibt aufrecht und entschuldigt euch, seid offen und ehrlich, vertraut euch selbst, hört auf euer Gefühl und eure Werte, fangt mit Lob und Kritik aber stets bei euch selbst an", erklärte er. Man müsse den Mut haben, sich mit seiner Vergangenheit zu konfrontieren, dürfe sich aber von ihr nie Gegenwart oder Zukunft kaputtmachen lassen, sondern müsse entschlossen mit kleinen Schritten für sein Ziel arbeiten. Dazugehöre auch, manchmal zu scheitern. "Ich ziehe meine Kraft daraus. Es fühlt sich besser an, nichts geschenkt zu bekommen. Für mich war das Ambodenliegen die wichtigste Erfahrung überhaupt, denn wenn dein Tag dann kommt, fühlt sich nichts besser an. Und jeder von euch hat die Chance, sein Blatt noch zu wenden." 

Er betonte aber auch: "Reden können viele, aber die Umsetzung ist noch einmal etwas anderes. Reden ist ein guter Anfang, aber dann muss der nächste Schritt kommen. Das müsst ihr fühlen", sagte er. Nur dann bewältige man seine Aufgaben und überwinde neue Hindernisse, um etwas zu lernen - etwa in Zukunft körperlichen Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen und stattdessen seine Konflikte mit Worten zu lösen.

Sport als zentrales Element in der Resozialisierung junger Gefangener

Ein zentraler Bestandteil dieses Weges, das nach der Haft auch im realen Leben zu schaffen, ist in Rockenberg der Sport. "Wir haben eines der größten Angebote in ganz Deutschland" erklärte Übungsleiter Mank. "Auf die Kooperation mit der Sepp-Herberger-Stiftung sind wir besonders stolz - und Tage wie diese gehören zu den Höhepunkten des Jahres." Die rund 110 Gefangenen hätten die Möglichkeit, jeden Tag mindestens einmal an einer Sporteinheit teilzunehmen - egal ob Ausdauersport oder Ballsportarten im Team. "Sport ist soziales Training - und er verbindet", erklärte Mank. Deshalb sei er eine von vielen Behandlungsmaßnahmen zur Resozialisierung. 

Der nächste Höhepunkt ist das traditionelle Adventsturnier vor Weihnachten, zu dem neben Gefangenen- und Bedienstetenmannschaften auch wieder Vereine aus der Region antreten werden, wie Mank verriet. Er selbst will als Spielertrainer des B-Ligisten Blau-Weiß Espa in Zukunft die Kooperation mit Vereinen für die Betreuung nach der Haft aufbauen. "Wir haben pro Tag acht Stunden Arbeit, schlafen acht Stunden - und haben dann immer noch acht Stunden, um mit den falschen Leuten rumzuhängen. Das möchte ich gerne verhindern. Dabei ist Sport im Verein sehr wichtig." Das sah auch Schwarz so, der sich zum Abschied nichts mehr wünschte, als "dass ihr diesen Tag reflektiert und für euch etwas mitnehmt".

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