+
Der Liveticker der Partie Ginsheim - Griesheim ist auf "fussball.de" inzwischen nur noch ohne Kommentare zu sehen, sondern lediglich mit den Basisinformationen aus dem Spielbericht, wie etwa den Toren. (Screenshot: fussball.de)

Liveticker mit Nachspiel

Ein Liveticker ließ den Spielverlauf im Vorwochen-Derby der Hessenliga vom zwischen dem VfB Ginsheim und dem SC Viktoria Griesheim (1:2) in den Hintergrund rücken

(ace). Ein so noch nicht dagewesener Liveticker ließ den Spielverlauf im Südhessen-Derby der Hessenliga vom vergangenen Freitag zwischen dem VfB Ginsheim und dem SC Viktoria Griesheim (1:2) in der Nachbetrachtung völlig in den Hintergrund rücken. Noch bevor die Anzeige vonseiten der Ginsheimer aufgegeben wurde, hatte die Staatsanwaltschaft Darmstadt bereits Ermittlungen wegen des Straftatbestandes der Volksverhetzung eingeleitet.

Gesucht wird die Identität derjenigen Person, die den besagten Liveticker dieses Hessenliga-Spiels auf der Internet-Plattform "fussball.de" bediente. Denn hinter dem Pseudonym "ericawege" lieferte der Verfasser nicht nur Informationen zum Spielgeschehen. VfB-Trainer Artur Lemm wurde in den Einträgen mehrfach persönlich angegriffen und teils übel beleidigt. In der nächsten Stufe der Entgleisungen kamen Verleumdungen hinzu bis zum Vorwurf der Bestechung des Schiedsrichters. "Natürlich hat der Lemm wieder den Schiri bezahlt", war dort zu lesen. Und weiter: "Lemm tobt und drückt dem Schiedsrichter nochmal 500 Euro in die Hand." Diffuse und unrealistische Beschreibungen von einer ausgesprochenen Zeitstrafe gipfelten dann noch in dem menschenverachtendem Vergleich: "Ginsheim schwimmt wie die Flüchtlinge auf Lampedusa."

Der Ginsheimer Coach ahnte von alldem nichts, als er nach Abpfiff auf seinem Stuhl auf den Beginn der obligatorischen Pressekonferenz wartete. Die unnötige 1:2-Niederlage und die zwei verschossenen Elfmeter von Can Özer gingen Lemm durch den Kopf. "Natürlich war ich etwas frustriert vom Spielverlauf und hatte noch zehn Minuten Zeit, bis Griesheims Trainer Richard Hasa und unser Sportlicher Leiter Marcus Spahn hinzukamen. Da habe aufs Handy geschaut und den Ticker überflogen. Ich habe meinen Augen nicht getraut und war fassungslos", schildert Lemm. Er machte geistesgegenwärtig noch ein paar Screenshots, bevor der Ticker kurz darauf gelöscht wurde.

Mit ein paar Tagen Abstand sieht Lemm drei Dimensionen: "Klar, kann man auch mal einen Ticker machen mit Comedy und Klamauk. Dann ist aber der informative Sinn des Livetickers verfehlt. Das wäre dann auch keine Silbe der Erwähnung wert gewesen." Mittlerweile ist ein offener Brief unter einem weiteren Pseudonym veröffentlicht worden, indem der vermeintliche Verfasser verteidigt wird: Es sei aufgrund des Sprachstils im Ticker doch eindeutig gewesen, dass es sich um eine reine Satire handelte.

Doch der sozial engagierte Coach sieht das anders, für ihn wiegen die zweite und dritte Dimension schwerer: "Man kann mich auch persönlich kritisieren oder attackieren, das interessiert mich eigentlich nicht. Aber: Wenn von Bestechung die Rede ist oder von 500 Euro, die ich dem Schiedsrichter zustecke, dann wird klar eine Grenze überschritten. Das ist dann keine Satire mehr und hat auch nichts mit schwarzem oder englischem Humor zu tun. Das sind Verleumdungen und Beleidigungen, gegen die wir jetzt vorgehen." Außerdem erzürnt Lemm auch der Lampedusa-Vergleich noch Tage später: "So einen Vergleich zu ziehen zwischen einem Fußballspiel und Menschen in Not, die um das Überleben kämpfen, ist unterste Schublade. Das sind keine Lappalien."

Forderung nach mehr Kontrolle

Der Ginsheimer Funktionär Marcus Spahn fordert derweil ein Umdenken beim DFB und hofft, dass der Verband in Zukunft nur noch offizielle Vereinsvertreter die Ticker bedienen lässt: "Es kann nicht sein, dass das jedermann einfach so machen kann", sagt der Sportliche Leiter. Der DFB hat mittlerweile ebenfalls auf den Vorfall reagiert und über seine Internet-Plattform "fussball.de" verlauten lassen: "Leider sind vereinzelte Missbräuche nicht völlig auszuschließen. Genau deshalb gibt es - wie im Online-Bereich auf großen Portalen üblich - eine "Melden"-Funktion, um auf falsche, aber auch diskriminierende und beleidigende Inhalte aufmerksam zu machen." Die Liveticker-Funktion sei in der vergangenen Saison deutschlandweit in rund 222 000 Partien genutzt worden und biete einen tollen Service für Fans des Amateurfußballs.

In Griesheim distanzierte man sich übrigens vom unsäglichen Liveticker. Der Spielausschuss-Vorsitzende Uwe Krichbaum schloss eine Beteiligung der eigenen Anhängerschaft aber aus: "Es gibt keinen Hinweis darauf, dass der Übeltäter aus dem Griesheimer Fanlager kommt. Von daher fühlen wir uns nicht betroffen oder schuldig. Das war aber völlig daneben, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren. Die Ermittlungen laufen jetzt. Alles andere ist Spekulation."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare