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Mit dem linken Fuß am Bordstein

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Klare Richtlinien: Auf 25 Seiten hat der Veranstalter dokumentiert, wie eine Verpflegungsstation auszusehen hat und wie Getränke zu reichen sind.
Klare Richtlinien: Auf 25 Seiten hat der Veranstalter dokumentiert, wie eine Verpflegungsstation auszusehen hat und wie Getränke zu reichen sind. © Red

(mn) Wie ist die Trinkflasche korrekt zu reichen? Werden die Power-Gels vorab schon geöffnet? Wo haben die Bananen zu liegen? Wo und wie genau müssen die Helfer stehen? Der Ironman Europe führt am Sonntag durch die Wetterau. In Friedberg wird die Verpflegungsstelle vom RC Edelweiß Nieder-Wöllstadt betreut.

Organisatorisch ist’s eigentlich schon Routine geworden. Und im Vereinsleben hat die Veranstaltung auch ihren festen Platz«, sagt Marcus Gärtner, der Vorsitzende des Radsportklubs. Bei ihm laufen die Fäden zusammen; zum elften Mal bereits. Rund 50 der etwa 155 Vereinsmitglieder werden sich in Höhe des Autohauses Kuhl in der Frankfurter Straße in Friedberg um die Verpflegung der 2700 Athleten aus 55 Nationen kümmern. »Die Ernäherung im Laufe des Wettkampf spielt eine zentrale Rolle. Diese Erfahrung habe ich selbst machen müssen. Und gerade deshalb liegt mir das Thema auch persönlich am Herzen«, sagt Gärnter, der 2007 selbst an diesem Event teilgenommen hatte; sein erster und bis dato auch einziger Triathlon über die Langdistanz. »Vielleicht bin ich 2017 noch mal dabei - zehn Jahre danach.«

Der RC Edelweiß und der Ironman Europe in Frankfurt gehören von der ersten Stunde an zusammen. »Wir wollten mal was Neues ausprobieren. Helfer-Bags, Helfer-Party am Tag danach, das Bewusstsein, Teil einer Europameisterschaft zu sein«, nennt Gärnter als bedeutende Faktoren jener vereinsinternen Entscheidung. Die Wöllstädter hatten auf die Anfrage des Veranstalters reagiert, prompt den Zuschlag erhalten und gehören seitdem dazu; bei Wind und Wetter, bei Sonne, Regen und auch ungewöhnlichen frischen zehn Grad Celsius Anfang Juli. Die Edelweiß-Helfer haben alles schon erlebt.

Was für die äußeren Umstände gilt, das gilt auch für den Dialog mit den Athleten. Einige wenige schimpfen, wenn sie - vom eigenen Ehrgeiz kaum zu bremsen - im mitunter gedrängten Pulk weder Gels noch Getränke ergattern, die meisten wiederum, die Hobby-Triathleten, bedanken sich auf ihrer zweiten Durchfahrt mit einem kurzen Zuruf für die Unterstützung der Ehrenamtlichen, ohne die eine solche Veranstaltung nicht möglich wäre. »Klar. Ein solches Feedback ist natürlich auch Motivation für uns«, sagt Gärtner, der jedesmal aufs Neue eine positive Anspannung verspürt.

Exakte Richtlinien

Der »längste Tag«, wie der Wettkampf von den Athleten genannt wird, beginnt für die Crew aus Nieder-Wöllstadt um 6.30 Uhr. Eine Stunde später als in den Anfangsjahren. Vieles hat sich eben eingespielt. Ein 7,5 Tonnen-Fahrzeug, vollgepackt, hat der Veranstalter da bereits nach Friedberg geschickt. Vom Getränkepulver über Obst und Trinkflaschen ist alles dabei. Und noch viel mehr. Ein Pavillion als Sonnenschutz für die Bananen beispielsweise, Einweghandschuhe, Alufolie, Absperrband, Bierzeltgarnitueren, Rührbesen für die Mix-Getränke und entsprechende Behältnisse zum Mischen, ein Verteiler für die Wasseranschlüsse, auch Schippe und Besen müssen entladen werden. Wie die »Station« auszusehen hat, ist detailliert vorgegeben. 25 Seiten umfasst das Dokument »Helferschulung/Verpflegungsstelle«. Die Reihenfolge der Tische beispielsweise ist penibel festgelegt.

Einer Box, in der die Radfahrer ihre leeren Getränkeflaschen mit einem gezielten Wurf entsorgen können, folgt im Abstand von 50 Metern die Wasser-Station, zehn Meter sind es zu den Iso-Getränken (aus einem Beutel sind 15 Liter anzurühren), denen im gleichen Abstand die Helfer mit den Gels (ungeöffnet zu reichen) und Riegeln (halbiert, nicht ausgepackt) folgen. 20 Meter weiter gibt’s Bananen (halbiert und mit Schale). Verdünnte Cola im Verhältnis 1:2, Leitungswasser und nasse Schwämme schließen sich auf weiteren 60 Metern an.

Marcus Gärtner, der von Uwe Gerhardt in der Organisation unterstützt wird, spricht von einem eingespielten Team. Zumeist die jüngeren Mitglieder des Vereins mit seinen Abteilungen Rennrad, Kunstrad, Radwandern und Einradhockey ließen sich für diesen Tag begeistern; wenngleich man doch lieber in Nieder-Wöllstadt, unmittelbar in der Heimat, die Sportlerinnen und Sportler bedienen würde. Allerdings sind die Distanzen zwischen den Stationen auf die Bedürfnisse der Sportler abzustimmen, zudem eignet sich der leichte Anstieg in Richtung der ehemaligen Kaserne, um davor eine Station einzurichten.

Die zweimal zu fahrende Radrundstrecke umfasst weitere Stationen in Bergen-Enkheim, Karben und Bad Vilbel.

Motivationsarbeit

Für exakt 8.58 Uhr haben die Veranstalter den führenden Athleten am Ortsausgang der Kreisstadt angekündigt, denen die ambitionierten Amateure hinterherjagen; und mitunter auch zur Gefahr für die Helfer werden können, wenn in einem engen Feld bei hohem Tempo viele in Richtung Straßenrand drängen, um nach einer Flasche oder einem Riegel zu greifen. »Der linke Fuß der Helfer gehört an die Bordsteinkante. Nur so ist zu gewährleisten, dass die hinteren Helfer nicht mehr und mehr auf der Straße stehen und diese verengen, was in einem möglichen Gedränge zu Stürzen führen könnte«, hat Gärtner seinem Team verinnerlicht und beginnt im Gespräch mit der WZ-Redaktion promt zu schmunzeln. Exakt jene disziplinierte Aufstellung war dem 47-jährigen Systemadministrator nämlich bei seiner ersten Raddurchfahrt 2007 ins Auge gefallen. »Die Sicherheit geht vor. Für Athleten wie für Helfer.« Die wenigen Unfälle sind bislang glimpflich ausgegangen.

Das Edelweiß-Team ist nicht nur als Dienstleister gefragt; die Wöllstädter motivieren die Vorbeifahrenden oder aber leisten Überzeugungsarbeit, den Wettkampf zu beenden, wenn Athleten bereits mit den Kräften am Ende sind. »Wenn einer blutverschmiert an uns vorbei kommt, dann versuchen wir schon, auf ihn einzuwirken«, kramt Gärnter in den Erinnerungen aus zehn Iroman-Jahren. Gegen 15 Uhr beginnen in Friedberg die Aufräumarbeiten, gegen 16 Uhr ist die Veranstaltung beendet – für den RC Edelweiß zumindest. Der abschließende Marathonlauf durch Frankfurt hat da für den einen oder anderen Athleten gerade erst begonnen.

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