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Die zweite Mannschaft des SC Dortelweil könnte davon profitieren, dass die Friedberger Kreisoberliga zu klein ist - und damit trotz Relegationsplatz aufsteigen.

Nach HFV-Vorstandssitzung

Kritik und Klagedrohungen: Wie geht es weiter mit den Relegationsplätzen im Fußball?

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Eigentlich sollte am vergangenen Samstag endlich klar sein, wie es mit dem hessischen Amateurfußball weitergeht. Doch die Sitzung des Verbandsvorstands hat für Unruhe gesorgt.

Nach dreieinhalb Stunden hatte Thorsten Bastian genug gehört. Der Friedberger Kreisfußballwart war einer der rund 50 Teilnehmer der Videokonferenz des Vorstands des Hessischen Fußballverbandes (HFV) am Samstag, doch was dort passierte, ärgerte den Rockenberger maßlos. "Das war ohne Worte. Hätte keiner etwas gesagt, wäre es für alle gut gewesen. Jetzt sind wieder Begehrlichkeiten geweckt worden, die eine Lawine losgetreten haben", sagte er am Montag.

Werden die Verbandsspielklassen unnatürlich groß?

Der Hintergrund: Der HFV-Vorstand wollte eigentlich mit der Verabschiedung einer Beschlussvorlage für den Mitte Juni abzuhaltenden Verbandstag das wochenlange Rätselraten um die Zukunft der aktuell noch ausgesetzten Saison im hessischen Amateurfußball beenden. Tagelang waren vorher in Kreis- und Regionalkonferenzen die Vereine befragt, auf Ebene von HFV-Präsidium und -Vorstand verschiedene Szenarien diskutiert und Rechtsexperten gehört worden. Die mehrheitliche Meinung: Saisonabbruch mit Quotientenregelung mit Aufstieg, ohne Abstieg. Doch plötzlich kam am Samstag die Frage nach dem Umgang mit den Mannschaften auf, die auf einem Relegationsplatz "nach oben" stehen, wieder auf. Sie blieb ungeklärt, soll nun Thema einer weiteren HFV-Vorstandssitzung am 6. Juni sein.

"Die Relegation hat vorher niemand auf dem Schirm gehabt, deshalb kann ich nicht nachvollziehen, wieso jetzt wieder so ein Fass aufgemacht wird", sagt Bastian. "Die Vereine wollen doch nur Klarheit haben." Nun wird diskutiert, ob alle Relegationsplätze automatisch zu Aufstiegsplätzen werden, was hohe Mannschaftszahlen in Hessenliga, Verbands- und Gruppenligen zur Folge hätte - und damit weitere Probleme wie vermehrte Wochenspieltage, höhere Kosten und mehr ehrenamtlichen Aufwand mit sich bringen würde. Eine Lösung für eine Staffel mit 22 oder gar 24 Teams wäre eine Teilung in zwei (Unter-)Klassen. "Eine Katastrophe" für Bastian: "Eine normale Runde kriegt man so nicht geregelt, eine Aufteilung einer Staffel will aber auch keiner. Wir wissen ja nicht einmal, wann wir überhaupt wieder spielen können."

Auch eine Härtefallregelung für die Vereine, die aufgrund der Quotientenregelung vom ersten Platz verdrängt wurden, wie sie etwa der Gießener Kreisfußballwart Henry Mohr (Kleinlinden) ins Gespräch gebracht hat, sieht Bastian ebenso kritisch wie etwa eine Relegation der Aufstiegskandidaten über den Vergleich der bislang erreichen Quotienten: "Das ist für ganz Hessen einfach nicht praktisch. Egal bei welcher Lösung: Es gibt Gewinner und Verlierer. Ich habe erwartet, dass einige Funktionäre etwas mehr über den Tellerrand schauen würden."

Mit seiner Kritik steht Bastian nicht allein da. Am Montag veröffentlichte die "Offenbach Post" ein Interview mit HFV-Vizepräsident Torsten Becker (Hanau), der "über den weiteren Verlauf der Entscheidungsfindung nicht glücklich" war. "Die Vereine ärgern sich, dass der HFV noch keinen beschlussreifen Vorschlag gemacht hat. Wir müssen jetzt eine Entscheidung treffen."

Auch betroffene Vereinen im Kreis Friedberg sind zwiegespalten. Der SC Dortelweil steht etwa mit der ersten Mannschaft in der Gruppenliga Frankfurt-West auf dem Relegationsplatz - und mit der zweiten Mannschaft in der Kreisliga A Friedberg auch. Dennoch hat es den Sportlichen Leiter Hans Wrage überrascht, dass das Thema überhaupt noch einmal derart aufgekommen ist. "Wir würden natürlich beide Aufstiege begrüßen, aber auch ein Nicht-Eintreten dieser nicht einklagen. Die Welt geht in beiden Richtungen für uns nicht unter", sagt er. "Auch wenn das natürlich schon weh tut."

Damit erteilt er einem Vorhaben eine Absage, das seit dem Wochenende ebenfalls die Runde macht: Der SV Dersim Rüsselsheim, in einer Spielgemeinschaft mit dem VfR Rüsselsheim aktuell Zweiter der Gruppenliga Darmstadt, hat nach eigenen Angaben alle 140 betroffenen Vereine in Hessen über das elektronische Postfach angeschrieben und zum Widerstand gegen die HFV-Beschlussvorlage aufgerufen - zur Not mit rechtlichen Mitteln. "So etwas kann ich nicht nachvollziehen. Natürlich ist das ärgerlich, aber wer von uns hat denn in den vergangenen Jahren ernsthaft ein solches Szenario bedacht? Was soll man denn da anderes tun", fragt Wrage in Richtung des Klubs aus dem Kreis Groß-Gerau. "Wir werden uns dem fügen, was der HFV entscheidet - zur Not auch mit einer Kröte im Hals."

Das sieht auch Altin Hamiti so. Der Vorsitzende der SKG Albanischer Verein Wetterau ist allerdings über die angedachte Regelung von vorneherein nicht erfreut gewesen, ist seine Mannschaft in der Kreisliga C Friedberg, Gruppe 2, doch punkt- und spielgleich mit dem 1. FC Rendel II - und soll daher aufgrund des verlorenen Vergleichs nun den Kürzeren ziehen. "Das kann ich nicht so ganz verstehen, denn eigentlich kann der direkte Vergleich nur zählen, wenn die Saison auch zu Ende gespielt wurde", sagt er. Er hat in Hessen bereits zwei ähnliche Fälle ausgemacht. Der Unterschied: Dort wurde bislang nur einmal zwischen den Aufstiegskontrahenten gespielt, in der Friedberger C-Liga aber bereits zweimal. Dennoch: "Ich finde, wenn man so etwas entscheidet, sollte man es einheitlich machen", sagt Hamiti.

Sein Credo lautet daher: "Wenn wir die Chance bekommen, aufzusteigen, werden wir sie auch nutzen - das war unser Ziel. Es ist schade, dass wir das nicht auf dem Platz tun können, aber am Ende des Tages wollen wir vor allem Fußball spielen. Da ist die Spielklasse zweitrangig." Trotzdem will er sich über Bastian beim HFV für seinen Klub und die besondere Situation einsetzen. Von einer Klage ist aber auch er weit entfernt: "Wir bleiben Sportsmänner und hoffen einfach nur, schon bald wieder spielen zu können."

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