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Konstantin Poltrum: »Das Feuer brennt«

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(hep) Die 2. Bundesliga wird bei den Handball-Fans in Mittelhessen künftig wieder eine erhöhte Aufmerksamkeit genießen. Zum einen durch den Aufstieg des TV 05/07 Hüttenberg, zum anderen auch durch den Aufstieg der HSG Konstanz mit Konstantin Poltrum. Der Ober-Mörler hatte als Torwart einen großen Anteil am HSG-Aufstieg.

Poltrum stammt aus der Jugend der HSG Mörlen, spielte von 2009 bis 2015 in Hüttenberg. Otto Eblen, Präsident der HSG Konstanz, spricht von einer »unglaublichen Verstärkung«, die sein Verein durch den Zugang aus Hessen erfahren habe. Sein Sohn, Cheftrainer Daniel Eblen, verteilte regelmäßig ein Sonderlob an seinen Torhüter. Eine seiner großen Stärken sind die Eins-gegen-Eins-Situationen.

Der 1,95 Meter große 22-jährige Wetterauer war schon deutscher B-Jugend-Vizemeister 2011 und südwestdeutscher A-Jugend-Meister 2011, Jugend-Nationalspieler 2012 bis 2013 (27 Länderspiele), gewann die Bronzemedaille bei der WM 2013 und war Junioren-Nationalspieler (10 Länderspiele). Neben seinem sportlichen Engagement studiert der Hobby-Gitarrenspieler und begeisterte Heimwerker an der Exzellenzuniversität Konstanz Mathematik und Biologie auf Gymnasiallehramt.

Besonders an die U 19-Weltmeisterschaft erinnert sich Poltrum gerne zurück. 18:21 hatte das DHB-Team im kleinen Finale nach 45 Minuten gegen Spanien zurückgelegen. Dann kam Konstantin Poltrum, sah in 15 Minuten neun Würfe auf sich zukommen, parierte davon sieben und bekam lautstarke »Konsti, Konsti«-Sprechchöre der stehenden Zuschauer zu hören. Mit einer sensationellen Quote von 78 Prozent gehaltenen Bällen erzielte er die beste Quote des ganzen Turniers.

Dass solche Leistungen keine Ausnahme darstellen, bewies er in einem seiner ersten Spiele für Konstanz. Im DHB-Pokalspiel beim Zweitligisten HSC Coburg, mit dem ehemaligen Hüttenberger Jan Gorr als Trainer, sorgte er mit 25 beeindruckenden Paraden für Aufsehen und für den Sieg seiner neuen Mannschaft. Im Laufe der Punktspielrunde bestätigte er diese ersten guten Eindrücke. Wie hoch sein Anteil am Konstanzer Aufstieg war, ist alleine schon aus den Statistiken abzulesen. Um die 20 Paraden standen in nahezu jedem Spiel zu Buche – bei einem Schnitt von weniger als 26 Gegentreffern. Das ist eine sehr gute Quote, vor allem in der gezeigten Konstanz.

Als Beispiel für seine Leistungen mag das Heimspiel gegen Pfullingen dienen, als er mit seinen außergewöhnlichen Reflexen zum Hexer avancierte und von den mehr als 1300 Zuschauern mit Sprechchören gefeiert wurde. Mit Ausnahme weniger Spiele stand er in der Anfangsformation, und sein Spielanteil betrug in der Regel über 60 Prozent. In Konstanz ist er noch bis 2018 unter Vertrag.

Im WZ-Interview spricht Poltrum über den Aufstieg, die Bodensee-Region und seine persönlichen Karriereziele.

Konstantin Poltrum, Sie leben in einer Region, in der andere Menschen bevorzugt Urlaub machen. Wie empfinden Sie das Leben in der Bodensee-Region?

Konstantin Poltrum: »Landschaft und Stadt sind ein Traum. Die Schänzlehalle liegt direkt am See. Nach dem Training geht’s zur Erfrischung in den See. Wo ist das sonst möglich? Es ist hier ideal, um mit einem gemütlichen Abend den Tag ausklingen zu lassen. Da sich die Touristen auf Hafen und Innenstadt konzentrieren, bekommt man vom Trubel wenig mit. Alles liegt zentral. Im Gegensatz zu meiner Zeit in Hüttenberg habe ich kurze Wege. Daher habe ich auch kein Auto und bin zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs.«

Welches waren Ihre nachhaltigen Eindrücke von den Titelfeierlichkeiten in Konstanz?

Poltrum: »Die offizielle Feier auf dem Schiff war schon etwas Besonderes. Für mich war der Moment, als wir Meister wurden, allerdings noch euphorischer. Wie waren ja spielfrei und haben mit der Mannschaft in der Kabine auf dem Live-Ticker verfolgt wie unser Konkurrent Federn ließ. Viele Edelfans waren dabei. Die Stimmung beim letzten Heimspiel war auch schön, aber der Druck war nicht mehr da.«

Sie haben im Verlauf Ihrer Laufbahn bereits einige Erfolge erzielt. Wie ordnen Sie nun Meisterschaft und Aufstieg in die 2. Liga mit der HSG Konstanz ein?

Poltrum: »Sicherlich war der Erfolg mit der DHB-Auswahl das Nonplusultra. Das war eine Art Bonus. So etwas erleben nicht viele. Der Erfolg mit Konstanz ist eine andere Kategorie. Er ist das Resultat aus der Arbeit über einen längeren Zeitraum, der hohe Konstanz erfordert; das Ergebnis eines ganzen Jahres. Da die Kernarbeit eines Spielers im Verein stattfindet, ist solch ein gemeinsamer Erfolg sehr hoch anzusiedeln.«

Im Verlauf der Runde gab es etliche Spiele bei denen Sie als Matchwinner frenetisch gefeiert wurden. Welche Empfindungen hat man in solchen Momenten?

Poltrum: »Während des Spiels blende ich das aus und befinde mich voller Adrenalin im Tunnel. Ich bin total auf das Spiel fokusiert. Nach dem Abpfiff wird es dann bewusster, und man ist dann natürlich stolz.«

Es fällt auf, dass Sie mit den Aufgaben wachsen und absolute Spitzenleistung oftmals abrufen, wenn wirklich wichtige Spiele anstehen und die Halle kocht. Wie begründen Sie das?

Poltrum: »Große Kulissen vermitteln immer schöne Gefühle. In Spitzenspielen ist der Druck natürlich besonders. Wenn der Erste gegen den Zweiten spielt, ist das einfach etwas Spezielles. Ich freu mich auf solche Spiele und empfinde selbst keinen besonderen Druck. Meine Vorbereitung sieht vor jedem Spiel gleich aus. Ich rufe meinen Automatismus immer konstant ab.«

Wie sieht die Torwartarbeit in Konstanz aus? Wie oft trainieren Sie?

Poltrum: Ich habe die Möglichkeit, montags bei den Kadetten Schaffhausen mit deren Torwarttrainer Nikola Marinovic zu trainieren. Das ist aber nicht die Regel, ich würde es mir mehr wünschen. In Konstanz haben wir keinen Torwarttrainer, daher fehlt schon individuelle Förderung. Das war in Hüttenberg anders, davon habe ich profitiert. Man muss hier viel für sich selbst machen. Es ist Selbstdisziplin gefragt, um sich ein Trainingskonzept zu machen und es durchzuziehen. Da ich der älteste Torhüter hier bin (lacht), kann ich mich auch nicht an einem erfahrenen Mann orientieren und von ihm lernen.«

Wer hat Ihre Karriere nachhaltig beeinflusst?

Poltrum: »Ich habe einen kontinuierlichen Prozess durchgemacht. Schon bei den Stammverein HSG Mörlen hatte ich mit Dorthe Wiedenhöft-Naß in frühen Jahren eine Trainerin, die mich gefördert hat. In Hüttenberg hatten wir mit Waldemar Strzelczyk einen tollen Mann für die Torhüter. Bei ihm hatte ich richtig gutes Training, das viel Spaß gemacht hat. Davon habe ich profitiert, ebenso wie von der Arbeit mit Heiko Karrer.

DHB-Lehrgänge mit einer Ikone wie Henning Fritz sind zwar auch eine tolle Sache. So etwas ist aber nur punktuell und nicht so nachhaltig wie kontinuierliche Trainingsarbeit.«

Viele ehemalige Nationalmannschaftskollegen (Drux, Wiede, Kohlbacher) sind mittlerweile etablierte Bundesligaspieler und sogar Nationalspieler. Wie empfinden Sie das? Und gibt es da noch Kontakte?

Poltrum: »Sicherlich stellt sich die Frage, weshalb sie in der Bundesliga sind und ich in der dritten Liga, schließlich war ich auch einmal auf deren Niveau. Aber ich war auch einmal dabei, bin noch jung, und das Feuer brennt in mir. Man muss aber auch sehen, dass ich zu einem Ausnahmejahrgang mit vielen guten Torhütern gehöre und es in der Bundesliga für junge Torhüter ungleich schwerer ist Fuß zu fassen als für Feldspieler. Meine Teilziele habe ich erreicht. So finanziere ich zum Beispiel mit dem Handball mein Studium.

Sie sind noch jung, und man sagt, für Torhüter beginne die beste Zeit nach dem 25. Geburtstag. Wo sehen Sie sich dann?

Poltrum: »Ich möchte erstmal kontinuierliche Schritte in meiner Entwicklung machen. Die Position des ersten Torwarts bei einem Zweitligisten zu besetzen, ist ein Zwischenziel. Diese Chance habe ich jetzt. Ob, wann und wo ich den Sprung in die Bundesliga schaffe und dort angreife, kann ich nicht sagen. Alles wird sich ergeben.

In der 2. Liga gibt es ein Wiedersehen mit Ihrem ehemaligen Verein, dem TV Hüttenberg. Was bedeutet das für Sie?

Poltrum: »Sicherlich lief beim TVH nicht alles optimal, aber ich habe dort eine gute Ausbildung genossen, von der ich profitiere. Für mich wird das Spiel etwas Besonderes. Ich habe das Ziel, dort zu gewinnen und möchte zeigen, dass es schade ist, nicht mehr dort zu sein.«

Die ranghöchsten Wetterauer Vereine sind derzeit lediglich in der Landesliga zu finden; trotz einer großen Handballtradition in der Region und einer Vielzahl talentierter junger Spieler. Was können Sie diesen Spielern mitgeben?

Poltrum: »Etwas Grundsätzliches kann ich nicht sagen. Jeder Mensch ist anders und muss für sich selbst entscheiden und handeln. Wichtig ist eine gute Förderung in dem Verein, in dem man gerade spielt. Das kann auch der Heimatverein sein. Wann der richtige Zeitpunkt ist, nach oben zu wechseln, ist von vielen unterschiedlichen Faktoren abhängig, die jeder für sich bewerten sollte. Anstreben sollte man, in eine Auswahl berufen zu werden. Die Sichtweise anderer sollte man für sich aufnehmen. Zu sehen wie es in anderen Vereinen läuft, ist wichtig.«

Welche Träume, sportlich und abseits des Handballs, gibt es für Sie?

Poltrum: »Sportlich ist das Ziel, einmal in der Bundesliga zu spielen. Ansonsten möchte ich so viel wie möglich von der Welt sehen. Irgendwann einmal ein eigenes Haus zu bauen, kann ich mir vorstellen. Da bin ich geprägt von meinen Eltern. Viele Menschen hier am Bodensee leben als Grenzgänger, so etwas ist auch nicht schlecht.«

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