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Jochen Beppler

Kein Stillstand trotz Corona

Jochen Beppler aus Langgöns war Lehrer in Gießen und Trainer in Wetzlar. Jetzt kümmert sich der 41-Jährige als Chefbundestrainer um den deutschen Handball- Nachwuchs - und sieht trotz Corona-Pandemie der Zukunft zuversichtlich entgegen.

Trotz oder gerade wegen der aktuellen Pandemielage und den damit verbundenen Herausforderungen hat der Chefbundestrainer Nachwuchs des Deutschen Handball-Bundes, Jochen Beppler, alle Hände voll zu tun. Gerade vom Lehrgang mit dem Jahrgang 2004 zurückgekehrt, stand uns der Langgönser für ein Gespräch zur Verfügung. Dabei sprach er über die Folgen, Möglichkeiten, aber auch Chancen der Situation und die Angebote des DHB und des HCC Mittelhessen.

Wie haben Sie so die letzten Monate verbracht? Gab es vielleicht Dinge, die Sie angehen konnten, für die sonst weniger Zeit gewesen wäre? Vielleicht haben Sie sich selbst noch ein Stück weit mit neuen Dingen und Entwicklungen im Handball beschäftigt…

Ja, also das war in der Tat der Fall. Wir sind wirklich sehr viel konzeptionell angegangen, sodass wir nun einige Dinge in der Pipeline haben. Aktuell gibt es zum Beispiel unsere Nationalteam-Weeks nur für die Junioren- und Männernationalmannschaften. Das wollen wir auch für die Jugend hinbekommen, damit die Trainings- und Wettkampfmaßnahmen deutschlandweit noch besser aufeinander abgestimmt und damit dann auch die Belastung besser gesteuert werden kann. Dann haben wir im Hintergrund sehr viel an der Rahmentrainingskonzeption (RTK) gearbeitet. Dort hinterlegen wir viele Übungen mit ganz vielen Videoclips, sodass aus dem Bereich auch nicht nur Inhalte, sondern auch Übungen transportiert werden. Das Ganze wird im Laufe des zweiten Quartals 2021 noch fertiggestellt. Dann haben wir im letzten Quartal 2020 angefangen mit unserer Online-Akademie. Dort haben wir den Leistungs-, Amateur- und Breitensport gleichermaßen in den Fokus gerückt und wollen allen Interessierten damit ein Angebot machen. Also da haben wir verschiedenste Projekte sichtbar, aber auch unsichtbar angeschoben. Die unsichtbaren werden auch bald sichtbar. Da ist mir nicht langweilig geworden, muss ich sagen.

Wie schätzen Sie denn die aktuelle Situation für den Jugendbereich Handball ein? Im Bezug zur Jugendbundesliga und den Nationalteams, aber auch mit Blick auf den Amateursport?

Das ist natürlich eine wirklich schwierige Zeit für alle Jugendlichen und Vereine. Es gibt sicherlich einige, die durch ihre Zugehörigkeit - entweder im Bundeskader oder als Mannschaft, die am höchsten Wettbewerb teilnimmt - das Privileg haben, aktuell spielen zu dürfen. Dabei ist es selbst für viele von ihnen nur eingeschränkt möglich. Für alle anderen Vereine, die den Sport derzeit nicht ausführen dürfen, ist es sehr schwer, die Mädels und Jungs bei der Stange zu halten. Umso schöner und erfreulicher ist es dann, wenn du so Initiativen siehst wie es jetzt die HSG Hungen/Lich (»In 30 Tagen um die Welt«; Anm. d. Red.) gemacht hat oder wie das HCCM (Handball Competence Center Mittelhessen), das sich um Trainerinnen und Trainer kümmert. Dass aus dem Solidargedanken heraus Menschen etwas füreinander und damit auch für unsere Sportart tun.

Sie haben das HCCM angesprochen. Was wurde dort in der Zeit unternommen, um mit Vereinen, Spielern und Trainern in Kontakt zu bleiben?

Zum einen finde ich es da schon mal gut, dass sie jetzt Fortbildungen in Sachen Techniktraining angeboten haben und diese auch noch kostenlos organisiert wurden. Wie kann Techniktraining für die Kinder zu Hause aussehen? Wie kann man auch eine Mannschaft mit einem Quiz versehen? Da haben sich viele engagierte Menschen eingebracht. Es geht also darum, sich einfach Gedanken zu machen, gute Ideen weiterzugeben und die halt nicht nur für sich zu behalten, sondern da eben auch Trainerkolleginnen- und -kollegen mitzunehmen, die vielleicht entweder das Medium noch nicht kennen oder für die das noch kein Alltag war. Alle Ideen, die dazu beitragen, die Kinder an die Vereine zu binden, sind in dieser Zeit lohnenswert und verdienen Unterstützung. Dass einige dieser Initiativen gerade aus unserer handballverrückten Region kommen, freut mich einfach. Deshalb hoffe ich, dass wir den befürchteten Mitgliederverlust stemmen können. Wie es letztlich aussieht, werden wir alle erst im April/Mai sehen können, wenn es eine Perspektive für den Neustart gibt.

Wie ist Ihre Einschätzung oder Ihr Gefühl, was den Nachgang betrifft, also wenn die Situation sich wieder normalisiert hat? Inwieweit werden da noch Auswirkungen auf den Handball zu spüren sein?

Ich hatte jetzt gerade den Lehrgang mit den Nationalspielern des Jahrgangs 2004, und ich hatte erst befürchtet, dass die Trainingsausfälle sich deutlicher bemerkbar machen. Aber ich weiß auch nicht, ob das einfach bei bewegungsfreudigen Kindern oder Jugendlichen so ist. Natürlich hätten sie weiter sein können, wenn sie die ganze Zeit trainiert hätten, aber ich hatte auch das Gefühl, dass sie in ihrer Entwicklung nicht stehen bleiben, nur weil kein Training ist. Da muss ich sagen, dass ich positiv überrascht wurde. Ich hoffe, dass das vielen Trainerinnen und Trainern genauso geht. Wo man sicherlich aufpassen muss, ist, dass eventuell aufgetretene Infektionen keine Spätfolgen nach sich ziehen und dass nach Trainingsausfällen eine gezielte Vorbereitung insbesondere auf die mechanischen Belastungen, also beim Abstoppen und Beschleunigen, erfolgt. Je älter die Spielerinnen und Spieler werden, desto mehr muss man sie athletisch wieder gut vorbereiten. Das sind sicher Faktoren, die es da stärker in den Fokus zu nehmen gilt. Ansonsten lässt sich, glaube ich, schlecht voraussagen, was es an Defiziten gibt. Es wird wichtig sein, sensibel zu schauen, welche Trainingsrückstände entstanden sind und wo man zur Lösung ansetzen kann. Die Punkte gilt es dann vielleicht auch stärker in die Saisonvorbereitung einzubinden. Zusätzlich müssen Lösungen her, was in den Sommerferien gemacht werden kann, um nicht danach wieder nahezu bei null anzufangen. Der DHB arbeitet derzeit im Verbund mit anderen Mannschaftssportarten ebenfalls daran, gemeinsam Lösungsvorschläge zu entwickeln und bereitzustellen.

Zum Abschluss ein Blick in die Heimat: Wie sehen Sie die Anfänge der Kooperation zwischen der HSG Wetzlar und dem TV Hüttenberg in der Entwicklung der Spieler?

Ich kenne diese Überlegungen nicht genau und kann mich daher nicht wirklich detailliert dazu äußern. Grundsätzlich finde ich Zusammenarbeit immer erst mal gut. Von außen geschaut, ergibt es - unabhängig von den beiden Leuchttürmen HSG und TVH - allerdings großen Sinn, sich mit zentralen Fragen zu beschäftigen: Wie kann man den vielen Talenten eine sportliche Heimat bieten, in der notwendige Umfänge und Qualität von Training endlich auch in einem dualen Karriereweg vereinbar sind? Wie kann sich die Region (auch) in der Spitze und nicht nur in der betreuungsintensiven Nachwuchsarbeit koordiniert aufstellen? Aber wie gesagt: Die genauen Überlegungen kenne ich nicht. Wenn man die angesprochenen Punkte jedoch berücksichtigt, dann finde ich Kooperationen sinnvoll und gut. Nicht nur für Wetzlar und Hüttenberg, sondern auch für die Region. Es wäre schön, wenn das Ergebnis mehr ist als das bloße »Zusammenlegen« von Mannschaften.

Mit DHB-Präsident Andreas Michelmann (links) und DHB-Vorstand Axel Kromer arbeitet Jochen Beppler (rechts) als Nachwuchs-Bundestrainer eng zusammen.

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