Im September 1985 waren die Weltmeister Paul Breitner (l.) und Gerd Müller mit der "Portas-Elf" in der Wetterau zu Gast.
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Im September 1985 waren die Weltmeister Paul Breitner (l.) und Gerd Müller mit der "Portas-Elf" in der Wetterau zu Gast.

Historische Momente

"Kaiser", "Bomber" und Prinzen - Das Bad Nauheimer Waldstadion im Lauf der Geschichte

  • Michael Nickolaus
    vonMichael Nickolaus
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Franz Beckenbauer war da. Gerd Müller und Lothar Matthäus ebenso wie die Nationalmannschaft eines WM-Teilnehmers. Ein Ritt durch die Geschichte des Bad Nauheimer Waldstadions.

Die Geschichte des Waldsportplatzes in Bad Nauheim beginnt in den 1930er Jahren. Mehrfach wurde des Areal erweitert und modernisiert. Dem Fußball, den Leichtathleten und später auch dem Hockey bietet das Waldstadion, wie es inzwischen heißt, eine Heimat. Große Namen und einflussreiche Funktionäre konnten hier begrüßt werden. Die Liste sportlich unvergessener Veranstaltungen ist lang. Ein Rückblick auf die prägenden Highlights.

Franz Beckenbauer (r.) glänzt 1964 noch als A-Jugendlicher des FC Bayern München als zehnfacher Torschütze im Bad Nauheimer Waldstadion

Am 10. Mai 1964 wurde das Waldstadion eingeweiht. Mit viel Tamtam und noch mehr warmen Worten. Das Areal am Stadtwald, seit 1933 Sportstätte, war schließlich aufwendig modernisiert und erweitert worden. Und der große FC Bayern zeigte Präsenz; wenn auch nur mit der A-Jugend. Dort ging in jenen Tagen der Stern von Franz Beckenbauer auf. Mit 13:1 gewannen die Gäste gegen eine Mannschaft aus Spielern des VfL und der SG Ostend Bad Nauheim. Zehnfacher Torschütze: Beckenbauer.

Das Sporthotel Erbismühle in Weilrod war in den 70er und 80er Jahren ein international beliebtes Ziel für Fußball-Profiklubs in der Saion-Vorbereitung. Im August 1977 war Olympiakos Piräus im Taunus zu Gast. Von 1973 bis 1975 hatte der heute erfolgreichste griechische Klub die nationale Meisterschaft gewonnen. In Bad Nauheim traf Piräus zum Test auf eine Kreisauswahl. Enttäuschend: Nur 500 Zuschauer sahen zu. Olympiakos hatte elf griechische Nationalspieler aufgeboten, dazu einen Iren und Dänen, die ebenfalls schon für ihre Heimatländer gespielt hatten.

Eine Gala der Weltmeister von 1974 und der türkische Meister zu Besuch

Paul Breitner, Wolfgang Overath und Gerd Müller, dazu Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbein von Eintracht Frankfurt; quasi als "Local Heros". Am 8. September 1985 spielte die sogenannte Portas-Traditionsmannschaft in Bad Nauheim. Das Gastspiel der Promi-Elf, in der unter anderem noch Bernd Cullmann und Lothar Emmerich gegen eine Turnierauswahl aufliefen, bildete den Abschluss des Fit 85-Pokals, den die "Bild am Sonntag" in Bad Nauheim hatte ausspielen lassen. 2000 Zuschauer verfolgten den Auftritt der fünf Weltmeister von 74 und brachten dem SV 06 Bad Nauheim auch eine "ordentliche Einnahme", wie Julius Wagner, seinerzeit Vorsitzender, sagt. Auf dem damaligen Hartplatz hatten die Gastgeber, unter anderem mit dem Formel-1-Boliden von Michele Alboretto, bunt und aufwendig für ein Rahmenprogramm gesorgt. Nur das Wetter spielte nicht mit.

Klubchef Hans-Dieter Hagenow hatte direkt durchgeklingelt; bei "Kalli" Feldkamp, dem deutschen Trainer von Galatasary Istanbul. Der türkische Meister weilte 1993 zur Vorbereitung in der Rhein-Main-Region - und ja, ein ergänzendes Testspiel in Bad Nauheim sei möglich. Der SV 06 hatte den Türkischen SV mit ins Boot geholt. "Wochenlang gab es kein anderes Thema. Jeder war bemüht, dass alles passt und sich die Gäste wohlfühlen", erinnert sich Thomas Brannekämper, der eine Halbzeit lang aufseiten der Gastgeber mitspielen durfte. Rund 2000 Zuschauer sorgten für einen stimmungsvollen Rahmen in Rot und Gelb. Die Gäste allerdings enttäuschten; vor allem die türkischen Anhänger.. Feldkamp hatte seine türkischen Nationalspieler ebenso wie Falco Götz und Reinhard Stumpf, zwei seiner deutschen Profis im Kader, mit Blick auf ein Test am nächsten Tag geschont. Zudem hatten die Türken schon am Vorabend in der Region getestet, was in Bad Nauheim doch merklich an Zuschauern gekostet hatte. Immerhin: In puncto Antrittsprämie zeigte der Renommier-klub vom Bosporus anschließend ein Entgegenkommen.

Der "Kaiser" kehrt zurück - mit Matthäus, Scholl und Labbadia

Der FSV Frankfurt hatte die Zusage für das Bayern-Spiel; doch fehlte dem damaligen Oberligisten eine Austragungsstätte. Die Stadt Frankfurt hatte im Februar 1994 die Plätze gesperrt, und Hans Dieter Hagenow hatte davon Wind bekommen. Der Vorsitzende des SV 06 bot dem damaligen FSV-Macher Klaus Gerster das Waldstadion als Ausweichstätte an. Peter Keller, damals Bürgermeister, hob die Platzsperre kurzerhand auf und ermöglichte der Wetterau ein Fußballfest mit 4000 Zuschauern. Franz Beckenbauer hatte gerade den Trainerjob beim FC Bayern übernommen. Entsprechend groß war das Medieninteresse. Fünf Treffer erzielte allein Bruno Labbadia, Lothar Matthäus traf ebenfalls, Mehmet Scholl zog die Fäden. Der "Kaiser" hatte alle seine Stars auflaufen lassen und zeigte auch Humor. "Ist das alles an Flutlicht, was ihr habt? Dann müssen wir den Jungs Taschenlampen mitgeben. Ich habe ein paar Blinde in der Mannschaft", sagte er augenzwinkernd, als an diesem nasskalten Februar-Mittwoch die Lichter eingeschaltet worden waren. Im benachbarten "Waldhaus" ließen die Bayern um Manager Uli Hoeneß den Abend ausklingen.

In Bad Nauheim wurde ausgesiebt. Ein Hockey-Länderspiel gegen Großbritannien diente Bundestrainer Paul Lissek als letzter Test in Deutschland vor den Olympischen Spielen in Atlanta 1996. Mit einer 1:2-Niederlage von "Kalle" Fischer, Volker Fried und Co. endete die Partie vor 800 Zuschauern rund um den Kunstrasen. Die Ausrichtung des Länderspiels ist bis heute Höhepunkt der VfL-Abteilungsgeschichte. "Ich war erst skeptisch, aber ich muss den Veranstalter loben", sagte Michael Krause, der Präsident des Deutschen Hockey-Bundes. Der VfL hatte quasi eine Punktlandung hingelegt. 24 Stunden vor dem Anpfiff hatte unter anderem eine TV-gerechte Linierung auf dem Feld gefehlt. Mit Schablonen und Farbe war schließlich bis tief in die Nacht gearbeitet worden. Erst drei Wochen vor dem Match hatte Bad Nauheim den Zuschlag erhalten.

WM-Quartier für die Prinzen aus dem Mittleren Osten

Prominente Gäste im Waldstadion von Bad Nauheim: Zur Weltmeisterschaft 2006 wählte die Nationalmannschaft von Saudi-Arabien die Kurstadt als Quartier.

Eine wohl einmalige Sache: Bad Nauheim hatte bei der Fußball-WM im eigenen Land die Nationalmannschaft von Saudi-Arabien zu Gast. Die "Grünen Falken" waren im Hotel Dolce unterbrachtet, absolvierten ihre Trainingseinheiten im Waldstadion und bestritten vor 3000 Zuschauern einen Test gegen eine Stadtauswahl. Mit einer Kolonne an gepanzerten Fahrzeugen war unmittelbar vor Spielbeginn unter anderem Prinz Sultan Bin Fahad Al Saud, der Präsident des saudi-arabischen Verbandes, durch die hintere Stadioneinfahrt vorgefahren und nahm in einem tiefen Sessel auf einer eigens aufgestellten, überdachten Empore Platz. Rund 180 000 Euro waren in den Monaten zuvor in die Renovierung des Stadions gesteckt worden. Mitarbeiter der Stadt waren in Seminaren auf Gepflogenheiten und Bräuche in der arabischen Kultur eingestellt worden, im Hotel waren Bibeln gegen den Koran getauscht und so mancher TV-Sender verschlüsselt worden. 

In der Stadt gehörten Spieler, an den weiß-grünen Trainingsanzügen rasch zu erkennen, und Funktionäre schnell zum gewohnten Bild. "Das war noch eine andere Zeit", erinnert sich Matthias Baumann vom Fachdienst Kultur und Sport der Stadt. Bad Nauheim hatte sich als Gastgeber so einiges einfallen lassen, unter anderem das Event "1001 Nacht" in der Innenstadt. Und selbst bei dieser öffentlichen Veranstaltung zeigten sich die Kicker volksnah und offen, mischten sich unter die Bevölkerung. Nach der Vorrunde war für die Saudis das Turnier allerdings bereits beendet.

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