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Jörg Jung zeigt seine WM-Startnummer auf der Startliste.

Jörg Jung "im Grenzbereich"

(web) Jörg Jung (Triathlon Wetterau), der sich im Juli in Frankfurt die Krone des Europameisters in der starken AK 45 aufsetzen durfte, finishte nun beim legendären Ironman Hawaii auf Big Island, der Hauptinsel des Archipels, auf Platz 99 der AK 45 in 10:45 Stunden.

Obwohl Jung bereits gut zwei Wochen vor dem Rennen den strapaziösen Flug auf sich genommen hatte, gelang es ihm dieses Mal nicht, sich optimal auf die subtropischen Bedingungen der Pazifikinsel mitsamt dem Zeitunterschied von zwölf Stunden einzustellen. "So richtig angekommen habe ich mich nicht gefühlt", sagt Jung. Im Vorfeld hatte es aufgrund eines extrem starken "El Niños" ergiebige Regenfälle auf Hawaii gegeben, dies bedeutete extrem hohe Luftfeuchtigkeit, und "auch ohne Training fiel mir das Atmen manchmal richtig schwer." Selbst das Meer brachte nicht das Aquariumgefühl der Vorjahre, warm und trüb war es, weit entfernt von den sonstigen klaren Sichtverhältnissen bis zum Grund. Wenig Sonne, aber viel Wind im Vorfeld zwangen sogar dazu, lange Trainings-Radeinheiten Richtung Hawi vorzeitig abzubrechen. Immer schwerer war es Jung gefallen, sein Rennrad im Wind unter Kontrolle zu halten.

Einen Tag nach dem Hoala-Testschwimmen auf der Originalstrecke im warmen Pazifik wachte der Butzbacher morgens schlapp auf und hatte mit Magenproblemen zu kämpfen, die er mit Medizin dann in den Griff bekam. Allerdings blieben nur noch zwei Tage, um die Speicher für die Strapazen am Wettkampftag zu füllen. Von seinem ursprünglichen Ziel, seine Hawaii-Bestzeit von 2013, die 9:37 Stunden zu knacken, träumte Jung schon lange nicht mehr. Denn "einen Ironman pro Saison auf hohem Niveau – wie den in Frankfurt – traue ich mir zu", bilanziert der Ausnahmeathlet, "am Ende einer langen Saison in Kona starten zu dürfen, ist ein Traum, aber für mich auch eine Belastung im Grenzbereich".

Morgens um 6.50 Uhr erfolgte am Renntag 20 Minuten hinter den Profis der Start der Altersklassen. Nach 1:13 Stunden für die 3,8 Kilometer ohne Neoprenanzug verließ Jörg Jung das unruhige Wasser. Schon die erste Hälfte der 180 Kilometer langen Radstrecke von Kona hinauf nach Hawi zum Wendepunkt kostete die Athleten ordentlich Kraft. Stetiger Seitenwind blies schon auf dem ersten Teil der Strecke, dem Queen K Highway, glücklicherweise blieben die heftigen böigen Mumuku-Winde in diesem Jahr aus.

Im Anstieg zum Wendepunkt nach Hawi, bei Kilometer 90, begann es heftig zu regnen. Trotzdem fuhr Jung ein kontinuierliches Tempo, die Ermüdung hielt sich noch in Grenzen. 25 bis 30 Kilometer vor der Wechselzone ging die Muskulatur in Oberschenkel und Waden auf dem Highway langsam zu, Jung nahm sofort das Tempo raus, in der Hoffnung, dass sich dies beim Laufen auszahlte. 800 Meter vor der Wechselzone am Pier ertönte ein ohrenbetäubender Knall: Das Vorderrad verlor augenblicklich die acht Bar, der Mantel blieb aber auf der Felge, so dass Jung ganz langsam am Kona Aquatic Center vorbei auf dem Kuakini Highway mit guten 5:21 Stunden Radzeit in die Wechselzone rollen konnte.

"Im Grunde die Hölle"

Zunächst lief es auf der Laufstrecke relativ gut, was jedoch nach rund 15 Kilometern vorbei war: Auf dem Anstieg auf der Palani Road hinauf zum Queen K Highway und dann hinaus in die Lavawüste schmerzten die Beine, Krämpfe kamen hinzu, noch schlimmer waren die Bergabpassagen mit den exzentrischen Belastungen. "Ab der Verpflegung Mitte Palani Road bin ich dann jede folgende Aid-Station vom Anfang bis zum Ende gegangen.

Alle 1,6 Kilometer also eine kleine Verschnaufpause. Mir blieb keine andere Wahl, auch wenn die Zeit bis zur Finishline so immer länger werden würde", erzählt der vierfache Hawaii-Finisher. Am gefürchteten Energy-Lab, an dem bereits zwei Drittel des Marathons geschafft sind und das normalerweise auf dem Rückweg mit stehender Hitze für zusätzliche Qualen sorgt, war es bewölkt, mit zwei 1,5 Liter-Flaschen kühlte sich Jung genauso ab wie Jan Frodeno, der überragende Athlet des Jahres 2015 und neue Weltmeister auf Hawaii.

"Bei Kilometer 34 war mir klar, dass der Marathon wohl um die vier Stunden ausgehen würde, aber auch das war zu ertragen. Je näher ich dem Ziel kam, desto besser wurde die Stimmung wieder. Die Palani runter war im Grunde die Hölle, bevor dann auf der langen Zielgeraden auf dem Alii-Drive Feiern angesagt war. Zickzacklaufend auf beiden Seiten Hände abklatschen und den Zieleinlauf genießen. Dazu die magischen Worte ›You are an Ironman"." Letztlich war das Finishen auf Hawaii für Jörg Jung das Wichtigste. "Ironman is all about home coming", sagte einmal ein australischer Triathlonprofi in Kona zu ihm, und genau dies begriff der talentierte Langstreckler in diesem Jahr.

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