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Mit Japan-Öl und Babypuder nach Krefeld

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Die Kabine - Heiligtum einer Profimannschaft, eine Tabu-Zone für die Öffentlichkeit. Trainerteam, Betreuer und Spieler sind hier unter sich. Hier wird geflachst und gezofft, hier wird gemeinsam gefeiert und Streit offen ausgetragen.

Meistermannschaften wachsen hier zusammen, Neid und Missgunst können Titelträume platzen lassen. Was in diesen vier Wänden passiert, verlässt den Raum nicht. Doch: Was tut sich eigentlich hinter jener Tür, die oftmals gar den Vereinsbossen verschlossen bleibt? Was geschieht rund um ein Spiel? Zum Vorrundenabschluss der Eishockey-Oberliga West hat WZ-Sportredakteur Michael Nickolaus den EC Bad Nauheim einen Tag lang begleitet, war mittendrin. Morgens schon beim Stretching, mittags im Bus und abends, beim 5:1-Erfolg in Krefeld, in der Kabine und auf der Mannschaftsbank.

9.03 Uhr: Jan Stockbauer knipst das Kabinenlicht an. Der 22-jährige Betreuer, der bei der Spielbetriebs GmbH eine Lehre zum Bürokaufmann absolviert, ist der Erste; wie zu jedem Training, zu jedem Spiel. Links der Eingangstür hat jeder Spieler seinen festen Platz, gleich vorne am Eingang sitzen Thomas Ower und Niklas Deske, die Torhüter. Rechts stehen vier Spinning-Räder, führen Türen in die Räumlichkeiten von Trainern und Betreuern. Die Termine der nächsten Tage hängen an den Wänden, ebenso ein Plasma-TV, die Gewichts- (Kontrolle einmal wöchentlich) und Scorerlisten sowie die Plus-/Minus-Statistik.

Hier werden die Leistungen in den »big games« gesondert aufgelistet. Die besten Werte können hier Alex Baum und Marius Pöpel vorweisen. Auffallend: Daniel Oppolzer und Michel Maaßen, zwei der vier erfolgreichsten Torjäger, haben fast ausschließlich in den sogenannten »unwichtigen« Spielen getroffen.

Robert Waniek, elf Jahre älter als Stockbauer und seit diesem Sommer dabei, kommt wenige Minuten später. Kaffeeduft verdrängt den Schweißgeruch, der in den Wänden hängt. Bananen hat Waniek mitgebracht, platziert diese neben Schokolade, Plätzchen, Eucalyptus-Bonbons und den acht Getränkekisten (viermal Wasser, viermal isotonische Durstlöscher), die für die Fahrt nach Krefeld bereits gestapelt sind.

9.46 Uhr : Patrick Strauch ist meist einer der ersten Spieler in der Kabine. Die Musik wird aufgedreht. Einen teaminternen DJ gibt es nicht. Wer will, schließt seinen Ipod an. Die Musikauswahl: Querbeet.

Vorne treten Jan-Niklas Pietsch und Sven Schlicht in die Pedale. Chris Stanley breitet eine Gymnastikmatte aus, lässt auf seinem Tablet-PC die Highlights der Junioren-WM-Spiele des vergangenen Abends laufen und dehnt sich mit Marius Pöpel und Matthias Baldys, der am Abend sein Comeback feiert. Im Betreuerraum bestücken Stockbauer und Waniek den Material-Rollwagen: Von Babypuder (gegen feuchte Hände in den Handschuhen) über Duschgel, japanisches Heilpflanzenöl (für eine freie Nase während der Partie), Sägen, Schraubenzieher, Schnürsenkel, Tape, Ersatzkufen - am Abend darf nichts fehlen. Selbst die Schleifmaschine wird eingepackt, im Fall der Fälle ist nämlich Maßarbeit gefragt. Jeder Spieler - das geht aus einer weiteren Liste hervor - bevorzugt seinen eigenen Schliff; Maaßen beispielsweise einen sehr flachen, Janne Kujala einen eher kantigen.

Martin Lee trägt seinen Essens-Wunsch für den Abend in eine Liste ein (bestellt wird diesmal bei einem Pizza-Service), Jannik Striepeke präpariert seine Schläger für die Partie (jeder Spieler hat seine Vorlieben, um das Spielgerät optimal kontrollieren zu können), als Konstantin Firsanov hereinkommt, einen dicken Schal um den Hals gelegt. Der Stürmer fühlt sich unwohl, fragt nach Fieberthermometer und wird die Fahrt nicht antreten. Rund eine Stunde dauert das »Anschwitzen« - ohne Trainer im übrigen. »Wichtig ist, dass die Jungs morgens aus dem Bett kommen und ihren Rhythmus finden«, sagt Frank Carnevale, der vor wichtigen Partie das »Stretching« auch schon mal zu einer kleinen Ansprache nutzt.

13.51 Uhr : Taschen und Schläger sind im Bus verstaut. Kurzfristig möchte der Trainer einen Juniorenspieler mit nach Krefeld nehmen. Nicht alle potenziellen Kandidaten stehen zur Verfügung, manche sind nicht zu erreichen. Während Patrick Sattler schließlich seine Siebensachen packt und Ralf Gartz als dritter Betreuer noch dessen Trikot hervorkramt, lässt Carnevale zwei Spieler wieder aussteigen.

Vorm Bus findet der Trainer deutliche Worte. Beide Spieler hatte der Coach in der Nacht weit nach Mitternacht in Marktplatz-Kneipen gesehen. Beide sollen am Abend auf der Bank sitzen.

14.06 Uhr: Abfahrt. Der Bus ist groß, fast jeder Spieler kann sich in einer Sitzreihe ausstrecken. Ganz vorne rechts sitzt Carnevale, neben ihm gewöhnlich Co-Trainer Daniel Heinrizi, dahinter die Betreuer und Dittmar Pufal. Der Physiotherapeut hat eine DVD mitgebracht. Pufal ist im Sommer im Motorsport tätig (World Touring Car Championships) und lässt Ausschnitte über den Bildschirm flimmern. Seit September kümmert sich der Rockenberger auch um die Roten Teufel. Im Bus wird es schnell ruhig. Einige Spieler, die sich überwiegend auf die hinteren Reihen verteilen, lesen, hören Musik, die meisten schlafen quer über die Sitze oder auch längs im Gang, haben Kissen, Decken oder auch Schaumstoffpolster dabei. Mancher schnarcht.

15.43 Uhr: Rasthof Aggertal Nord, 20 Minuten Pause. Wachwerden, Dehnen, Beine vertreten, eine Kleinigkeit essen und trinken. Carnevale spricht zu Stanley und Kujala, verrät die geplanten Umstellungen, hofft auf Rückmeldung von Mike Schreiber, dessen Termin zur Rückkehr aus Kanada noch nicht bekannt ist. Auf den letzten rund 100 Kilometern bis zur Rheinlandhalle plaudert der Coach mit seinem Assistenten über die Zwischenrunde, über Gegner aus dem Norden und dem Osten, über Platzierungen und deren mögliche Bedeutung für Endrunde und Playoffs, über potenzielle Verstärkungen und Möglichkeiten, diese zu kontaktieren.

17.13 Uhr: Der Bus biegt in die Westparkstraße ein. 13 Minuten später als geplant. Die Spielvorbereitung - die »pre-game-routine«, wie der Trainer sagt - muss deshalb verkürzt werden. Menschenmassen stehen vor dem »König Palast«, wo im DEL-Spiel zwischen Krefeld und den Eisbären Berlin gerade die erste Drittelpause begonnen hat. Direkt gegenüber, auf der anderen Straßenseite, spielt das Oberliga-Team des KEV in der altehrwürdigen Rheinlandhalle.

Im Gästetrakt – eine große und eine kleine Kabine, zwei Toiletten – sitzt jeder Handgriff. Stockbauer schafft das Material aus dem Bus, kümmert sich anschließend um den Spielbericht, Waniek baut Kaffee-, Schleifmaschine sowie Kuchenteller, Kaugummi und Obst auf, während Gartz die Handtücher und Trinkflaschen an der Mannschaftsbank der nahezu menschenleeren Halle platziert. Die ersten Spieler laufen sich vor dem Stadion warm, in der Trainer-Kabine wartet Physio Pufal, der eine mobile Massagebank dabei hat, auf Kundschaft. Baldys zwickt der Rücken, Oppolzer will einer Verhärtung im Oberschenkel vorbeugen. Carnevale bekommt Schreiber endlich an die Strippe, und Heinrizi fährt seinen seinen Laptop hoch, um an der Videoanalyse weiter zu arbeiten. Spielaufbau, Powerplay, negative Angewohnheiten und Fehler sind die Kapitel in dem aktuell rund 13-minütigen Film benannt.

18.15 Uhr: Carnevale spricht zur Mannschaft. Knappe, deutliche Worte und abschließend ein kleiner Gag. »Rennt mir Baldys nicht gleich um. Wir brauchen ihn heute.« Fünf Wochen hatte der Stürmer pausiert. Ist er voll belastbar? Wie lange hält er durch? Wie ist auf einen erneuten Ausfall zu reagieren, wo doch gleich zwei Spieler ihren Denkzettel als Bankdrücker erhalten sollen? Konzentriert verfolgt Carnevale das Aufwärmen seiner Mannschaft, glaubt, der eine oder andere Spieler sei nicht fokussiert, klopft gegen das Plexiglas und mahnt zu mehr Aufmerksamkeit. Elmar Schmitz, der Trainer der Gastgeber, kommt herüber, schüttelt die Hand, ein Smalltalk entwickelt sich.

18.51 Uhr : Zweite Ansprache, unmittelbar vor Spielbeginn. Man sei auf halbem Weg einer langen Saison, sei ungeschlagen und wolle mit einem guten Gefühl in die nächste Runde starten. »Ihr seid mir heute viel zu ruhig«, vermisst er die richtige Betriebstemperatur seiner Mannschaft und fordert: »Verletzt Euch nicht.

« Die Spieler klatschen, greifen zum Schläger und marschieren nach draußen. Aufs Eis geht die Mannschaft erst, als auch der letzte Spieler die Kabine verlassen hat.

19.07 Uhr : Erste Hinausstellung gegen die Roten Teufel, eine Bankstrafe gegen Bad Nauheim. Zu viele Spieler waren auf dem Eis, genauer gesagt: zu viele Verteidiger. Carnevale, der das Coaching der Abwehrspieler weitgehend seinem Assistenten überlässt, ist verärgert, will umgehend geklärt haben, wie so etwas passieren kann. Der Trainer verfolgt das Spiel mit wachem Blick, redet wenig, lobt hin und wieder einen gelungenen Wechsel (»Good shift, boys«) und wird nur einmal laut, als die Scheibe leichtfertig vertändelt wird. Auf der Bank ist’s ruhig, der eine oder andere Lauf- und Passweg wird von den Spielern zwischen den Eiszeiten besprochen.

19.43 Uhr: »Jungs, das erste Drittel war okay. Ihr seht, Krefeld spielt aggressiv. Lasst uns auch einige Checks anbringen«, fordert der Coach mehr Körpereinsatz zum zweiten Abschnitt, spricht im Trainerteam noch einmal die letzte Nacht an. »Ich halte nichts von Geldstrafen. Aber sie werden es in den nächsten Tagen spüren - und zwar alle. Wenn einer Mist baut, müssen das alle ausbaden. Ich denke, solche Dinge regeln die Jungs dann schon untereinander und passen auf, dass keiner Dummheiten macht.«

20.28 Uhr: Frank Carnevale ist mächtig sauer: »Genau das passiert, wenn Profimannschaften auf solche Teams treffen. Die freuen sich doch mehr, wenn sie Checks setzen, als über eine gute Leistung.« Unmittelbar zuvor war RT-Top-Scorer Chris Stanley von Sven Schiefner mit dem Knie unsauber gecheckt worden und mit der Pausensirene in die Kabine gehumpelt. Im letzten Drittel ist für den Kapitän nach nur einem Wechsel Schluss. Stanley signalisiert dem Coach, nicht mehr spielen zu können. Carnevale stellt Sven Schlicht auf dessen Position, und der trifft gleich bei seinem ersten Wechsel.

21.08 Uhr: Sieg. Carnevale lobt in der Kabine zunächst die Leistung einiger Spieler (»Good game, Pietschi«), macht die Disziplinlosigkeit der vergangenen Nacht vor der gesamten Mannschaft zum Thema. »Wir haben Fans, die uns mit Bussen selbst zu einem Spiel wie diesem begleiten, und wir haben einen Job zu erledigen. Wir sind es uns und unseren Zuschauern schuldig, dass wir dafür alles unterordnen.« Ab der Zwischenrunde spiele jeder Punkt, möglicherweise jedes Tor eine Rolle - und deshalb werde man vor dem Auftakt den Modus detailliert erklären, um jedem Spieler die Bedeutung vor Augen zu führen. »Wir sind hier, um diese Saison zu einer besonderen Saison zu machen; nicht um anderen zum Titel zu gratulieren und ihnen beim Feiern zuzusehen. Wir wollen in die 2. Liga, und dafür ist Selbstdisziplin erforderlich«, macht der Coach unmissverständlich deutlich und überlässt teamintern dem Kapitän und dessen Assistenten den weiteren Umgang mit diesem Thema. »Ich gehe davon aus, dass ihr das regelt.«

21.22 Uhr: Schlangestehen bei Pufal: Striepeke, Oppolzer und Stanley begeben sich in die Hände des Physiotherapeuten, während die beiden Trainer im Restaurant von einer euphorisch Volkslieder grölenden Krefelder Fangemeinde (DEL-Tabellenführer nach 4:3-Erfolg nach Penaltyschießen gegen Berlin) empfangen werden. »Ich bin froh, dass die Runde endlich vorbei ist«, sagt Carnevale, der nach einem kurzen Gespräch mit Geschäftsführer Wolfgang Kurz im Bus verschwindet. Der Pizza-Service hat bereits geliefert.

21.48 Uhr: Abfahrt: Maaßen, der VJ im Team, hat fünf DVD’s mitgebracht. Carnevale entscheidet sich - nach einem kurzen Meinungsaustausch mit seinem Stürmer zum Spiel – für den Thriller »Die Entführung der U-Bahn Pelham 123«, der in englischer Sprache über die Bildschirme flimmert.

22.12 Uhr: Carnevale lässt »Elvis«, wie er den Busfahrer aufgrund dessen Frisur nennt, an einer Tankstelle anhalten. Die Möglichkeit, ein Bier zu kaufen, wird nahezu ausnahmslos abgelehnt. Im Bus ist es während der Rückfahrt ruhig. Einige Spieler schlafen, manche verfolgen den Film, andere wiederum informieren sich über ihr Smartphone über die Resultate anderer Ligen, stoßen auf die Bestätigung des Wechsels von Ex-Teufel Lanny Gare nach Frankfurt.

0.43 Uhr: Ankunft in Bad Nauheim: Stockbauer öffnet die Tore zum Parkplatz im Stadiongelände, wo die Spieler geparkt haben, da die öffentlichen Stellplätze nebenan aufgrund der Hessenliga-Partie der Ib gegen Lauterbach am Nachmittag bei der Abfahrt besetzt waren. Die Taschen werden in die Kabine gestellt. Ende einer Auswärtsfahrt.

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