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Michael Paetow zeigt seinen Spielerpass von 1995. Seit diesem Jahr ist er für den TSV Ostheim spielberechtigt. Sein Debüt im Seniorenbereich gab Paetow 1970 beim VfL Bad Nauheim.

Kreisliga-Rentner

Warum der Ostheimer Michael Paetow mit 66 Jahren noch in der Kreisliga B kickt

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Michael Paetow hat 1970 sein Debüt im Senioren-Fußball gegeben. Vor inzwischen fast fünf Jahrzehnten. Jetzt hat er noch einmal die Schuhe geschnürt. Mit 66 Jahren hat Paetow beim TSV Ostheim II ausgeholfen - in der B-Liga.

Michael Paetow hat beim VfL Bad Nauheim das Fußballspielen erlernt. In den 1960er-Jahren war das. Zusammen mit Michael Weil und Manni Manderbach wurde er als A-Jugendlicher in die erste Mannschaft hochgezogen, als es im Frühjahr 1970 um den Klassenerhalt ging. "In Friedberg haben wir damals gegen Ockstadt gewonnen, vor 2000 Zuschauern. Und wir waren gerettet", erinnert sich Paetow an seinen Einstieg bei den Aktiven. In der Bad Nauheimer Altstadt betrieben seine Eltern Robert und Edith das "Licher Eck", die Vereinskneipe. Und die Liebe zum Spiel mit dem runden Leder hält bis heute. Der gelernte Großhandelskaufmann, der sein Berufsleben bei der Volksbank verbracht hat, ist inzwischen Rentner, lebt in Butzbach-Ostheim und gehört beim TSV dem Spielausschuss an. Vor acht Jahren, "das darf man eigentlich gar keinem erzählen", sagt Paetow, bekam er ein künstliches Kniegelenk. Jetzt stand er - inzwischen 66 Jahre alt - wieder auf dem Platz. Nicht bei im Altherren-Kader, sondern im Spiel der Kreisliga B gegen die SG Oppershofen (0:10).

Michael Paetow, Sie standen kürzlich für den TSV Ostheim II auf dem Fußballplatz. Wie kam’s zum Einsatz?

Das Highlight: Am 10. August 1977 spielte Michael Paetow gegen Olympiakos Piräus. Der Erstligist aus Griechenland bestritt ein Trainingslager in Bad Nauheim und absolvierte ein Testspiel gegen eine kurzfristig zusammengestellte Kreisauswahl. Vor vierstelliger Zuschauerzahl unterlag die bunt zusammengewürfelte Mannschaft aus der Wetterau mit 1:4. Den Ehrentreffer erzielte Müller vom SV Schwalheim.

Michael Paetow:Ich hatte im Oktober schon einmal ausgeholfen, gegen Wisselsheim. Jetzt, gegen Oppershofen, war ich als Betreuer eingeplant. Am Vorabend des Spiels wurde die Aufstellung per Whats App verschickt. Und da standen in der Reserve nur sieben Namen. Ich dachte, einige seien vielleicht vergessen worden. Allerdings haben wir 17 Absagen bekommen. Und Fabi Brüchner schrieb mir: "Hol mal Deine Schuhe aus dem Keller." Wir hatten in dieser Saison schon zwei Spiele absagen müssen und wären beim dritten Nicht-Antreten ausgeschlossen worden. Das wollen wir unbedingt vermeiden, und für den Rest der Saison lässt sich das sicher auch durchziehen. Es soll ja wärmer werden. Da wird der eine oder andere schon wieder aufkreuzen. Ab 18 Grad ist die Bereitschaft zum Spielen wieder größer (lacht).

Sie haben rund 75 Minuten gespielt. Woher nehmen Sie die Kondition?

Paetow:Ich fahre sehr viel Fahrrad, bin manchmal eine Woche lang auf Mountainbike-Touren. Zudem laufe ich gerne, also ist eine grundsätzliche Fitness gegeben.

Eine deutliche Niederlage hatte sich rasch abgezeichnet. Wie oft haben Sie daran gedacht, einfach vom Platz zu gehen?

Paetow:Überhaupt nicht. Dazu spiele ich einfach zu gerne Fußball.

Sie gehören einer Generation an, die dem Amateurfußball noch eine andere Bedeutung beimisst als dies heute der Fall ist. Wie erleben Sie diese Entwicklung?

Paetow:Wenn ich so manche Ausrede höre, schüttele ich mit dem Kopf. Wir haben damals unsere Urlaubstage nach dem Spielplan gelegt. Uns blieb nur die Sommerpause. Ich erinnere mich auch, wochenlang mit einem gebrochenen Zeh gespielt zu haben. Da gab’s sonntags vorm Spiel eine Schmerzspritze - und das ging dann drei Stunden lang gut. Bei Familienfeiern hat man sich nach dem Essen verabschiedet und war gegen 18 Uhr zurück. Das war normal.

Worauf führen Sie die Veränderungen zurück?

Paetow:Die Zeiten ändern sich. Kicken ist heute zweitrangig. Es gibt viele Alternativen zum Fußball. Oft packen die Jungs nicht mal eine Kiste Bier danach. Dabei gehört das doch dazu.

Wie haben die Gegenspieler reagiert?

Paetow:Die FSG Wisselsheim hatte sich damals bedankt und auch die SG Oppershofen. Dort habe ich mal gewohnt und beim Einwurf habe ich den Ball auch mal Ball sein lassen. Da müsste sich erstmal zwei Freunde umarmen, die als Zuschauer da waren. Das hat dann eben mal ein paar Sekunden gedauert. Aber das hab ich mir nicht nehmen lassen. Anderen hätte der Schiedsrichter sicher die Gelbe Karte gezeigt, ich hatte in dieser Situation sicher einen Altersbonus.

Hat man sich im Zweikampf respektvoll zurückgehalten?

Paetow:Nein. Die wollten schon gewinnen - am liebsten hoch. Wenn ich den Ball über die Außenlinie getreten habe, hatten die gleich einen Ersatzball parat. Da dacht ich: "Hey, es steht 8:0 - macht doch mal langsam." Viel Rücksicht gibt’s da nicht. Ich gehe den Zweikämpfen möglichst aus dem Weg und versuche, die Räume zuzumachen. Hinterherlaufen kann ich keinem mehr. Ich bleibe eben in Bewegung, biete mich als Anspielstation an und leite den Ball weiter und versuche, die Jungs, moralisch zu unterstützen. So oft hatten wir den Ball nicht. Für die Knochen wäre es schön gewesen, wenn’s etwas wärmer gewesen wäre. Ich bin schwer in Tritt gekommen, gar nicht warm geworden; erst recht, da wir meist Abwehraufgaben hatten.

Sie haben - wie eh und je - im Mittelfeld gespielt. Eine laufintensive Position.

Paetow:Grundsätzlich laufe ich ja gerne. Ich will da sein, wo der Ball ist. Das geht natürlich nicht mehr so wie früher. Manndeckung ist nicht drin. Ich spiele eher körperlos.

Wie war das Aufstehen am nächsten Tag?

Paetow:Die Knochen haben weh getan, aber das läuft sich aus. Ab Mittwoch ging’s wieder ganz gut.

Muss man auch ein bisschen verrückt sein?

Paetow:Ja, ich denke schon.

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