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Ein Screenshot des Online-Dialogs zum Thema Inklusion im Sport: In der Mitte die vier Sprecher des »INteraktiven Austauschs«, dazwischen beeinträchtige Athleten und interessierte Zuhörer. SCREENSHOT: PV

Inklusion geht in beide Richtungen

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Die Special Olympics Hessen veranstalteten erstmals einen virtuellen Austausch von inkludierten Athleten, Angehörigen und Vereinen. Damit soll ein Dialog angestoßen werden, der auch in Zeiten des Corona-Lockdowns nicht verstummen soll. Eine Bad Nauheimerin ist mittendrin.

Die Gemeinsamkeit steht bei der Inklusion im Vordergrund: Gemeinsam im Schulunterricht, gemeinsam am Arbeitsplatz oder auch gemeinsam im Sport. Letzteres hat sich Anne Effe von den Special Olympics Hessen mit dem von ihr betreuten Inklusionsprojekt »Wir gehören dazu« zur Aufgabe gemacht. Und mit der erstmals veranstalteten digitalen Gesprächsrunde hat die Bad Nauheimerin inkludierte Athleten mit interessierten Zuhörern an einem virtuellen Tisch zusammengebracht, um Erfahrungen auszutauschen - und letztlich auch Vereine für das Thema zu sensibilisieren. Eine gelungene Pilotveranstaltung, wie Effe findet.

Beim »INteraktiven Austauschs«, wie der virtuelle Dialog hieß, erzählten Athleten aus Hessen und Baden-Württemberg von ihrem Alltag. Untermalt wurden die Schilderungen von Amputiertenfußballer Florian Fischer, Helmut Bäuml vom Kanu-Club Fulda und dem Handballer Steven König sowie seinem Co-Trainer Nico Weiß, die im sogenannten Unified-Team des SV Reichensachsen spielen, mit Schnappschüssen in Aktion. Unified-Mannschaften sind Teams, in denen Menschen mit und ohne Einschränkung zusammen antreten.

Dass in Bezug auf die Einschränkungen unter den Sprechern im Grunde alle Variationen vertreten gewesen sind - Fischer körperlich, König und Bäuml von Geburt an geistig und Weiß als Betreuer ohne Beeinträchtigung - fand die Schirmherrin Effe wichtig: »Inklusion betrifft schließlich alle.«

Nur acht Prozent sportlich aktiv

Anlass zu diesem Dialog gab das nach wie vor geringe Sportangebot vieler hessischer Vereine, wie die Regionalkoordinatorin Effe erklärt. So schön der Gedanke des gemeinsamen Sporttreiben auch klingen mag, so überschaubar ist es letztlich in der Realität: Gerade einmal acht Prozent der Menschen mit Beeinträchtigung sind nach Einschätzung der Special-Olympics-Organisation sportlich aktiv. Ein Missstand, den Effe an zweierlei Gründen festmacht: Fehlende Berührungspunkte im Alltag und noch immer herrschende Berührungsängste unter den Verantwortlichen der Sportvereine.

»Ich glaube, dass vielen das Thema Inklusion vielleicht gar nicht bewusst ist«, führt die Bad Nauheimerin aus eigenen Erfahrungen ihres Heimatvereins an. Mangelnde Platzkapazitäten oder die Befürchtung, besondere Kriterien erfüllen zu müssen, etwa einen eigens geschulten Betreuer zu stellen, könnten Gründe für Bedenken sein, vermutet Effe und kann auch gewisses Verständnis dafür aufbringen. Dabei bedürfe es in puncto Inklusion letztlich aber nur Engagement und Wille als Voraussetzung: »Eben eine Person, die davon überzeugt ist und andere mitreißen kann«, sagt die Projektleiterin. Ein »Schema F«, um Sportangebote für Menschen mit Handikap anzubieten, gäbe es nicht.

»Wenn man die Möglichkeit hat, einfach mal reinzuschnuppern, lernt man diese Menschen richtig kennen und Barrieren werden abgebaut«, spricht Nico Weiß in die Kamera. Er ist eine solche Person - einer, der überzeugte Inklusionsarbeit im Verein betreibt. Er sehe keinen Grund darin, als Trainer vor Menschen mit Einschränkungen zurück- zuschrecken. »Learning by doing«, antwortet er schlicht auf die Frage, was ein Verein machen müsse, um tätig zu werden.

Große Resonanz im Chatroom

So simpel sei es nämlich bei ihm gewesen: Durch sein Freiwilliges Soziales Jahr 2016 kam er zu dem Unified Team - und damit erstmals in Be- rührung mit beeinträchtigten Menschen, von denen er auf Anhieb integriert wurde. »Also haben sie eigentlich dich inkludiert«, wirft die Moderatorin ein - und stößt einen wichtigen Gedanken an: Inklusion geht in beide Richtungen.

Davon berichtet auch Florian Fischer. Ein Tumor im Unterschenkel zwang den damals 14-jährigen Fußballer zur Amputation. Ein Leben ohne Fußball, wollte sich der heute 24-Jährige nicht vorstellen; und fand so schließlich den Weg zu »Anpfiff Hoffenheim«, einem von gerade einmal drei Vereinen im deutschen Amputierten-Fußball. Zwei bis dreimal treffen sich die Kicker, um zu trainieren - und das auf Krücken. Häufig seien Fußballer ohne Einschränkung darunter. »Wenn die ›Zweibeiner‹ - so nennen wir sie und wir sind die ›Einbeiner‹ - mitmachen, bitten wir sie, mit nur einem Bein den Ball zu spielen«, erzählt Fischer und räumt mit dem auf Sportplätzen gemeinhin bekannten Vorurteil auf, dass viele Kicker ein Bein sowieso nur zum Stehen hätten. »Erst bei uns merken sie dann, wie häufig man das andere Bein doch benutzt.« Oftmals probierten sich die »Zweibeiner« auch an den Krücken aus, und müssten schnell feststellen, was für ein Kraftakt eine Fußballpartie sein kann, trotz des im Amputiertenfußball verkürzten Spielfeldes. »Sie zollen uns Respekt und nehmen es uns auch nicht übel, wenn wir sie etwas aufziehen, nach fünf Minuten schon fix und fertig von dem zu sein, was wir mehrmals die Woche tun. Es ist ein Geben und Nehmen. Der Austausch wird immer positiv gestaltet«, berichtet Fischer.

Und darum ging es schließlich auch beim »INteraktiven Austausch« - Einblicke von denjenigen zu bekommen, die es betrifft. »Indem die Athleten selbst sprechen, bekommt man ihre ehrliche und herzliche Wärme unmittelbar mit, und das gibt der Veranstaltung einen besonderen Charakter«, erläutert Effe. Die Resonanz im Chatroom gibt ihr recht: »Danke für die Eindrücke, die demütig machen«, schreibt etwa eine Zuhörerin. Teilnehmer Jan, der selbst mit Einschränkungen Handball in Wiesloch spielt, schlägt den beiden Sprechern Steven und Nico kurzerhand ein Freundschaftsspiel vor. »Ein Musterbeispiel dafür, was ein Austausch bewirken kann«, freut sich Effe, dass noch während der Online-Runde bereits ein Schritt in Richtung gemeinsamen Sports gemacht wurde - ein weiterer Schritt in Richtung Inklusion.

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