»Ich war wichtigster Mit- und nicht Gegenspieler«

(mn) Andreas Ortwein hatte geschwiegen – bis Donnerstag. Im WZ-Interview äußert sich der Geschäftsführer des Eishockey-Oberligisten EC Bad Nauheim nun erstmals zu den Hintergründen seiner Entscheidung.

Andreas Ortwein, Differzenzen zwischen Ihnen und Wolfgang Kurz waren seit einiger Zeit bekannt. Ihre Kündigung hat am Sonntag dennoch überrascht.

Andreas Ortwein: Das kann ich verstehen. Das war seit Sommer 2008 als 100 000 Euro zur Etatdeckung gefehlt hatten, die erste wirklich negative Meldung zum EC Bad Nauheim. Intern war vielen der Sachverhalt allerdings über Monate bekannt.

Wie ist es zu der Entwicklung gekommen?

Ortwein: Es bestehen grundsätzlich unterschiedliche Auffassungen zur Führung, Überwachung der GmbH und in der Intensität der Verbindung zum Nachwuchsverein. Ein wiederholter Streit zu operativen Eingriffen seitens Herrn Kurz hat vor einigen Wochen zutage gebracht, dass diese Fragen elementar für eine Zusammenarbeit sind.

Also gab es operatives Mitwirken von Wolfgang Kurz?

Ortwein: Ja

In welcher Form?

Ortwein: Das weiß er selbst am besten. Teils war es abgestimmt, teils eben nicht.

Diese Differenzen gab es seit Monaten. Was war nun der Auslöser zu kündigen?

Ortwein: Ja, das ist korrekt. Aus meiner Sicht ist die Fragestellung schon seit Januar auf dem Tisch – für die wichtigsten Partner und Mitarbeiter seit April. Bisher ohne Lösungsergebnis. In den letzten beiden Wochen sind vier bis fünf Mitarbeiter im Vertrauen an mich heran getreten und haben mir berichtet, dass Herr Kurz plant, mich und einige Mitarbeiter der Spielbetriebs GmbH auszutauschen. Daher war jetzt auch die Öffentlichkeit nicht wie in den vergangenen Monaten herauszuhalten.

Als Reaktion auf Ihre Kündigung haben weitere Mitarbeiter die Ämter niedergelegt.

Ortwein: Für alle Fans und Außenstehenden mag das überraschend sein. Für den Gesellschafter sicher – und so hoffe ich – nicht. In vielen Gesprächen seit April war dort deutlich gemacht worden, dass wir uns als Team sehen und als solches arbeiten wollen. Und es war sogar in Schriftform ihm mitgeteilt worden, dass alle gehen, wenn Teile des Teams nicht mehr erwünscht sind. Darin eingeschlossen sind auch wesentliche Sponsoren.

Sie erhalten aus Fan-Kreisen überwiegend Zuspruch. Allerdings wird Ihnen auch vorgeworfen, Eishockey in Bad Nauheim im Stich gelassen zu haben.

Ortwein: Ich habe in den letzten Tagen unzählige Anrufe, E-Mails und Nachrichten erhalten; von Lieferanten, Spielerberatern, ehemaligen und aktuellen Spielern, anderen Verantwortlichen aus der Liga und auch von Fans. Eine wirklich negative Reaktion war nicht dabei. Ich denke, das hat einfach etwas mit der Verbindlichkeit und Verlässlichkeit zu tun, die diese Menschen mit mir verbinden. Dass es Fans und auch den einen oder anderen Sponsor gibt, der noch nicht so lange dabei ist – der hier Kritik übt – kann ich verstehen. Den Fans mag ich sagen, dass ich mit dieser Entscheidung kämpfe und auch sicher noch lange zu kämpfen haben werde. Den Sponsoren, die noch nicht so lange dabei sind, rate ich an, sich die Hintergründe völlig wertneutral bei den Partnern, die von Beginn an oder teils schon viel länger dabei sind, einzuholen, bevor sie ihr endgültiges Urteil fällen.

Der Eindruck entsteht, Sie wollen mit Ihrem Schritt Druck ausüben.

Ortwein: Nach dem oben genannten Streit hat Herr Kurz mir erklärt, dass er eine gemeinsame Zusammenarbeit bis zum Saisonende nicht mehr sehe und ich mich entscheiden müsse – er oder ich. Daraufhin habe ich mich sehr intensiv damit befasst, was passiert, wenn ich mich jetzt zurückziehe. Daraufhin ist ein Angebot von mir an Herrn Kurz gegangen, die Spielbetriebs GmbH zu übernehmen, weil ich mir der Folgen und Reaktionen anderer Mitarbeiter – und ich denke auch von einigen Sponsoren – bewusst war. Ich habe ihm geraten, nicht ohne das Team zu arbeiten, weil bei uns wesentlich mehr daran hängt. Herr Kurz hat mir dann aber erklärt, er könne sich vom Herzen her nicht lösen – weil er seit sechs Jahren so viel dort investiert hat. Damit war das Thema vom Tisch, und seine Intention klar, welche er ja auch mit der Ansprache an andere Mitstreiter klar verfolgt hat. Ich habe dann meine Konsequenzen gezogen.

Wie hat sich Ihr Verhältnis im Laufe der Jahre verändert?

Ortwein: Ich denke, höre und lese ja auch immer, dass ich der größte Gegenspieler von Wolfgang Kurz bin. Ich glaube, ich war sein wichtigster Mitspieler. Ich denke, das war und ist ihm nicht klar. Strukturveränderungen hat er als Kritik an sich persönlich genommen. Dabei ging es nur um die Sache – und neue Bausteine, wobei er ja problemlos hätte dabei bleiben können. Ich denke, er hat auch gespürt, dass das Team mittlerweile sehr, sehr stark und einflussreich geworden ist und den Spielbetrieb führt. Er hatte auch ein anerkennendes Danke für die ehrenamtlichen Mitarbeiter – für mich dagegen sind sie der wahre Hauptsponsor, denn ohne sie müsste der Verein sicher 150 000 bis 160 000 Euro in die Hand nehmen.

Welche kurz-, mittel- oder langfristigen Auswirkungen hat diese Veränderung nun aus Ihrer Sicht?

Ortwein: Da ich davon ausgehe, dass unsere Auslösung vorbereitet war und kurzfristig dort Namen stehen, die uns adäquat ersetzen, erwarte ich keine kurzfristigen Veränderungen. Mittel- und langfristig sicher, denn die Strukturdiskussion ist nun auch jedem präsent und wird sicher dazu führen, dass auch Sponsoren, der Nachwuchsverein und Fans sich dazu äußern werden.

Ist der Spielbetrieb für diese Saison gesichert?

Ortwein: Im Grunde sollte das so sein. Wir haben das Budget und alle Planzahlen gemeinsam mit dem Gesellschafter und seinen Beratern verabschiedet. Wir hatten uns sehr sportliche Ziele gesetzt, und es liegt noch viel Arbeit vor den jetzt Handelnden – aber insgesamt ist es machbar. Die meisten Sponsorenverträge sind geschlossen, und nur ein Teil von rund zehn bis 15 Prozent ist noch zusätzlich zu akquirieren beziehungsweise zum Abschluss zu bringen.

Da unser Etat zu zwei Dritteln aus flexiblen Einnahmen wie Zuschauern, Catering und Merchandising besteht, ist es wichtig, dass die weggefallenen operativen Motoren schnell wieder laufen, denn jetzt, von Dezember bis März/April, wird das Geld verdient.

Wird das Know-how von Ihnen und den anderen ehrenamtlichen Kräften denn kurzfristig zu ersetzen sein?

Ortwein: Nein, ich denke nicht, dass die Personen so schnell zu ersetzen sind. Zum Status: Noch Ende Oktober hat es eine aktuelle E-Mail mit Planzahlen – teilweise bereits vorhandenem Soll/Ist-Abgleich im Zuge der Abstimmung der Verpflichtung – von Martin Lee gegeben. Ebenso hat der Steuerberater regelmäßig Auswertungen und Kontenauszüge versendet. Ich denke, dass Herr Kurz auch durch seine Lebensgefährtin, die auf der Geschäftsstelle alle buchhalterischen Arbeiten erledigt, insgesamt gut über die Zahlen informiert war.

Fehlt Ihnen jetzt nicht etwas?

Ortwein: Das wird ganz sicher so sein. Auch für mich war es eine reine Herzensangelegenheit – aber es ist nicht meine Existenz. Meine Familie und meine Freunde bleiben, und das ist das Wichtigste.

Welche Reaktionen erwarten Sie am Sonntag beim Spiel?

Ortwein: Den Fans möchte ich sagen: Kommt ins Stadion und unterstützt das Team. Es kann gar nichts für diese Situation und hat den bedingungslosen Rückhalt aller in der Region verdient. Und ich möchte allen Mitarbeitern, Sponsoren und Fans meinen Respekt und Dank aussprechen für das, was in den letzten Jahren entstanden ist. Dies gilt auch für Herrn Kurz und seine Lebensgefährtin.

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