Fundstück aus dem Archiv: Zum ersten Spiel der Frauenmannschaft des VfL Bad Nauheim gegen den SV Bruchenbrücken (Endstand: 0:11) schreibt die WZ am 24. März 1976 unter anderem: "Eine Augenweide, nicht nur in sportlicher Hinsicht, ist es, wenn zarte Frauen harten Männersport betreiben". Es sei "eine faire Begegnung" gewesen, "die vor allem männliche Zaungäste anlockte".
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Fundstück aus dem Archiv: Zum ersten Spiel der Frauenmannschaft des VfL Bad Nauheim gegen den SV Bruchenbrücken (Endstand: 0:11) schreibt die WZ am 24. März 1976 unter anderem: "Eine Augenweide, nicht nur in sportlicher Hinsicht, ist es, wenn zarte Frauen harten Männersport betreiben". Es sei "eine faire Begegnung" gewesen, "die vor allem männliche Zaungäste anlockte".

"50 Jahre Frauenfußball"

Heute vor 50 Jahren: Frauenfußball-Verbot aufgehoben - Startschuss für Teams in der Wetterau

  • Philipp Keßler
    vonPhilipp Keßler
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Der 31. Oktober 1970 ist auch für den Wetterauer Sport ein historisches Datum: Die Aufhebung des Verbots von Frauenfußball ist der Startschuss für eine bis heute erfolgreiche Entwicklung.

Welcher Verein genau als erstes Frauenfußball in der Wetterau im Programm hatte und wann das erste Spiel zweier Frauen-Teams war, kann selbst Rolf Lutz nicht sagen. Der Stammheimer Archivar und Publizist ist gerade in den letzten Zügen, um die vergangenen 50 Jahre des Frauenfußballs in Deutschland in einem Buch aufzuarbeiten (siehe Kasten). Fest steht: Der 31. Oktober 1970, als der Deutsche Fußballbund (DFB) sein 15 Jahre zuvor erlassenes Verbot des Frauenfußballs wieder aufhebt, hat auch in der Wetterau seine Spuren hinterlassen.

Nur vier Jahre später waren auch Hans-Jürgen Zeeb und seine Frau Gaby mit von der Partie. Hans-Jürgen Zeeb übernahm als damaliger Spieler des VfL Bad Nauheim die neugegründete Frauenmannschaft, in der auch seine Partnerin kickte, als Trainer, nachdem der Erstmannschaftstrainer nach wenigen Trainingseinheiten merkte, dass es den Damen ernst ist. "Wir Frauen - also egal ob Partnerinnen oder Geschwister -, die immer auf dem Sportplatz waren, haben uns überlegt, dass wir doch auch Fußball spielen könnten. Das erste Training hat uns total Spaß gemacht und kurz darauf haben wir uns in einer Alstadtkneipe zu einem Gründungstreffen zusammengefunden. Aus den damals zehn Frauen ist alles entstanden", erzählt Gaby Zeeb heute.

Anfangs viele Teams

Die amtierende Referentin für Frauen- und Mädchenfußball im Fußballkreis Friedberg ist auch nach dem Ende ihrer aktiven Laufbahn dem Frauenfußball bei der Spvgg. 08 Bad Nauheim treu geblieben - genau wie ihr Mann, der heute als Abteilungsleiter Frauen- und Mädchenfußball aktiv ist. "Das hätte ich mir damals auch nicht denken lassen, dass ich das über 40 Jahre mache", sagt Hans-Jürgen Zeeb heute und lacht. "Damals gab es natürlich Sprüche von wegen Trikottausch und so etwas, aber der Frauenfußball ist mit den Jahren deutlich ansehnlicher, athletischer und auch technisch attraktiver geworden.

In der Anfangszeit gab es viele Teams in der Wetterau - egal ob in Bruchenbrücken, Nieder-Wöllstadt, Nieder-Weisel, Klein-Karben, Wölfersheim oder Bad Nauheim, doch "die meisten Mannschaften überlebten nicht lange", erzählt Gaby Zeeb rückblickend. Ein möglicher Grund: "In vielen Vereinen waren die Frauenmannschaften ein Anhängsel. Auch wir mussten uns richtig durchsetzen, um Trainingszeiten zu bekommen", erinnert sie sich. "Inzwischen haben die Mädchen und Frauen bei uns im Verein aber einen guten Stand. Wie so oft steht und fällt es mit den Personen, die sich dafür einsetzen."

Davon gibt es auch im Süden der Wetterau inzwischen einige. Die MSG Bad Vilbel, bestehend aus den Fußballklubs aus Dortelweil, Gronau, Massenheim und Heilsberg, zählt trotz der vergleichsweise kurzen Geschichte seit 2011 bereits über 160 Spielerinnen - darunter die aktuell höchstklassige Frauenmannschaft in der Verbandsliga Süd und das "Wetterauer Aushängeschild", die B-Juniorinnen, die in der Bundesliga Süd spielen. Abteilungsleiter Rüdiger Köhler sagt: "Bei uns sieht es nach wie vor gut aus. Der Unterbau ist da und mit den Frauen wollen wir perspektivisch in die Hessenliga. Wir sind vor allem seit dem Bundesliga-Aufstieg in der Region mehr im Gespräch, zumal nicht wenige stolz darauf sind, dass inzwischen auch Dortelweil auf einer Fußball-Bundesliga-Landkarte vertreten ist."

Große Erfolge

Köhler hatte vor seinem Engagement im Mädchen- und Frauenfußball erst Jungenmannschaften trainiert, ehe mit ein paar Mädels in seiner D-Jugend-Truppe der Gedanke aufkam, ein eigenes Standbein zu gründen - bis heute ein Erfolg angesichts der Zahl der Spielerinnen, die sich nicht hinter den männlichen Kickern verstecken muss und mit der Massenheimerin Sophie Trepohl eine U-Nationalspielerin hervorgebracht hat.

Überhaupt kann der Wetteraukreis durchaus auf eine Reihe von Erfolgen zurückblicken: 1992/93 feierte die TSG Wölfersheim die Hessenmeisterschaft, ein Jahr später verteidigte das Team - dann als SKV Beienheim - den Titel, ehe in der Saison 1998/99 nach der Oberliga-Meisterschaft sogar Aufstiegsspiele in die Bundesliga möglich gewesen wären, aber an den hohen Auflagen vonseiten des DFB scheiterten. Auch im Osten des Kreises gab es mit Bleichenbach, der früheren Wirkungsstätte der zweifachen Welt- und vierfachen Europameisterin Sandra Minnert aus Gelnhaar, und Düdelsheim, dem früheren Verein der schottischen Nationalspielerin Sophie Howard, weitere Hochburgen des Frauenfußballs. Und auch die zweite Frauenreferentin im Hessischen Fußballverband überhaupt, Doris Schwinghammer (1980 und 1981) stammt aus Büdingen.

Inzwischen ist der Frauenfußball so etwas wie die heile Fußballwelt - ehrlicher, fairer, kameradschaftlicher, einfach ursprünglicher. Gaby Zeeb ist sich sicher: "Eine Frauenmannschaft ist das Herz eines Vereins. Bei den Männern kommen und gehen die Spieler, aber die Frauen bleiben meistens. Denn sie spielen nicht für Geld, sondern nur für ihren Spaß."

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