Ohne Heimat

Hessenligist ohne Heimat: Türk Gücü Friedberg

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Die Heimstätte von Hessenligist Türk Gücü in Ober-Rosbach wirft überall Fragen auf. Warum nicht Friedberg? Eine Rückkehr scheint aber weit entfernt - die Fronten sind verhärtet.

Der Aufstieg für Türk Gücü Friedberg in die Hessenliga im Sommer vergangenen Jahres war der größte Erfolg in der gut 30-jährigen Geschichte des Vereins, der damit zugleich der erste türkischstämmige Klub in Hessens höchster Spielklasse ist. Doch das Aushängeschild der Wetterauer Kreisstadt spielt in Ober-Rosbach, weshalb Türk-Gücü-Pressesprecher Selim Karanfil nicht selten die Frage hört: "Wieso spielt ihr eigentlich nicht in Friedberg?"  

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Die Antwort darauf ist kompliziert. Türk Gücü Friedberg hatte damals auf dem Sportplatz in Ossenheim angefangen und sich das Gelände mit dem ortsansässigen SV geteilt. Doch spätestens mit den Aufstiegen in die Verbandsliga und den gleichzeitig schlechter werdenden Bedingungen auf dem Rasen- und Hartplatz an der Wetter wurde das utopisch.

Wir bekommen von der Stadt Friedberg immer nur gesagt, dass sie keinen anderen Platz haben und wir deshalb nichts bekommen

Selim Karanfil

Fünfstellige Miete

Da es sonst keine Alternative gab, kam es über Selim Karanfils Bruder Sinan zum Deal mit dem FC Ober-Rosbach und der Stadt Rosbach – und dem Umzug ans Eisenkraingelände, auch wenn dafür jede Saison eine fünfstellige Summe an Miete fällig wird. "Das Platzthema ist seit Jahren ein Problem. Wir bekommen von der Stadt Friedberg immer nur gesagt, dass sie keinen anderen Platz haben und wir deshalb nichts bekommen, obwohl wir es seit zehn oder zwölf Jahren versuchen, teilweise auch mit Angeboten, selbst etwas zu bezahlen, aber es wurde alles abgelehnt. Es ist einfach schade, dass eine Friedberger Mannschaft in Rosbach spielen muss, zumal in der Hessenliga. Aber das scheint keinen richtig zu interessieren", sagt Selim Karanfil.

Sebastian Dein vom Amt für soziale und kulturelle Dienste und Einrichtungen bei der Stadt Friedberg weiß um die Problematik – und verweist auf die Anstrengungen, die die Stadt in den letzten Jahren unternommen habe. "Wir haben schon diverse Möglichkeiten geprüft, etwa in Ossenheim einen Kunstrasenplatz zu bauen, eine Brücke über die Wetter, um den Weg zwischen Platz und Kabinen zu verringern, oder ein neues Sportheim, aber letztlich macht es dort keinen Sinn, überhaupt zu investieren", sagt er.

Gelände im Naturschutzgebiet

Das Problem: Das Gelände liegt im Naturschutzgebiet und ist wegen der Wetter zudem hochwassergefährdet. Abgesehen davon gebe es gerade in der Hessenliga seitens des Verbandes weitere Anforderungen an eine Spielstätte, etwa in Sachen Anzahl der Parkplätze, Kabinen für Schiedsrichter, einen Ort für Pressekonferenzen oder verschiedene Eingänge, um Fanlager zu trennen und die Sicherheit zu gewährleisten. Deshalb zahle die Stadt seit 2016 einen Mietkostenzuschuss an Türk Gücü Friedberg, um immerhin deren Kosten für die Nutzung des Ober-Rosbacher Sportgeländes zu senken.

Am Burgfeld müsste dann ein Verein weichen

Sebastian Dein

Mit dem Aufstieg in die Hessenliga, die die Stadt sehr gefreut habe, wie Dein betont, habe man erneut das Gespräch mit den Vereinen auf dem Friedberger Burgfeld, dem Aushängeschild der Stadt, gesucht. Denn dort ist aktuell die einzige echte Alternative. Man habe Türk Gücü sogar ein Angebot gemacht, die Heimspiele samstagnachmittags dort zu austragen. "Weitere Trainingszeiten oder andere Termine haben wir aber von der Belegung her nicht abgebildet bekommen, denn das Gelände wird vom VfB, von Blau-Gelb, von den Leichtathleten des TSV Friedberg-Fauerbach und auch intensiv von den Schulen genutzt", erklärt Dein. Dieses Angebot habe Türk Gücü aber abgelehnt.

Die angebotenen Bedingungen sind für uns einfach inakzeptabel

Selim Karanfil

Den Grund erklärt wiederum Selim Karanfil: "Nur wegen der Spiele aufs Burgfeld zu gehen, macht keinen Sinn. Wir haben nicht die Ehrenamtlichen, um alles vorher auf- und hinterher wieder abzubauen und hin- und herzufahren." Dabei gehe es um die Gastronomie, die Banden für die Werbepartner sowie die Ausrüstung für das Team. Zudem habe der Verein in der Zwischenzeit die Vereinsstätte in Ober-Rosbach gepachtet, um weitere Einnahmen zu erzielen, ganz abgesehen von der Tatsache, dass die Mannschaft natürlich gerne auch auf dem Feld trainieren möchte, auf dem sie dann später auch spielt. "Die Stadt Friedberg hat zwar nicht gesagt, dass sie uns nicht haben will, aber die angebotenen Bedingungen sind für uns einfach inakzeptabel, mal ganz abgesehen davon, dass wir auch gerne wieder eine eigene Jugend aufbauen und mit der zweiten Mannschaft vielleicht in die Gruppenliga aufsteigen möchten", erklärt Karanfil.

Türk Gücü: Wunsch nach Komplettumzug

Deshalb wünsche man sich im Verein einen Komplettumzug mit den entsprechenden gestalterischen Möglichkeiten rundherum. "Wenn man bei anderen Hessenliga-Klubs zu Gast ist, sieht man meist einen Riesenunterschied, der sich natürlich auch auf die Zahl der Helfer, der Zuschauer, das Gefühl bei den Heimspielen und natürlich auch das Finanzielle auswirkt", sagt Karanfil. "Aber anders ist die Hessenliga langfristig nicht zu stemmen." Doch die Umsetzung sei laut Dein "sehr schwierig, denn am Burgfeld müsste dann ein Verein weichen", auch wenn er den Wunsch natürlich nachvollziehen könne.

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Selim Karanfil betont derweil: "Das ist zurzeit das heikelste Thema im Verein. Wir müssen zusehen, dass wir die nächsten ein bis zwei Jahre etwas machen, um planen zu können. Denn wir wollen in der Hessenliga bleiben." Der seit Jahren beschriebene mögliche Ausweg in Friedberg, der Ausbau des ehemaligen Geländes der US-Kaserne, der dann ebenfalls ein Sportgelände beherbergen könnte, steht noch in den Sternen. "Wenn das in den Gremien mal richtig losgeht, könnte es schnell gehen", meint Dein, "dann wäre Türk Gücü der erste Verein, der mit im Boot wäre. Wir wissen, dass sie sich als Friedberger Verein verstehen und fänden es schön, wenn Friedberg in der Hessenliga präsenter wäre, aber die Entwicklung des Vereins hat die Situation einfach überholt. Wir versuchen, so gut es geht, zu reagieren. Unsere Tür ist immer offen, auch wenn nur bestimmte Spiele hier ausgetragen werden sollen." Zu mehr reicht es aktuell nicht. Ein weiteres Gespräch zwischen Vereinsverantwortlichen und der Stadt ist aber geplant.

Infokasten

Wie lange hat das Sportgelände Ober-Rosbach noch eine Zukunft?

Auch wenn es in Ober-Rosbach keine Probleme gibt, wie der Rosbacher Bürgermeister Thomas Alber, Christoph Käding vom FC Ober-Rosbach und Selim Karanfil von Türk Gücü Friedberg betonen, könnte auch diese Kooperation bald ein Ende haben. Der scheidende Bürgermeister verweist auf die "AG Sportstätten", die ein Konzept für ein gemeinsames Sportgelände aller Rosbacher Vereine an der Kapersburgschule entworfen hat. Dies sei der "Königsweg" mit Blick auf die Vereine, die Verkehrsanbindung und das Gelände mit Zugang zur Schule, wie Alber betont. Denn dann würde es ein Sportzentrum mit Rasen- und Kunstrasenplatz sowie einer Alternative zur sanierungsbedürftigen Eisenkrainhalle geben. "Wenn es zu dieser Zusammenlegung der Sportstätten kommt, dann wird in einem Zwei-Schritt-Plan zunächst das Sportgelände Nieder-Rosbach in etwa fünf Jahren und das in Ober-Rosbach in etwa zehn Jahren zurückgebaut", sagt Alber. Denn: Beide Flächen ließen sich für den Wohnungsbau vermarkten. Deshalb werde das Thema baldmöglichst in den Magistrat und in die Stadtverordnetenversammlung eingebracht, damit sich die Ausschüsse damit beschäftigen können. Doch scheidet Alber im März dieses Jahres aus seinem Amt, sein Nachfolger Steffen Maar hat sich allerdings nach eigenen Aussagen nicht auf die Lösung eingeschossen, sondern möchte einen ergebnisoffenen Prozess anstoßen, der unter anderem neben den Bedürfnissen der Vereine auch Aspekte des Naturschutzes, der Wasserwirtschaft und hinsichtlich der Kosten einbezieht. Aber: Sollte es dazu kommen, würde Türk Gücü als Friedberger Verein in der Bemessung natürlich keine Rolle spielen. Dies betonten Alber und Maar unisono.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, der neue Bürgermeister Steffen Maar würde ebenfalls den Plan zur Errichtung eines neuen Sportzentrums an der Kapersburgschule präferieren. Dies ist falsch. Maar stellte richtig: "Die Meinungen sind nicht so eindeutig, wie Herr Alber das gerne gehabt hätte. Ich möchte noch einmal ganz sauber in einen Abwägungsprozess rein."

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