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Mit Herz und Sehnsucht Geschichte geschrieben

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Brad Miller wusste gar nicht so recht, was da so um ihn herum geschah. Ein Foto und noch ein Foto, ein Autogramm, ein Schulterklopfen, Umarmungen. Und irgendwann bekam der US-Amerikaner dann noch ein Megafon in die Hand gedrückt, damit ihn auch jeder hören konnte.

»Fantastisch. Unglaublich. Von der Möglichkeit auf einen solchen Abend hatten sie mir im Januar erzählt, und genau dafür bin ich hergekommen«, sagt der 27-Jährige, dessen Tor wenige Stunden zuvor den Unterschied ausgemacht hatte. Der ewige Zweite aus Bad Nauheim hatte das Finale gewonnen, war Meister der Eishockey-Oberliga geworden; durch einen 3:2-Erfolg nach Verlängerung im fünften und alles entscheidenden Playoff-Finalspiel bei den Kassel Huskies, zum Abschluss einer Serie, über die in der Wetterau noch in vielen Jahren gesprochen wird.

Ausgerechnet in der Overtime, nach genau 9:05 Minuten, hatte Miller zunächst Huskies-Verteidiger Jan Loboda auf der rechten Angriffsseite düpiert und schließlich noch Torwart Benjamin Finkenrath verladen. Wie schon 48 Stunden zuvor wurde Miller das genannte »game-winning-goal« zugeschrieben, es war sein siebtes Playoff-Tor; als Verteidiger wohlgemerkt. Öfter hat in der »heißen« Saisonphase einzig Daniel Oppolzer getroffen.

»Ich hab’s einfach versucht. Und ein bisschen Glück hat dann eben auch dazu gehört«, beschreibt Miller die spielentscheidende Szene, die die beängstigende Serie der Kassel Huskies beenden sollte. Fünfmal in Folge hatten die Nordhessen zuvor in der Verlängerung das nötige Quentchen Glück, gepaart mit Cleverness, Frische und Konzentration. »Unser Glück war heute aufgebracht«, resümiert Huskies-Coach Uli Egen fassungslos. »Wir waren doch das gesamte Jahr über führend«. Allerdings: Die Blau-Weißen hatten nicht eins ihrer letzten zehn Playoff-Spiele nach regulärer Spielzeit gewinnen können.

»Nur Gott kann so etwas möglich machen«, sagt der gläubige Josiah Anderson, der wie Miller aus der Inaktivität, quasi schon als Not-Nagel, während der Saison nach Bad Nauheim gewechselt war und nun dem Spiel der Roten Teufel seine persönliche Note aufgedrückt hatte. »Für Außenstehende war Kassel Favorit. Wir wussten aber, dass wir alles haben, was wir in den Playoffs brauchen. Herz und Sehnsucht«, sagt Anderson, der heute seinen 27.

Geburtstag feiert. Binnen weniger Wochen war er aus der Rolle des potenziellen »Tough Guys« entschlüpft und ging in der Kabine wie auch auf dem Eis mit seiner positiven Ausstrahlung voran.

»Einer war für den anderen da. Wir waren vielleicht Außenseiter, aber wir haben als Team gewonnen«, definiert Patrick Strauch den Unterschied, während Chris Stanley seine Freude in die »persönlichen Top fünf emotionaler Momente« einordnen wollte. »Ich bin froh, dass ich mein Versprechen von der Saisoneröffnungsfeier, den Titel nach Bad Nauheim zu holen, einhalten konnte«, sagt der Kapitän, der in den vergangenen Wochen unter ganz besonderer Beobachtung gestanden hatte. Seinen Flirt mit Frankfurt (und vielleicht auch seine Unterschrift?) hatten ihm die Fans verübelt, erst Recht, da der Kanadier plötzlich das Tor nicht mehr fand. Die letzten acht Spiele hat Stanley nicht getroffen.

»Und selbst ohne die Treffer unseres erfolgreichsten Torjägers haben wir unser Ziel erreicht«, schüttelt Carnevale mit einem Schmunzeln im Gesicht den Kopf. Klaglos habe Stanley im Finale im Dienst der Mannschaft seine neue defensivere Rolle akzeptiert, habe Checks ausgeteilt, Schüsse geblockt und dem Trainer damit einige Euros abgeluchst. Eine Zehn-Euro-Prämie aus eigener Tasche für jeden geblockten Schuss hatte Carnevale seinen Schützlingen versprochen und schnell die erhoffte Eigendynamik innerhalb der Mannschaft erkennen können.

»Solche Momente vergisst man sein ganzes Leben nicht«, erzählt der italo-kanadische Coach im Kabinengang, wo die Betreuer Robert Waniek und Jan Stockbauer Hühnchen-Schnitzel, Spaghetti Bolognese und Salate auftischen, während drinnen Zigarrenqualm den Schweißgeruch verdrängt, Bierkisten herangeschleppt und Erinnerungsfotos mit den Handykameras geschossen werden. »Die wenigsten hatten uns das zugetraut. Doch wir haben hart gearbeitet, waren in den Finalspielen besser, und das hat sich heute ausgezahlt«, sagt Jannik Striepeke, als draußen von den Fans die gesamte Palette der Jubelgesänge angestimmt wird.

Hugo Boisvert, Ex-Huskie in Diensten der Eislöwen Dresden, hockt sich zwischen seine ehemaligen Teamkollegen Harry Lange und Patrick Strauch, auch Kyle Doyle und der zweifache Huskies-Torschütze Michi Chris schauen herein, um ihren Kontrahenten zu gratulieren. »Das heute«, meint Daniel Oppolzer, der bereits mit Kaufbeuren aufgestiegen war, »ist nicht zu toppen. Wir sind während der Verlängerung auf dem Zahnfleisch gegangen. Aber wir wussten: Wenn wir diese Minuten überstehen, dann gewinnen wir das Ding auch.«

In Bad Nauheim hatten gut 800 Zuschauer die Live-Übertragung der Partie im Colonel-Knight-Stadion verfolgt und spontan ein Auto-Korso und Hup-Konzerte veranstaltet. Als der Mannschaftsbus gegen 1.30 Uhr mit den Sporthelden der Stadt eintraf, wurden die Spieler von noch immer rund 400 Fans empfangen. »Diese Mannschaft steht nach dem Titelgewinn auf einer Stufe mit dem Team von 1998/99«, glaubt Carnevale. Symbolisch wurde das Poster eben jener legendären Zweitliga-Mannschaft in der Kabine abgehängt. »Nun wird über das Team 2012/13 gesprochen«, meint der Coach. Seine Mission, den Titelgewinn, hat er beendet. Viermal infolge war der EC Bad Nauheim zuvor am jeweils späteren Meister gescheitert.

Inmitten der Emotionen ließ Wolfgang Kurz die Eindrücke auf sich wirken. Nach sieben Jahren endet mit der sportlichen Qualifikation sein Engagement bei den Roten Teufeln. »Im ersten Interview habe ich die Rückkehr in die 2. Bundesliga als Zielsetzung genannt. Und das haben wir heute erreicht«, sagt der Alleingesellschafter und Geschäftsführer der Oberliga-Meistermannschaft. Seine Funktion, allerdings in einer neuen Spielbetriebs-Gesellschaft, übernimmt Andreas Ortwein, der im November letzten Jahres zurückgetreten war und nach der sportlichen Qualifikation nun die wirtschaftliche Basis schaffen muss. »Wenn die Chance besteht, dann müssen wir diese ergreifen«, sagt Christian Berger, der Pressesprecher der Eishockey-Cracks-GmbH, die ab 1. Mai die Geschäfte abwickelt. »Wir gehen davon aus, dass der Meister aufsteigt.« Wohin genau, lässt sich auch derzeit nicht prognostizieren. Der Deutsche Eishockey-Bund hat den Klubs der ESBG, sprich der 2. Bundesliga, signalisiert, diese unter das Dach des Verbandes wiedereingliedern zu wollen, doch wurde dies von den Zweitligisten nahezu einstimmig abgelehnt.

Vielmehr gibt’s Bestrebungen in Richtung einer DEL 2. »Grundsätzlich sehen wir uns in der 2. Liga - egal, ob unter dem DEB oder einer DEL 2«, sagt Berger. Drohungen des DEB sieht der Pressesprecher angesichts der Meisterschaft ins Leere laufen. »Die 38 Oberligisten sind unter den Vorgaben angetreten, dass der Meister aufsteigt und leisten auch entsprechende Verbandsabgaben. Wenn tatsächlich aufgrund veränderter Umstände keine Aufstiegsmöglichkeit bestehen würde, hätte der Verband die Verantwortung, dies den Vereinen auch im Detail zu kommunizieren«, sagt Berger. »Sollte die 2. Bundesliga unter DEB-Regie spielen, werden wir Bad Nauheim als sportlichem Aufsteiger natürlich die Freigabe erteilen«, sagt Markus Schweer, der Eishockey-Obmann des Landesverbandes NRW auf WZ-Nachfrage. Bis zum 15. Mai haben die Zweitligisten Zeit, für diese Liga zu melden.

Die Spieler, die man unabhängig der Ligenzugehörigkeit halten möchte, sollen zeitnah ein Angebot erhalten. Namen wie Thomas Ower, Alexander Baum, Daniel Ketter, Harry Lange, Patrick Strauch, Daniel Oppolzer, Tim May, Sven Schlicht dürften auf dieser Liste vorne stehen.

Und dann ist da noch die Personalie Frank Carnevale. Ihm liegen die RT-Fans in diesen Tagen regelrecht zu Füßen, feierten ihren Coach mit Sprechchören. »Anhand von Videomaterial ist es schwer, das Herz eines Spielers beurteilen zu können. Aber ich denke, wir haben einige richtige Entscheidungen getroffen«, sagt der Trainer, der noch auf dem Eis als Meister geduscht worden war und sich von seinem Assistenten Daniel Heinrizi ein trockenes Hemd für die Rückreise hatte leihen müssen. Im Stadion posierte er geduldig für allerlei Schnappschüsse, ehe für ihn die Nacht am Marktplatz endete. Allerdings: Ein klares Bekenntnis zur Saison 2013/14 beim EC Bad Nauheim war dem Trainer auch am Montagnachmittag noch nicht zu entlocken. Michael Nickolaus

Miller macht den Traum wahr

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