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Gehörlos: Türk Gücü-Stürmer Hayashi spielt mit dem sechsten Sinn

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Von: Leon Alisch

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Masih Saighani übersetzt für seinen Mitspieler Kodai Hayashi (rechts) die Worte von Trainer Enis Dzihic in Gebärdensprache. © Timo Jaux

Kodai Hayashi ist gehörlos. Seit dieser Saison spielt der Japaner für Türk Gücü Friedberg in der Fußball-Hessenliga. Ein Austausch über Kommunikation, Unterschiede in der Gebärdensprache und seine Teilnahme an den Deaflympics.

Wer sich in ein Fußballspiel begibt, der erlebt eine Vielfalt der Geräusche. Ein greller Pfiff des Schiedsrichters lässt das Spiel beginnen. Ein Spieler passt den Ball, und dieser poltert mit einem schleifenden Geräusch über den Rasen. Ein weiterer tritt den Ball zu einem Steilpass, ein klatschendes Geräusch. Zwei Spieler steigen zu einem Kopfball hoch, einer schreit »Ey!«. Von draußen ruft ein Trainer »Jungs, nachrücken«.

Es sind Geräusche, ohne die wir uns ein Fußballspiel nicht vorstellen können. Was, wenn all diese verschwinden würden? Eine Welt, die für Kodai Hayashi (26) die Normalität ist. Er ist von Geburt an gehörlos. Und doch hat er eine erfolgreiche Laufbahn als Fußballer eingeschlagen. Seit dieser Saison spielt er bei Türk Gücü Friedberg in der Hessenliga. Im Saisonverlauf hat der schnelle und wendige Offensivspieler bereits drei Mal getroffen. Dazu spielt er für GSG Stuttgart in der Deutschen Großfeldmeisterschaft der Gehörlosen. Und auch im Gehörlosen-Nationalteam von Japan hat er schon getroffen. Was ist das für eine Welt, in die sich Hayashi auf dem Fußballplatz begibt? Wie kompensiert er sein Handicap?

Unterschiede in der Gebärdensprache

Vor dem Training mit Türk Gücü am Burgfeld berichtet er davon. Mit dabei ist seine Agentin Kayo Minning. Sie fungiert als Übersetzerin. Jedoch nicht für Gebärdensprache, sondern für Deutsch-Japanisch. Denn Hayashi liest das Gesagte von ihren Lippen ab und antwortet auf Japanisch. Die phonetische Aussprache hat er in der Gehörlosenschule in Japan gelernt. Nachdem er vor drei Jahren nach Deutschland kam, hat er auch deutsche Gebärdensprache gelernt. Diese hat laut ihm »wenig mit der japanischen Gebärdensprache zu tun«.

Hayashi ist in Saitama, einer Millionenstadt nördlich von Tokio, geboren. Mit dem Fußballspielen begann er mit etwa sechs Jahren. Fußball habe früh seinen Charakter geprägt. Auf der Straße, im Park, am Strand. Er habe immer einen Ball dabei gehabt, sagt er. Und der Fußball blieb: Hayashi kickte erst für seine High School und anschließend für die Asia University in Tokio.

Wenn der Schiedsrichter pfeift

Es war eine Zeit, in der Hayashi immer besser lernte, sein Handicap auf dem Platz zu kompensieren. Hayashi trägt ein Hörgerät, mit dem er einige Geräusche wahrnehmen kann. Wenn etwas Lautes neben ihm passiert, ein Gegner angerannt kommt oder der Ball auftitscht, nimmt er das wahr. Anweisungen aus größerer Distanz nicht mehr.

Anfangs, erklärt er, habe er viel für sich gespielt, hin und wieder Verzögerungen angekreidet bekommen, weil er den Schiedsrichterpfiff nicht gehört hatte. Vor den Hessenliga-Partien werden die Unparteiischen und der Gegner deshalb über sein Handicap infomoriert. Mittlerweile weiß er auch, wie er sich auf dem Platz orientieren muss. Er schaut viel auf die Mitspieler, dreht den Kopf, um mehr Geräusche wahrzunehmen. Wenn die Mitspieler stehen bleiben, weiß er, dass das Spiel unterbrochen ist. Das, was Hayashi nicht hören kann, muss er mit den Augen kompensieren. Dazu, sagt er, müsse er über seine Technik das wett machen, was an Kommunikation fehle. Ganz kompensieren könne er sein Handicap jedoch nicht.

Mit Japan bei den Deaflympics 2017

Eine andere Welt stellt nochmal der Fußball unter Gehörlosen dar. Dort trägt niemand ein Hörgerät. 2017 schaffte es Hayashi in dieser Welt auf die größte Bühne: Er spielte für Japan bei den Deaflympics, dem Äquivalent der olympischen Spiele für Menschen mit Gehörlosigkeit. Und zwei Jahre später entschied er sich zu einem großen Schritt: Er wagte den Weg nach Europa. Genau gesagt nach Deutschland. Von den sportlichen Strukturen, auch denen für Gehörlose, profitieren, sich weiterentwickeln und ein Vorbild für jüngere Spieler sein. Das waren die Ziele. Über den TuS Montabaur und den SV der Bosnier landete Hayashi in diesem Jahr schließlich bei Türk Gücü Friedberg.

Dreier-WG mit zwei Teamkollegen

Was war das für ein Schritt, nach Deutschland zu wechseln? Ohne Anknüpfungspunkte einzutauchen in eine neue Kultur? Hayashi lebt in einer Dreier-WG mit Ren Gatamura und Yuri Fujikawa in Frankfurt. Die beiden Japaner spielen auch bei Türk Gücü und sind bei der gleichen Agentur. Sein Alltag, so sagt Hayashi, sei nicht groß verschieden zu Menschen mit Gehör. Zum Training fahre er mit der Bahn oder bei einem seiner Teamkollegen mit. Aktuell wartet Hayashi auf die Arbeitserlaubnis der Ausländerbehörde - ist diese da, möchte er in der Agentur World FC, die ihn aktuell betreut, arbeiten.

Saighani übersetzt

Nach seinem Wechsel hat Hayashi in Deutschland ein Jahr eine Sprachschule besucht. Er verstehe einige deutsche Alltagsäußerungen. Die phonetische deutsche Sprache zu lernen sei für ihn allerdings schwierig. Deutlich besser könne er deutsche Gebärdensprache. Und die hilft ihm auch in der Mannschaft von Türk Gücü.

Der Grund: Masih Saighani, seit Anfang des Jahres wieder in Friedberg, kann ebenfalls Gebärdensprache, da sein älterer Bruder gehörlos ist. Masih sei eine »riesige Hilfe«, auch weil die Anfangszeit in der neuen Mannschaft schwer gewesen sei. Einfache Anweisungen von Coach Enis Dzihic verstehe er. Sobald es komplexer werde, übersetze Saighani. Dazu haben die Teamkollegen ein Verständnis entwickelt und versuchen, mit Gestik zu sprechen. »Ich bin meinen Kameraden dafür sehr dankbar«, sagt Hayashi.

Deutscher Meister mit GSG Stuttgart

Vor einigen Wochen, vor dem Spiel bei Rot-Weiß Hadamar, ging kurz vor Anpfiff das Hörgerät kaputt. »Ich war mental nicht darauf vorbereitet, ohne Hörgerät zu spielen«, sagt Hayashi. In seinem Spiel auf dem Flügel bekam er keinen Zugriff. Coach Enis Dzihic wechselte ihn nach 33 Minuten aus - ohne von dem Vorfall zu wissen. »Das war ein anderer Kodai da auf dem Platz, deswegen habe ich ihn runtergenommen. Erst nach dem Spiel hat er mir davon berichtet«, erzählt Dzihic.

Ohne Hörgerät hat Hayashi nicht den gleichen »Blickwinkel« wie mit. Im Gehörlosen-Fußball sei das Spiel dadurch körperlicher und individueller geprägt. Mit seiner Mannschaft GSG Stuttgart spielt Hayashi neben seiner Aktivität bei Türk Gücü in der deutschen Meisterschaft der Gehörlosen. Letztes Jahr wurde das Team deutscher Meister.

Schaut man sich Fußball unter Gehörlosen an, ist es deutlich stiller auf dem Platz. Die Rufe fehlen. Es wird anders gejubelt und anders kommuniziert. Kodai Hayashi hat Techniken entwickelt, trotz seines Handicaps auch mit Hörenden ebenbürtig Fußball zu spielen. Er muss sich mehr umgucken, den Gegnern einen Schritt voraus und eben schneller sein. Es ist eine Welt, die anders geprägt ist. Doch es fehlt ihr nicht an Kommunikation. Sie ist schon gar nicht stumm. Es ist viel mehr eine Welt des sechsten Sinns.

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Am Ball: Kodai Hayashi. © Timo Jaux

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