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Bernhard Fliegl betreut seine beiden Pferde auf dem Karbener Waldhohlhof. Das Training für einen Teil seiner paralympischen Athleten muss aus der Ferne stattfinden.

Coronavirus-Krise

Ganz ohne Pferd geht es nicht: So gehen die Wetterauer Reiter mit der Coronavirus-Krise um

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Die Coronavirus-Krise trifft manche Sportler härter als andere. Ein Beispiel dafür sind die Reiter, die trotz Auflagen und Verboten ihre Pferde versorgen müssen - samt finanzieller Unsicherheit.

Für menschliche Kontakte außerhalb des eigenen Haushaltes gilt ein Mindestabstand, auch zu Tieren wird kein allzu enger Kontakt empfohlen, auch wenn das Coronavirus in diesem Zusammenhang bislang offenbar noch kein größeres Problem darstellt. Dennoch beherrscht es längst den Alltag in Deutschland - und damit auch die Menschen, die sich von hobbymäßig bis professionell mit dem Reitsport beschäftigen. Denn natürlich gibt es auch in den Reithallen und auf den Reitplätzen Einschränkungen - allerdings auch Freiheiten, um das Wohl der Tiere nicht zu gefährden. Wir haben mit drei Wetterauer Reitern gesprochen, für die das Coronavirus ganz eigene Folgen hat.

Coronavirus-Krise: Auf einmal sind das Hobby und die Existenz bedroht

Andrea Bentrup-Stilgenbauerist gleich mehrfach von der Coronavirus-Krise betroffen: Sie gehört aufgrund einer Lungenerkrankung zur Risikogruppe, ihr Hobby ist heruntergefahren, ihre wirtschaftliche Existenz bedroht. Sie verdient ihr Geld nämlich damit, Schleifen für Reitwettbewerbe herzustellen und in ganz Europa zu verkaufen, doch so gut wie alle Veranstaltungen sind abgesagt. Das betrifft auch andere Tierschauen, für die sie ebenfalls die Preise fertigt.

Fünf Mitarbeiter hatte sie erst im Februar eingestellt - nun musste sie allen in der Probezeit kündigen. Die restlichen zwölf Angestellten sind auf Kurzarbeit und fertigen Mundschutz zum Selbstkostenpreis. Ihr Problem: Das Material dafür ist nur schwer zu bekommen. Ich will die Leute, für die ich Verantwortung habe, irgendwie über Wasser halten", sagt sie. Das gilt in gewisser Hinsicht auch für ihre Tochter, die halbtags im Familienunternehmen arbeitet und sonst mit Reitunterricht auf fünf Ponys ihre Brötchen verdient. Das ist derzeit natürlich tabu, doch die Kosten für die Tiere laufen weiter. "Bei uns komm momentan alles zusammen", sagt Bentrup-Stilgenbauer, die im Vorstand gleich zweier Vereine sowie des Kreisreiterbundes ist. An allen Standorten setze man auf einen strengen Zeitplan sowie maximal eine Person für die Versorgung eines Pferds, um im Stall so wenig Menschen wie möglich auf einmal zu haben - samt Dokumentationspflicht und Hygienemaßnahmen. "Wir wollen nur das Notwendigste machen. Da muss man auch solidarisch gegenüber anderen sein", sagt sie - und fordert ihre Reiterkollegen auf: "Haltet euch an die Regeln." Gleichzeitig schränkt sie aber auch ein, dass Pferde nun mal alleine aufgrund des Tierschutzgesetzes bewegt werden müssen - und dass ein Ausritt im freien Gelände längst nicht so einfach ist, wie der Laie vielleicht denkt. "Viele Pferde sind das Ausreiten nicht mehr gewohnt, außerdem ist allein aus Sicherheitsgründen ein Ausritt alleine nicht zu empfehlen", erklärt sie - immerhin sei dies wenigstens zu zweit möglich.

Coronavirus-Krise: Wenn das deutsche paralmypische Team per Video trainieren muss

Bernhard Flieglist es gewöhnt, immer auf Achse zu sein. Der Reitlehrer ist normalerweise quer durch Deutschland unterwegs, gibt Lehrgänge, trainiert Ross und Reiter - und ist bei internationalen Wettkämpfen dabei. Daran ist in der aktuellen Situation nicht zu denken - Fliegl sitzt auf seiner "Basis", dem Karbener Waldhohlhof, mehr oder weniger fest. Immerhin: Der Hof ist weitläufig, bietet neben einer großen Halle mehrere Reitplätze. "Das macht es ein bisschen einfacher." Ein weiterer Vorteil: Als Trainer der deutschen paralympischen Nationalmannschaft hat er eine halbe Stelle beim Deutschen Behindertensportverband. "Natürlich habe ich auch Einbußen, aber die Stelle läuft momentan noch normal weiter. Wenn das noch wegfallen würde, wäre es blöd", sagt er.

Dafür muss er allerdings auch etwas tun: Nur drei seiner potenziellen Olympioniken sind in Karben stationiert, die restlichen sechs über die ganze Republik verteilt. Also heißt es mittels Videos und Telefon zu trainieren. Alleine aus diesem Grund sei auch die frühzeitige Verschiebung der Olympischen - und damit auch der Paralympischen Spiele - richtig gewesen. "So gibt es wenigstens keine Panik, dass man nicht genug trainieren kann", sagt er. "Aber natürlich ist es schade für die, die gut vorbereitet waren. Für andere ist es dagegen gut, weil sie so noch ein weiteres Jahr Erfahrungen sammeln können." Dafür bräuchte es allerdings auch Wettkämpfe, denn "nur dann kann man den Stand wirklich sehen". Zurzeit liegt die Hoffnung auf einem Turnier in München im August, denn von den neun Sportlern dürfen am Ende nur vier mit nach Tokio. Immerhin: Das deutsche Team als solches ist bereits qualifiziert.

Coronavirus-Krise: Besondere Regeln auf Reiterhöfen sollen Ansteckungsgefahr minimieren

Bei Gerhard Lothist die Lage entspannt. Der Inhaber des Reitsportanlage Loth in Friedberg hat zwar bis zu 40 Pferde auf seinem Hof, doch da er sein Geld nicht mit Reitunterricht, sondern mit der Unterbringung der Tiere verdient, läuft der Betrieb (fast) normal weiter. Auch er hat verschärfte Hygieneregeln eingeführt, ein fester Mitarbeiter kümmert sich um Fütterung und Misten, die Pferdebesitzer müssen sich in eine Liste eintragen, um ihr Tier zwischen 7 und 22 Uhr für maximal zwei Stunden zu versorgen und zu bewegen., "Das verteilt sich über den Tag inzwischen gut. Gerade am Anfang war es jedoch schon schwer, die Einschränkungen durchzusetzen", sagt er. "Es gehört etwas Organisation dazu und die Hygienemaßnahmen sind ein kleiner Mehraufwand, aber vor allem geht es darum, von der Ich-Mentalität wegzukommen."

Dabei erlaubten es die geschlossenen Schulen und viel Homeoffice doch, dass sich die Pferdebesitzer ihre Zeit gut einteilen könnten. Zudem gebe es mit Reithalle, diversen Plätzen und einem Austritt im Gelände viele Möglichkeiten, die Pferde zu bewegen. "Da kann man noch dankbar sein, bei dem guten Wetter noch an die frische Luft zu dürfen", sagt er, der gemeinsam mit seiner Familie auch noch Landwirtschaft im Nebenerwerb betreibt. Selbst einen Plan B, für den Fall, dass ein Familienmitglied oder ein Mitarbeiter erkrankt, gibt es schon. Am Ende sei die Solidarität unter Reitern nämlich groß. Deshalb sagt er auch: "Ich weiß, dass meine Kunden zu einem großen Teil ihr letztes Hemd für ihr Tier geben würden, sollte es dennoch bei jemanden Probleme geben, wäre ich der Letzte, der nicht darauf eingehen würde."

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