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»Fuzzy« Schleiter über »seinen« SV Darmstadt 98

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Um sich dem Phänomen SV Darmstadt 98 und dem Bölle-Feeling zu nähern, hat sich WZ-Mitarbeiter Peter Hett mit einer Wetterauer Fußball-Legende unterhalten. Karl-Heinz »Fuzzy« Schleiter hat für zwei Spielzeiten (74/75 und 75/76) bei den 98ern in der Zweiten Bundesliga Süd gespielt und gibt einen kleinen Einblick in die Welt des besonderen Bundesligisten.

(hep) Über den geradezu sensationell anmutenden Bundesligaaufstieg des SV Darmstadt 98 sind seit dem vergangenen Wochenende unzählige Berichte und Geschichten geschrieben worden. Der Verein mit dem kleinsten Kader der Liga, wenig Geld auf dem Konto und einem maroden Stadion als Spielstätte liefert in einer Zeit, in der Fußball immer mehr vom Geld bestimmt wird und dadurch an Berechenbarkeit zunimmt, Geschichten, die in der Welt des Kommerz erfrischend gut tun. Sie geben dem Fußball einiges von seiner ursprünglichen Faszination zurück, die Gefahr läuft, verlorenzugehen. SV Darmstadt 98 – das bedeutet Scouting, das von den Vätern der Trainer betrieben wird, Funktionsräume, die noch aus den 1970er Jahren stammen und ein Trainer, der sein Verpassen beim Start des Autokorsos damit begründet, dass er volltrunken war. Um sich dem Phänomen Lilien und dem Bölle-Feeling zu nähern, hat sich WZ-Mitarbeiter Peter Hett mit einer Wetterauer Fußball-Legende unterhalten. Karl-Heinz »Fuzzy« Schleiter hat für zwei Spielzeiten (74/75 und 75/76) bei den 98ern in der Zweiten Bundesliga Süd gespielt und gibt einen kleinen Einblick in die Welt des besonderen Bundesligisten. Der 72-jährige Florstädter berichtet mit Stolz, dass er sich eigentlich immer noch als »aktiver 98er« sieht, da er zum Kader der Darmstädter Traditionsmannschaft gehört.

»In weiser Voraussicht auf die jetzige Entwicklung habe ich zumindest schon mal meine Dauerkarte von Eintracht Frankfurt zurückgegeben«, erklärt er lachend.

Karl-Heinz, Sie sind seinerzeit von Ihrem Heimatverein FC Nieder-Florstadt aus der Bezirksliga in die Zweite Bundesliga gewechselt. Ein gewagter Schritt?

Karl-Heinz Schleiter: Eigentlich nicht, ich war auch als Bezirksligaspieler in der Hessenauswahl, zudem kannte mich Trainer Udo Klug schon als Spieler von Eintracht Frankfurt. [Anm. d. Red.: Dort war Schleiter von 1969 bis 1972 in der Jugend und bei den Amateuren aktiv].

Welche bekannten Spieler waren Ihre Mannschaftskameraden?

Schleiter: Mit Walter Bechtold, Jockel Weber und dem leider schon verstorbenen Lilien-Rekordspieler Edwin Westenberger hatte ich eine Fahrgemeinschaft ab Frankfurt. Manfred Drexler, später Schalker, war mein Zimmerkollege, Gerd Kleppinger spielte auch in Hannover, Dortmund und Gelsenkirchen, er ist heute Co-Trainer in Sandhausen. Rainer Künkel war auch bei den Bayern und in Saarbrücken, mit ihm besuche ich heute meistens die Lilien-Spiele.

Gibt es nach so langer Zeit noch nennenswerte Kontakte?

Schleiter: Ja sicher. Ich bin ja Mitglied und sogar noch im Kader der Traditionsmannschaft.

Was war aus sportlicher Sicht das prägendste Erlebnis für Sie, an das Sie sich heute noch gerne erinnern?

Schleiter: Mein erstes Spiel für Darmstadt. Es war am 2. August 1974 gegen den 1. FC Saarbrücken. Es war sozusagen ein historisches Spiel, denn es war die allererste Partie in der neu geschaffenen Zweiten Bundesliga. Leider haben wir dieses Flutlichtspiel mit 0:1 verloren, Niko Semlitsch hat damals das Tor des Abends geschossen. Dafür haben wir dann unser erstes Heimspiel gegen die Stuttgarter Kickers mit 2:0 gewonnen. Das zweite Tor habe ich mit einem Flugkopfball erzielt.

Darmstadt ist für seine spezielle Fankultur bekannt. Die Menschen stehen dem Verein gerade in den Zeiten zu Seite, in denen es nicht so läuft und haben in den schweren Jahren zwischen 2007 und 2010 entscheidend dazu beigetragen, dass der bereits gestellte Insolvenzantrag wieder zurückgezogen werden konnte. Haben Sie dieses besondere Verein-Fan-Verhältnis schon zu Ihrer Zeit erleben dürfen?

Schleiter: Ja sicher. Im Vergleich zur Eintracht werden die Darmstädter Spieler auch bei schlechteren Leistungen unterstützt.

Wie beurteilen Sie den Aufstieg der Lilien und was dürfen die hessischen Fußballfreunde Ihrer Meinung nach vom Aufsteiger erwarten?

Schleiter: Beide Aufstiege waren eine außergewöhnliche Leistung. Da stimmt momentan alles, die Kompetenzen sind klar verteilt, die Mannschaft ist eine Mannschaft. Die Situation in Sachen Stadion, Finanzen, Trainer und Vorstand ähnelt der des SC Paderborn in dieser Saison. Aber ich hoffe auf ein glücklicheres Ende!

Sind Sie auch (noch) Darmstadt-Fan und werden Sie sich Spiele dort live ansehen?

Schleiter: Ja sicher. Ich bin ja noch Mitglied der Traditionsmannschaft. Wir treffen uns öfters zu Heimspielen und haben ein Kartenkontingent.

In Ihrer Jugend waren Sie auch für die Eintracht aktiv. Wem werden Sie bei den Derbys die Daumen drücken?

Schleiter: Gute Frage. Welches deiner Kinder liebst du mehr?

Es steht überall zu lesen, dass es in den Funktionsräumen am Böllenfalltor noch so aussehen soll wie vor 30 Jahren. Also kennen Sie diese Verhältnisse bestens.

Schleiter: Es sieht aus wie vor 40 Jahren!

Welchen Rat haben Sie an die Spieler der Gästeteams, wenn die Duschen wieder einmal nur kaltes Wasser liefern?

Schleiter: So wenig laufen, dass man nicht ins Schwitzen kommt.

Gibt es noch eine besondere Anekdote, die Ihnen zum Thema Darmstadt einfällt und die zum Bild des »anderen« Bundesligisten passt?

Schleiter: Während eines Trainingslagers im Odenwald spielten wir beim Erbacher Wiesenmarkt gegen den FC Bayern und gewannen 1:0. Danach feierten wir unerlaubterweise im proppenvollen Festzelt mit den Lilien-Fans. Rainer Künkel und ich »performten« auf der Bühne »Paloma Blanca«. Das hat uns einen dicken Rüffel von Trainer Udo Klug eingebracht. Zur Strafe mussten wir am nächsten Tag den Weg vom Hotel zum Trainingsgelände hin- und zurücklaufen. Es waren immerhin acht Kilometer mit sieben Prozent Steigung.

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