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Fußball unter Freunden

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© Nicole Merz

(mn) Alleine schauen oder lieber in Gesellschaft? Auf der Wohnzimmer-Couch den Analysen der Experten folgen oder die eigenen Ideen im Freundeskreis diskutieren; am Grill, beim Bier? Im Friedberger Stadtteil Ockstadt verwandelt Bernd Hofmann seinen Garten alle zwei Jahre in ein Fußball-Studio; seit 2002 schon.

Wir haben ihn am Sonntag zum Spiel der deutschen Mannschaft besucht und mit 40 Gästen den Einzug in das Viertelfinale gefeiert.

Eine Viertelstunde vor dem Anpfiff wird es noch einmal hektisch. Es wird angepackt. Stühle werden geholt und gerückt. Bis jeder etwas sieht. Bis die Kapazitätsgrenzen erreicht sind. »Ausverkauft«, sagt Bernd Hofmann mit einem Schmunzeln. »Das hatten wir ja noch nie.« Der 64-Jährige geht in seiner Rolle als Gastgeber auf. Zur inzwischen siebten WM/EM-Endrunde der Herren schon lädt Hofmann seine Freunde in sein »Studio« im Friedberger Stadtteil Ockstadt.

In Viererreihen sitzen die mehr als 40 Fußballfans und Interessierten (Frauen und Männer zwischen einem und 74 Jahren) am Sonntagabend in seinem Garten. Die Flaggen der 24 EM-Teilnehmer flattern im Wind, der den Duft der Grillkohle verteilt. Steaks und Würstchen bruzzeln. Gastro-Kühlschränke surren mit der Zapfanlage um die Wette. Ein Holzunterstand, der einst als Geräteschuppen diente, ist dem Anlass entsprechend dekoriert. DIN A4-Poster der Nationalspieler hängen wie die Starschnitte einer Jugendzeitschrift an den Wänden zwischen einem Spielplan und Fotos, die an die vergangenen Turniere erinnern.

Auch ein Gästebuch liegt bereit. Das Hofmannsche Studio ist längst eine Institution.

Der Hausherr ist Fußballfan durch und durch. Mehr als 1000 Spiele hat er als Unparteiischer geleitet, über 30 Jahre lang war er Schriftführer beim SV Germania. Viele seiner Gäste hat der langjährige Dauerkarten-Inhaber von Eintracht Frankfurt einst als Jugendtrainer im Kirschendorf gecoacht.

Entstanden ist die Idee im Sommer 2002. »Weit vor dem Trend zum Public Viewing«, wie Hofmann nicht ohne Stolz sagt. Sein Geburtstag fällt im Zweijahres-Rhythmus exakt in die Fußballturniere. Während der WM in Südkorea und Japan - als der 50. Geburtstag im Zelt gefeiert wurde - wurde ein Fernseher aufgestellt - und das kam an. Der Kreis wurde größer. Traditionell per Brief lädt der Gastgeber ein. Mehr als 50 Adressen umfasst mittlerweile der parallele Mailverteiler. Per Whatsapp koordiniert Steffen Ganser die Aktivitäten am Grill und der Salattheke, schickt Impressionen an Daheimgebliebene. Ganser, wie Hofmann ein waschechter Ockstädter, ist - so wird er gerufen - der »Co-Studionator«, ein Mann voller Ideen.

Eine Torwand für den Nachwuchs wurde einst aufgestellt, auch eine Tombola hatte er schon organisiert. Abgeschafft wurde die Zettelwirtschaft beim Tippspiel, das inzwischen online ausgewertet wird. 2010 wurde aus dem Kreis der »Studio-Gäste« zudem der DFB-Fanclub Ockstadt gegründet. Spiele wie gegen Brasilien und Argentinien haben die Ockstädter besucht. Den Erfolg des »Studios« führt Ganser auf die Erfolge der deutschen Mannschaft zurück. »Mit jedem Spiel steigt das Fußball-Fieber. Da macht es Spaß, in Gemeinschaft zu schauen und zu feiern. Man kennt sich. Viele haben einen kurzen Heimweg.«

Mit dem Erfolg steigt auch die Zahl der Gäste, die der Hofmannschen Einladung folgen. Geöffnet ist das »Studio« jeden Abend; und damit auch bei Wind und Wetter. Während der Spiele 2002 in Asien habe man sich beispielsweise zur Übertragung während der Frühstückszeit getroffen, auch bei unattraktiven Vorrundenspielen sitzt Hofmann nie allein im Garten.

Die gute Seele dahinter heißt Monika Rehbeil, sie ist Hofmanns Lebensgefährtin, eine Gastgeberin »mit viel Verständnis« wie Hofmann und Ganser betonen. »Ohne sie ginge nichts.« Rehbeil hält die Fäden zusammen, kümmert sich um Einkäufe und Accessoires. Während die Gäste gebannt das Spiel verfolgen - und wenn diese längste gegangen sind - sorgt Rehbeil für die Ordnung in Haus und Garten; kümmert sich um Gläser, Flaschen und Geschirr. Probleme mit den Nachbarn? »Nein. Wir haben sehr tolerante Nachbarn - und passen den Geräuschpegel auch der Uhrzeit an«, sagt Hofmann und setzt sich auf seinen Stammplatz. Erste Reihe, rechts außen und damit immer auf dem Sprung, wenn irgendwo irgendwas fehlt.

Simples Erfolgsrezept

Die TV-Vorberichterstattung geht im Geräuschpegel unter. Wo fehlen Getränke? Wer hat noch nicht getippt? Wer möchte noch ein Steak? Und wer ist noch nicht schwarz-rot-gold geschminkt? Zur Nationalhymne verstummen die Gespräche, inbrünstig wird das Deutschlandlied gesungen. Die Achtelfinal-Anspannung löst sich schnell. Das Spiel läuft nach Wunsch der Zuschauer; standesmäß mit Nationaltrikot gekleidet.

Das Erfolgsrezept der Ockstädter Fußball-Freunde ist ganz simpel. »Hier funktioniert alles über die Gemeinschaft. Jeder packt mit an. Jeder hilft, bringt etwas mit und leistet seinen Beitrag«, sagt Ganser.

Man schaue gemeinsam bis zum deutschen WM-Titelgewinn, hatte man sich einst gesagt. 2014 war es soweit. Ein Ende ihrer fröhlichen Fußball-Runde wollten sich Hofmann, Ganser und ihre Freunde dann aber doch nicht vorstellen. Und so laufen bereits die Vorbereitungen für das Viertelfinale am Samstagabend.

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