LG ovag Friedberg-Fauerbach

Friedberger Top-Sprinter Steven Müller im großen Interview - Nächster Halt: Olympia 2020 in Tokio

Er war der einzige männliche deutsche Sprinter bei der Leichtathletik-WM in Doha. Zurück in Deutschland schnauft Steven Müller von der LG ovag Friedberg-Fauerbach nur kurz durch, denn das nächste große Ziel wartet: die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. 

Die Weltmeisterschaften der Leichtathleten waren der große Traum von Steven Müller. Der Sprinter der LG ovag Friedberg-Fauerbach hatte mit 20,42 Sekunden die Norm eigentlich um zwei Hundertselsekunden verpasst, dann aber kurzfristig eine Wildcard des Weltleichtathletikverbandes (IAAF) erhalten. In Katar verpasste er als Sechster seines Vorlaufs in 20,69 Sekunden zwar das große Ziel, das Halbfinale, doch angesichts der sechstschnellsten Zeit seiner Karriere war der Schützling von Trainer Otmar Velte, mit dem er seit sieben Jahren zusammenarbeitet, auch nicht ganz unzufrieden. Zurück in die Deutschland hat sich der 29-jährige Student aus Kassel im Interview Fragen zu seiner Laufbahn, den WM-Eindrücken und seiner Zukunft gestellt.

Herr Müller, wie sind mit einigen Tagen Abstand Ihre Eindrücke von der WM?

Steven Müller:Es war anfangs sehr irreal, weil dann plötzlich alles schon schnell gegangen ist. Das Hotel war super, es war extrem heiß, die Luftfeuchtigkeit war sehr hoch, aber eigentlich musste ich mich nur einen Tag eingewöhnen, dann ging es mir gut. Ich dachte, dass das vielleicht ein Vorteil ist. Direkt nach meinem Rennen hatte ich gemischte Gefühle. Natürlich war und bin ich sehr glücklich, dass ich an der WM teilnehmen durfte, aber andererseits war es auch traurig, dass ich nicht meine Bestleistung abrufen konnte. Ich hatte im Vorfeld ehrlich gesagt schon damit geliebäugelt, vielleicht noch ein zweites Rennen machen zu können. Einzig die Atmosphäre war nicht besonders, da ehrlicherweise war bei den deutschen Meisterschaften mehr los.

Woran lag es, dass es für Ihre Bestzeit nicht gereicht hat?

Müller:Es soll keine Ausrede sein, aber es war extrem schwer, sich nach dieser langen Saison mit den deutschen Meisterschaften und der Team-Europameisterschaften mit der Silbermedaille noch einmal zu motivieren. Man trainiert lange und hart, denkt, man ist dabei, ist es dann aber erst doch nicht und plötzlich kommt doch noch die Einladung. Diese Aufs und Abs waren sehr anstrengend. Das war insgesamt sehr viel für mich, was ich nach dem Lauf aber erst langsam realisiert habe. Jetzt geht es erst einmal kurz in die Pause, und dann geht es wieder von vorne los.

Es war also vor allem eine mentale Sache?

Müller:Auf jeden Fall. Man bereitet sich ein ganzes Jahr auf so ein Ereignis vor, alles sieht danach aus, dass man es schafft, weil die Planung stimmt, die Ergebnisse darauf hindeuten, und dann fehlen am Ende zwei Hunderstelsekunden. Das ist Mist! Dann will man die Norm unbedingt noch schaffen, kommt unter Druck und packt es trotzdem nicht. Da hatte mein ganzer Körper sich schon von der Saison verabschiedet. Deshalb brauchte ich nach dem Rennen auch erst einmal ein paar Tage Ruhe. Ich war sehr müde und daher eher für mich. Erst danach bin ich ins Stadion gegangen und habe die anderen deutschen Athleten unterstützt. Das hat richtig Spaß gemacht.

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Jetzt schaltet sich Trainer Otmar Velte in das Gespräch ein. "Man hat bei den deutschen Meisterschaften gemerkt, dass es an ihm genagt hat, dass er die Norm nicht geschafft hat. Er war danach einfach nicht mehr so locker, um in diesen Bereich zu laufen", erklärt er. "Man muss sich immer verdeutlichen: Es ging letztlich um 36 Zentimeter, die gefehlt haben."

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Und dann wurden sie nachträglich doch eingeladen - als einziger männlicher Sprinter aus Deutschland. Sind Sie darauf stolz?

Müller:Ehrlich gesagt habe ich mich so intensiv vorbereitet, dass ich es erst Tage später überhaupt gelesen habe, dass das so ist. Für mich ging es nur um die Sache, um diesen einen Lauf. Natürlich ist es cool, der einzige zu Deutsche sein, und auch der erste seit 2011, aber letztlich bin ich vor allem glücklich und zufrieden mit mir. Stolz macht es mich, für mein Land laufen zu dürfen.

Hat Ihnen nach der EM 2018, der Team-EM und nun mit der WM in Doha der dritte internationale Auftritt etwas mit Blick auf Sponsoren gebracht?

Müller:Ich habe nach wie vor einen einzigen Sponsor, Volker Becker aus Kassel, der mich seit Tag eins unterstützt. Ansonsten unterstützt mich natürlich die LG ovag Friedberg-Fauerbach und die deutsche Sporthilfe. Ohne sie wäre das alles überhaupt nicht möglich. Nichtsdestotrotz bleibt es schwierig.

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Trainer Otmar Velte im Interview

Otmar Velte ist ein Tausendsassa: Fußballtrainer des Hessenligisten SC Waldgirmes, Inhaber einer Praxis für medizinische Trainingstherapie, angehender Athletiktrainer, gelernter Schullehrer für Sport und Gesellschaftskunde – und seit sieben Jahren Sprinttrainer von Steven Müller. Der Vollblutsportler trainiert bereits seit seinem 16. Lebensjahr andere Sportler, seine Leidenschaft gehört vor allem dem Fußball und der Leichtathletik. Dort war er selbst einmal Leistungssportler – unter anderem im erweiterten Kader für die 2. Fußball-Bundesliga. Der 55-Jährige ist seit einigen Jahren im mittelhessischen Pohlheim zu Hause, davor lebte er in seiner nordhessischen Heimat. Er sagt über sich: "Ich möchte Leistung entwickeln." Dieses Ziel hat er bei Steven Müller erreicht.

"Der Punkt ist, dass wir auf dem Weg nach Tokio im nächsten Jahr auch in wärmeren Gebieten trainieren müssten, um auf dem Leistungsniveau der Weltspitze mithalten zu können. Da würden wir finanziell an Grenzen kommen", erklärt Trainer Velte. "Denn das müssten wir dann zusammen machen. Deshalb versuchen wir alles und hoffen, dass über die breitere Öffentlichkeit ein Sponsor aufmerksam wird." Um den nächsten Schritt in seiner Karriere zu gehen, sagt der Trainer, müsse Müller im kommenden Jahr vor allem seine Zeit über 100 Meter verbessern. "Ohne das wird er nicht schneller. Die muss unter 10,20 Sekunden (aktuelle Bestzeit: 10,31 Sekunden, Anm. d. Red.). Und zwar ohne, dass wir die Dinge, an denen wir für die 200 Meter arbeiten, vernachlässigen. Konkret geht es um die Beschleunigungsphase. Seine Höchstgeschwindigkeit muss höher werden und er muss sie schneller erreichen." Insgesamt müsse seine Bestzeit um zwei Zehntelsekunden schneller werden. "Das ist die Aufgabe", sagt Velte. Müllers Augen werden groß. Er sagt lachend: "Gut zu wissen."

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In Ihrem WM-Rennen ist der spätere Silbermedaillengewinner Andre de Grasse aus Kanada bereits in der Kurve an Ihnen vorbeizogen. Wie fühlt sich das an?

Müller:Der Plan war, sich an ihm zu orientieren, nachdem er vorbeigezogen ist. Aber ist sehr schnell und war im Vergleich zu mir extrem locker. Im Vergleich zu ihm hat es sich nicht einmal schnell angefühlt, obwohl die Zeit ja gar nicht schlecht war. Natürlich stellt man sich die Frage, wie es gewesen wäre, wenn man selbst lockerer gewesen wäre. Aber er ist schon länger dabei und hat einfach mehr Erfahrung. Es war mir aber auch von vorneherein klar, dass ich im Bereich meiner Bestzeit rennen muss, um eine Chance auf das Halbfinale zu haben.

Nächstes Jahr sind die Olympischen Spiele Ihr Ziel.

Müller:Genau, das ist der Plan. Mein Trainer plant das für mich, was für die nötigen Zeiten zu tun ist, und ich setze es um. Das hat in diesem Jahr fast perfekt geklappt. Wir beide haben unseren Aufgaben - ich rede ihm in seine nicht rein und er mir nicht in meine.

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Dieses Zusammenspiel zwischen Müller und Velte scheint sich in den vergangenen sieben Jahren perfektioniert zu haben. Auch wenn ihre Wohnorte etliche Kilometer trennen, scheint ihre Verbindung sehr vertrauensvoll und dennoch stets professionell zu sein. "Das kann man nicht mit jedem machen und ehrlicherweise hat es auch lange gedauert, bis es so war", sagt Velte. Müller grinst und sagt nur: "Das stimmt. Aber ich habe auch immer gesagt: Mit ihm fange ich es an, und mit ihm beende ich es auch." Die Erfolgsgeschichte der beiden spricht für sich: Der damals 22-Jährige, der ursprünglich nur seine Schnelligkeit als Football-Spieler verbessern wollte, ist sieben Jahre später in der Weltspitze angekommen - und hat dem Sport sein Leben untergeordnet.

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Wie integrieren Sie das Training und all die Dinge rundherum in Ihren Alltag?

Müller:Man muss einerseits auf vieles verzichten, andererseits ist es eine Frage der Organisation. Das musste ich beides erst lernen. Aber ich habe mich entschieden, diesen Weg zu gehen. Daher nehme ich meine Disziplin, und nur so funktioniert es. Für die WM war klar, dass ich im Sommer keine Klausuren schreibe, dafür hatte ich im Winter Gas gegeben. Das wird jetzt wieder genauso, sodass ich im Sommer ein Urlaubssemester nehmen kann, um für Olympia zu trainieren. Es geht eben nur das eine oder das andere. Training, und vor allem Regenerationsphasen sind sehr wichtig. Und da kenne ich meinen Körper inzwischen so gut, als dass ich sofort den Unterschied spüre.

Wie wichtig ist gesunde Ernährung?

Müller:Wenn man einen Porsche hat, schüttet man auch kein Heizöl rein. Für mich muss es eine gute Mischung sein. Ich gönne mir keine Bratwurst oder einen Döner, das fällt komplett weg, aber ein Eis oder ein Stück Schokolade sind schon mal drin.

Wenn Sie das Jahr Revue passieren lassen und auf das neue Jahr schauen. Wie lauten Ihre Gedanken?

Müller:Das ist sehr schwer zu sagen, denn ich versuche, so gut wie möglich im Moment zu leben. Ich habe aus diesem Jahr auf jeden Fall viel Erfahrungen mitnehmen können. Ich weiß jetzt, was mich international erwartet - da ist die WM noch einmal ein Unterschied zur EM in Berlin im vergangenen Jahr gewesen. Und ich weiß, woran ich noch zu arbeiten habe. Und alles andere wird mir mein Trainer schon sagen (lacht).

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