Der VfB Friedberg mit Trainer Willi Seckinger (l.) gewann in der Saison 1957/58 die Landesliga Hessen und die Süddeutsche Amateurmeisterschaft. Damit qualifizierte man sich für die Teilnahme an der Deutschen Amateurmeisterschaft und für die 2. Oberliga Süd. FOTOS: PRIVAT
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Der VfB Friedberg mit Trainer Willi Seckinger (l.) gewann in der Saison 1957/58 die Landesliga Hessen und die Süddeutsche Amateurmeisterschaft. Damit qualifizierte man sich für die Teilnahme an der Deutschen Amateurmeisterschaft und für die 2. Oberliga Süd. FOTOS: PRIVAT

1958 in Berlin

VfB Friedberg erlebt "Schlacht am Zauberberg"

  • Christoph Sommerfeld
    vonChristoph Sommerfeld
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Den 1. Juni 1958 könnte "Hennes" Thaler nicht vergessen, selbst wenn er es wollte. Der frühere Fußballer kickte einst mit dem VfB Friedberg bei den Deutschen Amateurmeisterschaften mit.

Die Aufstellung von damals hat Hans "Hennes" Thaler noch im Gedächtnis, als sei es gestern gewesen. Bei dem jetzt 87-jährigen Friedberger kommen die Gefühle hoch, wenn er sich an 1958 erinnert, als sich der VfB mit Trainer Willi Seckinger für die Deutschen Amateurmeisterschaften qualifiziert hatte. Es war der größte Erfolg in der Vereinsgeschichte der Fußballer aus der Kreisstadt, die heute um Kreisoberliga-Punkte spielen.

Thaler spielte im sogenannten WM-System auf der Position des Rechtsaußen. Gegner auf dem Hertha-BSC-Platz am Gesundbrunnen in Berlin war Rapide Wedding. Die WZ titelte am 2. Juni 1958 "Unglückliche VfB-Niederlage in Berlin". 0:1 hieß es am Ende vor 9000 Zuschauern aus Wetterauer Sicht. "Wir waren wirklich haushoch überlegen. Heute würde man sagen: Spielanteile 80:20 Prozent. Aber das Tor war wie vernagelt", blickt Thaler zurück. Laut "telefonischem Bericht" von damals, den die WZ mit einer per Luftpost gesendeten Grußkarte der VfB-Spieler abdruckte, hatte Thaler eine der größten Friedberger Chancen auf den Ausgleich. Eine Flanke von Fritz Roßbach beförderte der Rechtsaußen demnach direkt aufs Tor. Ein Berliner musste für seinen bereits geschlagenen Torwart retten (63.). Roßbach selbst traf in Minute 83 nur die Latte, ehe der Rapide-Torhüter den anschließenden Kopfball von "Alla" Böcher per Robinsonade parierte. So bezeichnete man einen besonders wagemutigen Hechtsprung in die Ecke.

Auswechslung nicht vorgesehen

Bester Akteur war Mittelläufer Willi Kirmse, der sich während der Partie zwar am Kopf verletzte, nach kurzer Behandlung aber weiterspielen konnte. "Auswechselmöglichkeiten gab es noch nicht", erklärt Hennes Thaler. Man sei immerhin mit 13 Spielern angereist. Zum Einsatz kamen aber eben nur elf, und die mussten dann durchhalten.

Schließlich nutzte auch der aufopferungsvolle Einsatz aller Friedberger nichts. Wedding zog durch ein Freistoßtor in der 17. Minute in die Vorschlussrunde ein. "Es war sehr enttäuschend für uns, obwohl es schon eine Sensation war, dass wir so weit gekommen sind", sagt Thaler und schiebt gleich eine Anekdote hinterher: "Es war vor allem ärgerlich, weil wir die nächste Partie in Hessen gespielt hätten, in Wetzlar. Und zwar gegen den Hombrucher FV. Die waren damals als Zuschauer in Berlin, weil sie ihren nächsten Gegner sehen wollten. Am Ende waren sie froh, dass sie nicht gegen uns antreten mussten", erzählt der 87-Jährige. Die Mannschaft aus dem Dortmunder Stadtbezirk gewann zwei Wochen später auch das Finale um die Deutsche Amateurmeisterschaft.

Rückblickend steht bei Hennes Thaler dennoch der Stolz und die Erinnerung an ein unvergessliches Erlebnis. Es sind vor allem die Randgeschichten, die den Trip in die Vergangenheit für ihn so kostbar machen. Zwei Nächte verbrachten die Kreisstädter in diesem Sommer in Berlin. Die An- und Abreise erfolgte immerhin mit dem Flugzeug. Das Quartier dagegen war nicht so modern ausgestattet. "Ein Spieler hatte kein richtiges Bett, der hat in einem ausklappbaren amerikanischen Feldbett geschlafen", erinnert sich Thaler. Und auch das Schuhwerk von einst ist ein Abbild der Nachkriegsverhältnisse. Schraubstollen gab es noch nicht. "Die Stollen mussten genagelt werden." Das wiederum zog die Sohlen in Mitleidenschaft.

Ebenfalls ganz anders mutet aus heutiger Sicht außerdem der Schreibstil der Journalisten zum Ende der 50er Jahre an. Ein nostalgisches Beispiel liefert der WZ-Nachdreher vom 3. Juni 1958, der zwei Tage nach der Partie unter anderem die Kollegen von der "Neue Sport" zitiert: "Da sitzen sie nun und können es nicht fassen: Die verwaschenen roten Hemden kleben naß am schweißtriefenden Körper, die Gesichter sind vom Staub der heißen Schlacht am Berliner ›Zauberberg‹ verkrustet."

Trotz der Niederlage in der heutigen Bundeshauptstadt ging die Reise für den VfB Friedberg damals weiter. Als Hessenmeister und Süddeutscher Amateurmeister hatte man sich nicht nur für die Teilnahme an den Deutschen Amateurmeisterschaften qualifiziert, sondern durfte in der kommenden Saison sogar in der Südstaffel der 2. Oberliga starten. Das Abenteuer in der vor 1963 zweithöchsten deutschen Spielklasse war nach einem Jahr zwar wieder beendet. Was bleibt, ist aber die herzerwärmende Erinnerung an eine Mannschaft, die mit "Hennes" Thaler und Co. ausschließlich aus Friedberger Eigengewächsen und Akteuren der näheren Umgebung bestand.

In ihrem Artikel vom 3. Juni verwies die WZ übrigens auf die außerordentliche Generalversammlung des Vereins, die noch an diesem Tag ganz offiziell Grünes Licht für den Aufstieg in die 2. Oberliga signalisieren sollte. Der Klub bat damals "in Anbetracht der Wichtigkeit der Entscheidung" um den Besuch der kompletten Mitgliederschaft. Eine Bitte, die man heute ins Reich der Utopie verweisen würde.

VfB Friedberg: Otto "Vadder" Kunz (Tormann) - Heiner Müller (rechter Verteidiger), Horst Bischoff (linker Verteidiger) - Helmut Lang (rechter Läufer), Willi Kirmse (Mittelläufer), Georg Thiel (linker Läufer) - Hans "Hennes" Thaler (Rechtsaußen), Willi "Pöschel" Krug (Halbrechter), "Bubi" Gonther (Mittelstürmer), Fritz Roßbach (Halblinker), "Alla" Böcher (Linksaußen). / Trainer: Willi Seckinger.

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