1. Wetterauer Zeitung
  2. Sport
  3. Lokalsport

»Final-Teilnahme reicht uns nicht«

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

1997/98, 1998/99 und 2012/13. Während dieser drei Spielzeiten hat Frank Carnevale Eishockey in Bad Nauheim geprägt – und dreimal haben sich die Roten Teufel für das Finale qualifiziert.

Beim ersten Engagement in der Wetterau hatte der Italo-Kanadier die Mannschaft quasi als Feuerwehrmann auf Rang neun übernommen, in die eingleisige 1. Liga und in die Playoffs gebracht und nach Siegen gegen Essen und Iserlohn schließlich in das Finale geführt (0:2 gegen Neuwied). Im folgenden Winter lieferten sich die Hessen ein begeisterndes Kopf-an-Kopf-Rennen mit den Moskitos Essen (16 Punkte Vorsprung auf den Rang-Dritten), verlor Carnevale aber im Machtkampf mit Jörg Hiemer, der ihm als Manager vorgesetzt worden war. Im fünften Finale der 2. Bundesliga musste sich das von Carnevale zusammengestellte Team unter der Leitung von Miroslav Berek letztlich den Moskitos nach Penaltyschießen geschlagen geben. Im vergangenen Frühjahr nun erinnerte man sich in Bad Nauheim wieder an den impulsiven Coach, der nach seinem Abschied aus der Wetterau den Nachwuchs in Nordamerika weitergebildet hatte. Mit seiner direkten Ansprache, mit seiner Besessenheit, seiner Gier nach Titeln und seinen Emotionen sollte Carnevale als Nachfolger von Fred Carroll, der in vier Anläufen in Richtung der 2. Bundesliga gescheitert war, neue Akzente setzen. Und wieder steht Bad Nauheim im Finale.

Morgen bestreiten die Roten Teufel in Kassel Spiel I (19.30 Uhr), am Sonntag (18.30 Uhr) kommt es in der Wetterau zum Rückspiel in der Best-of-Five-Serie. WZ-Sportredakteur Michael Nickolaus hat mit Frank Carnevale vor dem Playoff-Finale über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gesprochen.

Frank Carnevale: »Eines vorweg. Wir wollen heute über den Sport reden. Nicht über die Zukunft. Mehr als eine Frage dazu werde ich nicht beantworten.«

Okay. Aber blicken wir doch erstmal zurück. Sie hatten mit den Roten Teufeln bereits 1998 das Finale gegen Neuwied erreicht, nachdem Sie die Mannschaft während der Saison übernommen hatten. Jetzt haben Sie Bad Nauheim erneut in das Endspiel geführt. Sehen Sie Parallelen?

Carnevale: »Die Ausgangssituation damals war eine ganz andere als heute. Ich kam erst während der Saison hinzu, und im Grunde blieb nur sehr wenig Zeit, etwas zu verändern. In der Kabine gab es Grüppchenbildungen, und dennoch: Wir mussten – meine ich – sieben von acht Spielen gewinnen, um uns überhaupt für die eingleisige Liga zu qualifizieren.

Das haben wir geschafft. Nächster Schritt war das Erreichen der Playoffs. Später hatten wir das Momentum auf unserer Seite, konnten die Großen aus Iserlohn und Essen bezwingen. Ich habe nur die letzten vier Monate der Saison hier gearbeitet. Aber: Das war eine sehr intensive und emotionale Zeit. Wir standen quasi von Anfang an unter Druck.«

Was hat sich im Laufe der Jahre verändert? Was ist gleich geblieben?

Carnevale: »Der wesentliche Unterschied ist sicherlich die Seifenoper, die sich seit Monaten rund um die Mannschaft abspielt. Ich habe das Gefühl, hier gibt’s drei Gruppen; wir als Team, da die GmbH um Wolfgang Kurz, und dort die neue Gruppe. Die Spieler tun das Beste, um sich davon nicht beeinflussen zu lassen. Damals wussten wir, dass wir das Geld aus den Playoffs quasi als Übertrag für die neue Saison nutzen und investieren können, um die Qualität im Kader zu erhöhen, wie wir das beispielsweise mit Marc West und Dino Felicetti getan haben. Die neue GmbH fängt nun hingegen bei Null an, muss vielmehr erstmal Geld aufbringen, um die Saison anzuschieben. Dadurch steht vielleicht nur ein kleineres Budget zur Verfügung.«

Im Endspiel gegen Neuwied waren die Roten Teufel Außenseiter. Diese Rolle hat Ihr Team nun auch gegen Kassel.

Carnevale: »Der Tod von Marc Teevens während der Halbfinal-Serie hat uns Energien und Emotionen gekostet. Noch nicht während der Serie, allerdings während der mehrtägigen Pause vorm Finale, als uns die Situation erst so richtig bewusst geworden ist. Mit Blick auf das Spiel gegen Kassel weiß ich, dass wir von Beginn an mit Leidenschaft und Konzentration im Spiel sein müssen. Und das werden wir. Kassel ist vielleicht müde von der Serie gegen Frankfurt, dafür wird dort an einem Strang gezogen.«

Im Halbfinale wurde Ihre Mannschaft nach dem Heimspiel am Freitag gegen den VER Selb mit Pfiffen verabschiedet, wirkte unkonzentriert.

Carnevale: »Auch wenn einige Zuschauer nicht mehr an uns geglaubt haben, gepfiffen haben und abgesprungen sind: Unser Zug rollt nach wie vor.«

Die Roten Teufel haben nicht eines der bisherigen vier Spiele gegen die Huskies gewinnen können. Zuletzt gab’s zwei deutliche Niederlagen.

Carnevale: »Na und? Wen interessiert das? In der Vorrunde haben wir in beiden Partien geführt, hatten mehr vom Spiel und hätten gewinnen können. Beim 1:5 in Kassel mussten wir Mitte der Partie beim Stand von 1:2 unseren Torwart ersetzen, und auch beim 1:8 hat Thomas Ower nicht gespielt. Kassel musste gewinnen, um im Zweikampf mit Frankfurt Platz eins erreichen zu können, für uns ging es um nichts. Wir lagen nach zwei Minuten 0:2 zurück. Da trafen 110 Prozent Huskies auf 70 Prozent Teufel. Dieses Spiel zählt nicht. Mit unserem Nummer-eins-Torwart haben wir nach 60 Minuten zweimal ein Remis erreicht und lagen bis zu seiner Auswechslung in Spiel drei mit nur einem Tor zurück. Die letzten Spiele, im Grunde die letzten fünf Wochen der Zwischenrunde, waren schrecklich, ohne Druck. Wir mussten nur irgendwie durchkommen. Ich denke, das hat uns mental gut getan. Kassel hatte hingegen permanenten Druck durch den Kampf um Rang eins.«

Was zeichnet Kassel aus? Wo sehen Sie Schwachstellen?

Carnevale: »Unsere Spielweise hat Kassel in die Karten gespielt. Wir haben uns mit Forechecking aufgerieben, Kassel hat recht passiv gestanden und gut gekontert. Angesichts der sportlichen Ausgangsposition haben wir das einfach laufen lassen, zumal wir in beiden Partien einige Spieler zu ersetzen hatten. Jetzt können und werden wir reagieren, haben ab dem zweiten Spiel unseren Kader hoffentlich nahezu komplett. Kassel hat Routine im Team, mehr potenzielle Scorer in seinen Reihen. Das macht die Mannschaft in der Verlängerung und im Spiel vier gegen vier so gefährlich.«

Kassel hat nur ein einziges Heimspiel in dieser Saison verloren.

Carnevale: »Heim oder auswärts - das hat nun keine Bedeutung. Fest steht, um den Titel zu holen, müssen wir einmal dort gewinnen. Entscheidend ist, den Schlüssel zum ersten Sieg zu finden. Das eröffnet uns die Chance auf weitere Erfolge. Auch Kassel hat Schwächen. Wir kennen deren angeschlagene Spieler, und sie kennen auch unsere. Wir werden ihnen nach gehen, keine Ruhe geben, immer präsent sein - mit fairen Mitteln. Sie erwarten einen aggressiven Auftritt von uns, und den werden sie bekommen. Wir werden Checks zu Ende fahren, um jeden Puck kämpfen.«

Kassel hat zuletzt im Powerplay überzeugt.

Carnevale: Nicht gegen uns. Wir haben die ersten 16 Unterzahl-Situationen dieser Saison gegen Kassel überstanden. Erst dann haben die Huskies ihren ersten Powerplay-Treffer erzielt. Natürlich müssen wir auch während unserer eigenen Überzahl-Möglichkeiten effektiver sein.«

Planen Sie mit Tim May?

Carnevale: »Nur, wenn er zu 100 Prozent helfen kann.«

Wie bewerten Sie die Saison rückblickend?

Carnevale: »Ich liebe die Mannschaft und die Einstellung der Spieler vom ersten Tag an. Bis heute kam keiner in meine Kabine und hat über mangelnde Eiszeiten geklagt. Sie wissen, dass ich fair bin, und die Jungs verhalten sich professionell. Der eine oder andere hatte sicher eine schlechte Phase, aber wenn’s darauf ankam, waren alle da. Ein Mathias Baldys beispielsweise verdient größten Respekt, dass er sich jetzt aufopfert, nachdem er den gesamten Winter über von Verletzungen zurückgeworfen worden war. Schon bei meiner Rückkehr habe ich gespürt, welche Bürde und Erwartungen hier auf mir lasten würden.

Wichtig war, den Spielern die Bedeutung unserer Mission zu vermitteln, ihnen klarzumachen, welche Verpflichtung wir gegenüber den Fans haben. Meine Aufgabe war es, zunächst den Jungs den Glauben an die Meisterschaft zu implizieren, dann auch den Zuschauern. Und jetzt stehen wir im Finale. Aber: So sehr ich das Coaching genieße: Der Bullshit drumherum ist das Schlimmste, was ich in meinem 25 Jahren als Trainer erlebt habe. Bei den Telefongesprächen wurde mir versichert, dass das Arbeitsklima in Ordnung sei. Als ich kam, musste ich schnell feststellen, dass dies nicht der Fall ist, dass hinter den Kulissen Kämpfe geführt wurden. Das hat sich erst um die Weihnachtszeit verbessert. Ich hatte mich auch für Bad Nauheim entschieden, weil ich viel Spaß hatte und die Zeit genießen konnte. Das war diesmal nicht der Fall.«

Was nehmen Sie Positives beziehungsweise Negatives mit aus dieser Saison?

Carnevale: »Die Region zeigt Begeisterung für den EC Bad Nauheim. Wer nicht zu den Spielen kommt, der hat das Gefühl, etwas zu verpassen. Wir haben im Vergleich zu meiner Zeit vor 13, 14 Jahren jüngere Fans. Auf dieser Basis, dieser Euphorie, lässt sich aufbauen. Andererseits: Wenn man in Bad Nauheim nicht versteht, dass Profis die Verantwortung übernehmen müssen, die ihren Job verstehen, wird man auch in vielen Jahren das aktuelle Level nicht verlassen können.«

Sie haben die Reihe mit Chris Stanley, Eddy Rinke und Daniel Oppolzer noch vor wenigen Wochen als vielleicht stärkste Formation der Oberliga bezeichnet. Warum tritt dieses Trio aktuell nicht mehr so dominant auf?

Carnevale: »Sie arbeiten momentan nicht mehr so gut und hart zusammen, wie in der ersten Saisonhälfte. Da spielt auch sicher Eigensinn eine Rolle. Andererseits darf man nicht vergessen, dass der Gegner seine beste Reihe dagegenstellt.«

Gegen Selb haben die größeren Kraftreserven den Ausschlag gegeben. Hat die Mannschaft noch Energien im Tank?

Carnevale: »Absolut. Zu 100 Prozent. Und ich will auch nicht hören, dass wir ja nur Außenseiter sind und mit dem Final-Einzug doch zufrieden sein können. Das ist Unsinn. Natürlich ist das ein Erfolg, wenn man die Umstände sieht. Dennoch: Die Final-Teilnahme ist nicht genug. Wir dürfen uns nicht als Außenseiter sehen, sondern müssen die Endspiel-Serie als Chance begreifen. Wir können mit dem Titel und dem Aufstieg ein Teil der Bad Nauheimer Eishockey-Geschichte schreiben. Irgendwann in ferner Zukunft werden in Gesprächen vielleicht mal unsere Namen fallen: Und dann soll man sagen: Weißt du noch? Der war auch dabei; beim Titel 2012/2013. Vielleicht werden wir am Freitag verlieren, vielleicht auch am Sonntag. Aber der Meister braucht drei Siege. Und vorher werden wir nicht aufgeben.«

Sie haben die Mannschaft weitgehend auf Empfehlungen und Videomaterial hin zusammengestellt. Was würden Sie - mit dem Wissen von heute – anders angehen?

Carnevale: »Das Thema Förderlizenzen. Bei der Position des zweiten Torwarts wurde an der falschen Stelle gespart. Zudem hätte ich lieber Jannik Striepeke von Beginn an im Kader gehabt als eine Handvoll Förderlizenzspieler, mit denen ich nicht planen kann. Natürlich hätte ich gerne noch einen Rechtshänder für’s Powerplay im Kader gehabt. Aber einen solchen Spieler hat der Markt für uns nicht hergegeben. Wir sind keine Mannschaft, die auf Grund ihrer Offensive immer ein Tor mehr als der Gegner schießen kann. Aber wir haben eine Reihe, die Tore schießen kann, eine Reihe mit Erfahrung und zwei Blöcke mit Spielern, die sich ihren Einsatz über ihre Leistung im Training verdienen. Natürlich würde ein Spieler mit Scoring-Qualitäten unseren Kader sehr gut ergänzen; aber auch nur einer. Wenn man zu viele solcher Spieler hat, kann das nach hinten losgehen. Jeder schaut nur auf seine Statistik, benimmt sich wie eine Primadonna. Wir haben vielleicht nicht das meiste Talent in der Oberliga, aber die größte Aggressivität. Zudem haben wir erst spät mit den Planungen angefangen. Andere hatten ihre zentralen Spieler schon unter Vertrag, wir mussten schauen, wer überhaupt noch zu haben ist.

Im Sommer hatten Frankfurt und Kassel wenig Interesse an diesen Jungs, jetzt unterbreiten genau diese Klubs meinen Spielern Angebote.«

Die Roten Teufel haben das Finale erreicht. Wird dies in der Kabine schon als gefühlter Aufstieg interpretiert?

Carnevale: Die Verbände haben es geschafft, eine derartige Verwirrung zu stiften, dass wir überhaupt nicht wissen, was wir fühlen sollen. Vielleicht sind wir schon aufgestiegen, vielleicht werden wir Meister und steigen dennoch nicht auf. Ich denke, die Funktionäre werden allesamt ihre Gründe haben, ihren Standpunkt so zu verteidigen, wie sie es tun. Aber das schadet dem Sport. Egal, wie’s kommt: Wir wollen Meister werden. Jeder will als Sieger vom Eis gehen, jeder will Titel, denn solche Spieler sind es, die Angebote bekommen werden. Jeder Klub will Siegertypen in seiner Mannschaft haben. Ob die Zukunft in Bad Nauheim liegt oder bei einem anderen Klub.«

Mit Eddy Rinke und Chris Stanley sollen zwei Spieler aus der Top-Reihe bei anderen Klubs unterschrieben haben. Inwiefern sorgt dies für Verunsicherung?

Carnevale: »Mein Job als Trainer ist es, Spieler in ihrer Entwicklung zu fördern. Ich habe mit Eddy Rinke lange über das Für und Wider eines Wechsels in die DEL gesprochen. Er hat sich für diesen Weg entschieden, und zu diesem Zeitpunkt hatten wir aufgrund der ungeklärten Verhältnisse im Umfeld auch keine Chance, ihn mit einem besser dotierten oder langfristigen Vertrag in Bad Nauheim zu halten. Chris Stanley zählt zu den Top-Scorern der Liga. Er hat alle Zeit zu warten, bevor er eine Entscheidung trifft. Chris hatte vor einigen Wochen mehrfach nach einem Angebot für die nächste Saison gefragt. Ich konnte ihm nichts anbieten. Wenn er seine Entscheidung getroffen hat, dann sicher im Sinne seiner Familie. Die Situation ist nunmal, wie sie ist. Auf eine solche Art und Weise sollte ein Team seinen Kapitän allerdings nicht verlieren. Ich hätte zudem auch mehr Respekt von den Löwen Frankfurt erwartet. Aber: Chris Stanley hat in dieser Saison schon mit einem gebrochenen Finger und anderen Verletzungen gespielt und maßgeblich dazu beitragen, dass wir dort stehen, wo wir jetzt sind – im Finale.

Er ist Profi, und er will gewinnen.«

Kommen wir zurück zum Ausgangspunkt. Sie haben einen Vertrag mit der Spielbetriebs GmbH von Wolfgang Kurz unterschrieben. Werden Sie in Bad Nauheim bleiben?

Carnevale: »Im Moment ist alles offen. Vor zehn Wochen ist man an mich heran getreten, wollte wissen, ob ich in Bad Nauheim bleiben möchte. Wir haben uns getroffen. Seitdem habe ich nichts mehr gehört. Ich bin sicher, es wird seine Gründe haben, warum das so geheimnisvoll gehandhabt wird.«

Es heißt, Sie hätten Unruhe in der Kabine vermeiden wollen. Deshalb seien die Gespräche auch bislang nicht weitergeführt worden.

Carnevale: »Ich hatte gesagt: Wenn ihr mit mir weiterarbeiten wollt, lasst uns das per Handschlag besiegeln, sodass ich im Hintergrund am Kader für die neue Saison arbeiten kann. Das ist nicht passiert.«

*

AUSVERKAUFT! Wie die Spielbetriebs GmbH am Mittwochabend mitgeteilt hat, sind die 4300 Karten für das Heimspiel am Sonntag bereits vergriffen.

Auch interessant

Kommentare