Geschafft: Nach dem 15:13-Erfolg über Borussia Fulda dreht die Mannschaft des TSV Butzbach in Rüsselsheim eine Ehrenrunde - vorneweg mit dem Meisterteller läuft Kapitän Peter Knorr (r.).
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Geschafft: Nach dem 15:13-Erfolg über Borussia Fulda dreht die Mannschaft des TSV Butzbach in Rüsselsheim eine Ehrenrunde - vorneweg mit dem Meisterteller läuft Kapitän Peter Knorr (r.).

Historischer Erfolg

Ein (fast) normaler Wintertag: Als der TSV Butzbach in die Handball-Bundesliga aufstieg

  • vonPeter Hett
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Eine Handballmannschaft aus der Wetterau in der Bundesliga. Das wurde im Februar 1973 Wirklichkeit. Damals schaffte der TSV Butzbach gegen die Vorhersage seines Spielertrainers eine Sensation.

Sonntag, 11. Februar 1973: ein Tag mit typischem Winterwetter - wolkig mit vereinzelten Schneeregenschauern. Nichts Ungewöhnliches. Und doch hat dieses Datum für den Wetterauer Handball Legendenstatus erreicht.

In der Rüsselsheimer Walter-Köbel-Halle holen sich die Handballer des TSV Butzbach am frühen Nachmittag mit einem 15:13-Erfolg im Entscheidungsspiel gegen Borussia Fulda die Meisterschaft in der Regionalliga Südwest und steigen damit in die Südgruppe der zur dieser Zeit noch zweigeteilten Bundesliga auf. Damit erreicht ein Erfolgsweg, der Jahre zuvor in der Bezirksklasse begann, seinen Höhepunkt.

In der Mannschaft des Aufsteigers gibt es mit Spielertrainer Toni Turkaly nur einen einzigen Star, dafür aber jede Menge Handballer aus der heimischen Region. Rolf Grotegut, Günter Bormann und Peter Knorr sind TSV-Eigengewächse. Von Nachbarvereinen kommen mit Helmut Schwarz (Friedberg), Günter Werner (Kirch-Göns), Hans-Joachim Röhrig (Kleenheim), Alfred Walter (Ober-Mörlen), Klaus Meineke (Griedel), Günter Timmermann (Hüttenberg) und Rolf Allendörfer (Lützellinden) sieben weitere Spieler.

Die Butzbacher Meistermannschaft: (hinten, v. l.) Zdenko Kovac, Hans-Joachim "Yogi" Röhrig, Günter Werner, Helmut "Boogie" Schwarz, Günter Timmermann, Klaus Meineke, Alfred "Ali" Walter, Spielertrainer Toni Turkaly, (vorne, v. l.) Klaus Karg, Rolf Grotegut, Günter Bormann, Peter Knorr, Rolf Allendörfer.

Einer davon war Peter Knorr. Er hatte in Butzbach sämtliche Jugendmannschaften durchlaufen und war den gesamten Erfolgsweg des TSV mitgegangen. In seiner Funktion als Mannschaftskapitän stand er zur Zeit des größten Erfolges Trainer Turkaly am nächsten. "Es war nicht immer einfach, mit seiner extremen Mentalität und der für Sportler aus dem Balkan eigenen Einstellung klarzukommen", lässt er heute wissen. "Das zuvor von anderen Trainern praktizierte Mitspracherecht gab es bei ihm nicht. Einwände von Spielern parierte er, indem er meinte, er brauche Disziplin und keine Philosophen."

Doppelte Aufstiegsfreude für Peter Knorr

Dass die Butzbacher Zeit für ihn dennoch einen besonderen Stellenwert hat, ist selbstredend. "Es hat mich geprägt. Du hast Disziplin gelernt, du hast Ehrgeiz gelernt, gelernt, dir Ziele zu stecken, und alles dafür zu tun, sie auch zu erreichen. Und erreichte Ziele mit einer Mannschaft zu feiern, ist etwas Besonderes", sagt Knorr.

An diesem 11. Februar gelang Peter Knorr übrigens noch etwas Besonderes: Unmittelbar nach der Ehrenrunde in Rüsselsheim fuhr er nach Friedberg. Dort spielte der TSV Münzenberg, den er trainierte. Als er eintraf, lag seine Mannschaft im entscheidenden Spiel um die Meisterschaft in der Kreisklasse gegen die gastgebende TG zur Halbzeit hinten. Als Knorr das Coaching übernahm, wurde das Spiel gedreht und am Ende mit 16:12 gewonnen: Er hatte somit einen zweiten Titel und Aufstieg errungen.

Die Bundesliga selbst hat er dann als Spieler nicht mehr erlebt. Der spätere Lehrer an der Nieder-Mörler Frauenwaldschule wechselte als Spielertrainer ganz nach Münzenberg, wo er auch seit 1973 mit seiner Frau Brita lebt, und führte den TSV bis in die Regionalliga, damals die zweithöchste deutsche Spielklasse. Als weitere Stationen kamen später Holzheim, Großen-Linden und Nieder-Mörlen hinzu. Heute verfolgt der Pensionär den Handballsport vor allem im Fernsehen und besucht Heimspiele der HSG Wettertal, sofern sie in Münzenberg stattfinden.

Der Handballsport bescherte ihm nicht nur viele Erfolge, sondern auch lebenslange Freundschaften. Neben der mit Rolf Grotegut vor allem die zu seinem Lehrerkollegen Helmut Schwarz. "Boogie" - wie Knorr Handballer und Lehrer - war als Sportler ein Multitalent. Lange Jahre spielte er neben dem Handball parallel auch Fußball - unter anderem etliche Jahre in Ober-Erlenbach. Im Handballsport war er 50 Jahre lang seiner TG Friedberg in vielfacher Hinsicht verbunden, auch wenn seine handballerischen Fähigkeiten ihn für einige Jahre nach Butzbach und nicht zuletzt durch die Freundschaft mit Knorr, nach Münzenberg führten. Bei beiden Vereinen war er maßgeblich an deren sportlichen Höhenflügen beteiligt. "Er war eine unheimliche Stimmungskanone, beim Feiern immer vorne dabei und konnte mit seiner tollen Art die Leute mitziehen. Beim Handball war er in der Mannschaft der Turm in der Schlacht, hat hinten die Deckung zusammengehalten und die Jungs dahin geschoben, wo sie hin mussten. Er in der Deckung in der Mitte - da war dann zu", beschreibt Knorr seinen Freund. Als Lehrer hatte Schwarz bis zu seiner Pensionierung an der Fried-berger Adolf-Reichwein-Schule unterrichtet. "Das Leben ist Freundschaft, pflege sie", war seine Botschaft, die er hinterlassen hat. Im August 2012 ist er gestorben.

Doch zurück zum eigentlichen Spiel: Borussia Fulda galt gespickt mit Nationalspielern als großer Favorit und wollte im zweiten Anlauf endlich in die Bundesliga. 2500 Zuschauer erlebten eine hart umkämpfte Partie. Die Butz- bacher Mannschaft wurde von über 1000 Schlachtenbummlern unterstützt, die mit Bussen und Pkw aus der ganzen Wetterau angereist waren. Beim 10:10 wurden die Seiten gewechselt und nachdem Turkaly durch einem Schlagwurf das 11:10 erzielte, gab der TSV bis zum Abpfiff die Führung nicht mehr aus der Hand - musste aber mächtig zittern, bis der Sieg unter Dach und Fach war. Unter anderem gab es eine doppelte Unterzahl zu überstehen. Nachdem Fulda auf 13:14 verkürzt hatte, erzielte "Boogie" Schwarz das erlösende 15:13 mit einem Heber von Rechtsaußen.

Entscheidende Faktoren für den Sieg waren der größere mannschaftliche Zusammenhalt und die bessere Abwehr mit einem starken Zdenko Kovac im Tor. Mit einer variablen 5:1- und 4:2-Abwehr wurde dem Fuldaer Angriff der Zahn gezogen. Spielertrainer Dumitru wurde neutralisiert und der aus Vonhausen stammende Rodney "Rudi" Lechleidner schoss bei zehn "Fahrkarten" nur ein Tor. Turkaly hatte seine Mannschaft mit harter Hand fit gemacht, gestand jedoch nach dem Spiel, dass seine Rechnung eigentlich nicht aufgegangen sei. "Ich habe an einen Fuldaer Sieg geglaubt und nicht mit einer derartigen Leistung meiner Mannschaft gerechnet", bekannte er damals.

Unter den Zuschauern befand sich übrigens auch Trainerlegende Vlado Stenzel, der Jugoslawien zum Olympiasieg und Deutschland zur Weltmeisterschaft führen sollte. Er bescheinigte beiden Teams großen kämpferischen Einsatz und sah in den Butzbachern Röhrig und Kovac die Schlüsselspieler. Am Abend wurde die siegreiche Mannschaft auf dem überfüllten Butzbacher Marktplatz empfangen und ließ sich in einer kurzfristig improvisierten Feier unter ohrenbetäubendem Lärm - und mit allem, was sonst noch dazugehört - feiern.

Der Erfolg war übrigens nur von kurzer Dauer. Nach dem souveränen Klassenerhalt in der ersten Saison ging Trainer Turkaly - und nach und nach auch weitere Aufstiegshelden. Es war der Anfang vom Ende: kurz darauf spaltete sich der TSV Butzbach-Degerfeld ab, Butzbach rutschte ab. 2001 kam der Absturz in die B-Klasse, der Klub ging in der Folge in der HSG Kirch-/Pohl-Göns/Butzbach auf, ab der neuen Saison in der HSG Butzbach.

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