Lars Osadnik Trainer SV Echzell
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Lars Osadnik Trainer SV Echzell

Umfrage

Löw hat fast alle Sympathien verspielt

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Die Enttäuschung ist riesig, die Identifikation gering. Viele bringen die Krise der deutschen Nationalelf direkt mit dem Bundestrainer in Verbindung. Wir haben bei den heimischen Fußballern nachgefragt.

Die höchste Niederlage seit 1931 setzte es am Dienstagabend für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in Spanien. In Deutschland staut sich der Frust auf, der Frust über eine Landesauswahl, die uns schon oft so viel Spaß bereitet hat, die aber nun so gar keine Freude mehr versprühen will. Die schlechten Gefühle entladen sich in einer erstaunlich zielgerichteten Antipathie gegen den Bundestrainer. Doch was genau macht Löw falsch? Warum hat er nach 14 Jahren kaum noch eine Lobby unter den Fans? Oder hat der Tiefflug der DFB-Elf andere Gründe? Wir haben mit heimischen Kickern und Trainern gesprochen. Keiner von ihnen hat übrigens das Testspiel am vergangenen Mittwoch gegen Tschechien gesehen.

Bo Lockl(Spieler beim SSV Heilsberg): "Nach 14 Jahren ist es genug. Ich hätte nichts dagegen, wenn Herr Löw so schnell wie möglich aufhört. Sein Spielstil gefällt mir nicht. Das ist alles zu abwartend. Er will hinten stabil stehen. Aber selbst mit der Fünfer-Kette gegen die Ukraine am Wochenende hat es nicht richtig funktioniert.

Ich finde es bemerkenswert, dass viele Spieler im Verein richtig aufgehen wie zum Beispiel Leroy Sané, beim DFB aber diese Leistung nicht abrufen können. Vielleicht werden sie zum Teil auch auf der falschen Position eingesetzt.

Mein Traum-Kandidat für den Trainerposten im Nationalteam war schon immer Jürgen Klopp. Bei dem sehe ich das Feuer in den Augen. Löw kommt mir immer mehr vor wie eine Schlaftablette.

Im WM-Finale 2014 hat er mit Götze und Schürrle immerhin die beiden Spieler eingewechselt, die uns als Vorlagengeber und Torschütze zum Titel geschossen haben. Da hatte er mal ein glückliches Händchen. Aber ein Jokertor ist auch nicht immer dem taktischen Feingefühl des Trainers geschuldet."

Lars Osadnik(Trainer beim SV Echzell): "Natürlich hat Joachim Löw große Verdienste um den deutschen Fußball. Er ist bei Welt- oder Europameisterschaften - bis auf 2018 - immer mindestens ins Halbfinale gekommen. Und das Jahr 2020 ist auch eine besondere Situation - gerade für die Nationalelf. Die Bayern-Akteure haben eine Vielzahl von Spielen in den Knochen.

Dennoch: Ich kann unseren Bundestrainer mittlerweile nicht mehr hören. Sein Auftreten, das ist immer dieselbe Leier. Er gesteht kaum mal einen Fehler ein. Und derzeit macht er fast alles falsch. Keiner kann erkennen, was wir in der Defensive spielen. Formationen, Taktik und Spieler wechseln laufend.

Ich halte Ralf Rangnick für einen Trainer, der attraktiven Fußball spielen lässt, der mit den Jungen kann und einen Kader zusammenstellen kann. Er könnte eine Lösung sein."

Tim Stöhr(Spieler beim TSV Burg-/Nieder-Gemünden): "Im Frühjahr 2019 für Boateng, Hummels und Müller die Türen so zu schließen, war ein großer Fehler von Löw. Als Dortmund-Fan würde ich vor allem Mats Hummels wieder gerne in der Nationalelf sehen. Man sieht nicht nur gegen Spanien, sondern auch in den letzten Spielen, dass es hier und da an Führungsspielern mangelt. Natürlich hat die DFB-Elf auch dadurch an Stellenwert verloren. Ich habe letzten Mittwoch nicht das Testspiel gegen die Tschechen gesehen. Da bin ich ganz ehrlich.

Mit einem neuen Trainer wird es schwierig. Die großen Namen sind alle nicht zu haben, sei es Klopp, Tuchel oder auch Nagelsmann. Insofern glaube ich nicht, dass sich in absehbarer Zeit ein anderer Coach findet."

Patrick Loeper(Trainer beim Kurdischen FC Gießen): "Grundsätzlich war Löw ja recht erfolgreich in seiner Amtszeit. Er war auch immer clever genug, um Systeme aus den Vereinen zu übernehmen, zum Beispiel durch eine starke Bayern-Achse. Aber er kann sich nicht den Entwicklungen anpassen und ist nie richtig weggekommen vom Ballbesitz-orientierten Fußball. Aber darauf können sich selbst schwache Gegner einstellen. Im zentralen Mittelfeld hat uns Kimmich gegen Spanien brutal gefehlt. Selbst Kroos/Özil habe ich zumindest gegen den Ball damals immer als Katastrophen-Duo erlebt. Offensiv fehlt einer wie Thomas Müller, der diesen Spielstil des hohen Anlaufens perfekt verkörpert, indem er die Leute dirigiert. Mit ihm könnte die Nationalmannschaft auch in die Nähe des Niveaus eines Bayern-Pressings kommen.

Ich möchte auch nicht die Ausrede gelten lassen, dass wir im Umbruch sind und Viel-Spieler immer noch schonen müssen. Eine gewisse Aggressivität kann ich doch auch von den weniger Erfahrenen erwarten.

Als möglichen Nachfolger von Löw hat ein Ralf Rangnick meines Erachtens durchaus das Potenzial, diesen Job zu machen. Er wäre zumindest einer der bekannteren Namen und ist sofort zu haben."

FOTOS: DPA / TIX / NIC

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