Gute Übung im Stand - Vorder-/Hinterrad versetzen.
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Gute Übung im Stand - Vorder-/Hinterrad versetzen.

Radsport

Fahrrad fahren will gelernt sein

  • Ronny Herteux
    vonRonny Herteux
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Die Straßen sind voll mit Radlern. Eine Folge der Coronavirus-Pandemie ist das gesteigerte Interesse an den "Drahteseln". Allerdings ist auch Unsicherheit im Spiel. Denn Fahrrad fahren will gelernt sein.

Von den täglichen Gefahren im allgemeinen Straßenverkehr einmal abgesehen, entwickelt sich auch auf den Fahrradwegen immer häufiger Gefahrenpotenzial. Wie oft sind einem schon in den Kurven unsichere Fahrer und Fahrerinnen entgegengekommen? Wie oft werden die Kurven geschnitten, das Tempo viel zu hoch gewählt und auch falsch gebremst? Woran liegt dies?

Natürlich an mangelnder Fahrpraxis, an maroden Untersätzen. Aber auch die neuen Bikes bereiten mehr und mehr Probleme: Das Tempo mit dem E-Bike wird oft nicht den örtlichen Gegebenheiten und dem eigenen Fahrkönnen angepasst. Wir haben bei Noah Jung nachgefragt, wie er sein Training gestaltet, und ihn um Tipps für Anfänger und Hobbyfahrer (siehe auch unten) gebeten.

Noah Jung ist 19 Jahre jung - trotzdem schon seit elf Jahren und damit länger als sein halbes Leben lang als Mountainbiker aktiv. Sein Hauptaugenmerk gilt den kürzeren Cross-country-Rennen und den Marathons, wobei er für das heimische Team delta-bike.de unterwegs ist. Wenngleich die Corona-Pandemie auch bei den Radsportlern das Wettbewerbsgeschehen praktisch zum Erliegen gebracht hat, durfte Jung in diesem Sommer einen feinen Erfolg verbuchen: "Ich habe meine Ausbildung zum Mechatroniker bei der Schunk Group in Heuchelheim abgeschlossen und werde weiterhin dort beruflich tätig sein." Dieser Werdegang ist also vorgezeichnet, sportlich bleibt allerdings vieles unklar.

Während "Otto Normalverbraucher" in den kalten Wintermonaten Training beziehungsweise Ausfahrten eher meidet und das Fahrrad im Keller nach und nach verstaubt, beginnt für Jung eine ungemein wichtige Phase - der Grundlagenaufbau, ohne den im Sommer nichts zu gewinnen ist. All jenen, die ihr Engagement ausweiten wollen, denen sei geraten, auch im Winter am Ball zu bleiben bzw. auf dem Bike.

Wie schaut dies bei einem Mountainbiker aus, der um die deutsche Meisterschaft fährt? "Im Winter weicht mein Training stark von dem während der Saison ab. Die Trainingsintensität ist sehr niedrig, dafür mein Trainingsumfang sehr hoch", weiß der 19-Jährige, dass nun die Grundlagen gelegt werden müssen. Doch nicht nur. "Nebenbei setze ich durch andere Sportarten noch verschiedene Reize für die Muskulatur", denn Fahrrad fahren besteht nicht nur daraus, trainierte Beine zu haben. Besonders der Rumpfstabilität kommt große Bedeutung zu, sollen längere Ausfahrten relativ schmerzfrei absolviert werden." Und das gilt auch für Anfänger und Hobbyfahrer: Stärkung des Skelettapparats durch Gymnastik und Dehmen.

Spätestens mit Beginn der Umstellung auf die Sommerzeit "drehe ich dann langsam alles um: mehr Intensität und weniger Umfang." Was für Jung auf hoher Leistungsebene zählt, lässt sich relativ einfach in den Hobbybereich runterbrechen. Gleichgesinnte lassen sich übrigens am besten in den heimischen Radsportvereinen finden, bei denen oft auch regelmäßige Gruppenausfahrten angeboten werden.

Den Mountainbiker vom Team delta-bike.de führen seine Trainingsaufahrten derweil durch ganz Mittelhessen und reichen bis an die Bundesländergrenze heran, die meisten Kilometer spult er allerdings "im Umkreis meines Hausberges, dem Dünsberg" ab.

Natürlich hat die Corona-Pandemie und die damit einhergehenden Bestimmungen alles auf den Kopf gestellt und alle Planungen ad absurdum geführt. Denn sportliche Wettkämpfe sind seit Monaten quasi ersatzlos gestrichen, während der Hobbyfahrer in punkto Trainingsperiodisierung auch in den Hochzeiten der Restriktionen seinen Sport allein oder zu zweit ausüben konnte.

Der Leistungssportler Jung stand und steht vor "schwierigen Aufgaben. Die Ungewissheit, wann wieder Rennen stattfinden können, und wann es Sinn macht, wieder welche zu bestreiten, ist schwierig abzuschätzen", und so hat sich der Delta-Biker zusammen mit seinem "Trainer für einen Mix aus Grundlage und leichten Intensitäten entschieden, bis wir wissen, wo die Reise hingeht. Ob das der richtige Weg ist oder nicht, wird man hoffentlich 2020 noch sehen können."

Bislang hat Jung erst ein Rennen in diesem Jahr bestritten, beim Bulls-Cup in Adenau hatte er mit Rang zwei in der Eliteklasse "einen hoffnungsvollen Saisonauftakt" gefeiert. Doch dann kam Corona. "Jetzt habe ich ein paar kleine Rennen im Fokus und natürlich die DM in Obergesertshausen Ende Oktober." Ob die stattfinden? Abwarten.

Und so werden unfreiwillig schon heute Ziele für 2021 formuliert. "Im vorletzten U23-Jahr will ich vor allem verletzungsfrei bleiben und mein Leistungsvermögen steigern, sodass ich weitere Nominierungen für einige Weltcuprennen bekomme und wieder für Deutschland an den Start gehen darf."

Grundlage:Während dieser Phase unbedingt gediegen und locker fahren. Es sollte darauf verzichtet werden, zu oft zu schnell zu fahren. Auch das Grundtempo, das je nach Fitnesszustand variiert, sollte nicht zu hoch gewählt werden.

Ernährung:Während der Aktivität sollte immer wenigstens ein Riegel mitgeführt werden, um den Speicher schnell wieder füllen zu können. Auch im normalen Alltag sollte auf eine abwechslungsreiche Ernährung geachtet werden, allzu Fettiges und Alkohol im Übermaß sind tabu.

In den Körper hören:Wenn man unterwegs merkt, dass man nicht fit genug für die geplante Trainingseinheit ist, oder wenn während Intervallen die Kraft ausgeht, dann besser das Training abbrechen, locker zu Ende bzw. nach Hause fahren und einen Ruhetag einlegen. Regeneration ist ein nicht zu unterschätzender Teil des gesamten Systems.

Schlechtes Wetter:Gibt es in dieser Form nicht. Auch bei widrigen Bedingungen sollte das Rad benutzt werden, um die Fahrtechnik auf rutschiger Straße oder im Matsch zu verbessern.

Fahrtechnik:Basics lassen sich gut auf befestigten Wegen üben und man kann diese immer weiter steigern. Zum Beispiel auf Schotter-, Bergab- oder Trail-Passagen fahren. Gute Grundübungen wären z. B. der sogenannte Bunnyhop, die Kurventechnik, Bremspunkte vor Kurven richtig wählen, die richtige zentrale Position auf dem Rad finden, das Gesäß hinter den Sattel bringen und mit dem Bauch den Sattel berühren, Vorder-/Hinterrad umsetzen, auf kleinen Baumstämmen balancieren, Palettentraining im Garten - natürlich immer mit Helm (siehe Fotos).

Vieles davon lässt sich zum Beispiel in einem Fahrtraining oder beim Bikefitting (siehe Extraberichte) umsetzen. Auch bei den heimischen Radsportvereinen finden Interessierte kompetente Ansprechpartner.

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