"Euroleague-Spielplan" für die Gießen 46ers

  • Markus Konle
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(kus). Es war das erste, aber sicher nicht das letzte Geisterspiel der Basketball-Bundesliga in der Sporthalle Gießen-Ost. Es fühlte sich komisch an - für all die wenigen, die live dabei sein durften. "Komisch", "skurril", "fremd". In der Bewertung waren sich Spieler oder Verantwortliche einig. Und viele Fans vor dem Fernseher dürften traurig gewesen sein, dass sie das Spiel auf dem Sofa und nicht auf der Tribüne verfolgten. "Wir leben von den Zuschauern in der Halle. Von den Emotionen und allem, was dazugehört. Und das nicht nur sportlich gesehen, sondern auch wirtschaftlich. Die Leute, die uns sponsern, die wollen das ja auch in der Halle zeigen", sagt Trainer Ingo Freyer.

Viele Anhänger stellen sich die Frage: Wie lange können die 46ers mit Geisterspielen wirtschaftlich überleben, wenn die existenziell wichtigen Einnahmen aus Dauerkarten, VIP- oder Tageskarten fehlen? "Eine explizite Aufstellung, nach der wir beispielsweise sagen, nach zehn Heimspielen ohne Zuschauer wird es extrem schwierig, haben wir nicht", sagt Sportdirektor Michael Koch. Die Corona-Hilfen vom Staat für die Ticket-Ausfälle oder ein Darlehen der hessischen WIBank haben die ärgsten Nöte gelindert. "Ich glaube, wenn die Geisterspiele auch im nächsten Jahr monatelang bestehen bleiben sollten, werden Bund und Land die Klubs weiter unterstützen", meint Koch. Die Politik wisse das soziale Umfeld, das der Sport biete, zu schätzen und werde sicher nicht zulassen, dass das komplett wegbricht. Koch sagt: "Diese Saison würden wir notfalls ohne Zuschauer überstehen."

Zumal der Klub die Planungen an die schwierige Gesamtsituation angepasst hat. In der vorherigen Spielzeit wurde der sportliche Bereich sofort nach der Saisonunterbrechung in Kurzarbeit geschickt, eine Gehaltsreduzierung für die Profis gibt es aktuell nicht. Aber die neuen Verträge sind laut Koch niedriger ausgefallen als in Vor-Corona-Zeiten. "Wenn man den Kader der letzten Saison mit dem jetzigen vergleicht, dann glaube ich schon, dass man sehen kann, dass an allen Ecken und Enden gespart wurde", meint Koch. "Wir haben Spieler verpflichtet, die teilweise aus kleineren Ligen gekommen sind. Dann haben wir Spieler verpflichtet, die teilweise angeschlagen waren, wie zum Beispiel Jonathan Stark, der unter normalen Umständen gar nicht nach Gießen gekommen wäre." Aber: Bei allen wirtschaftlichen Zwängen gehe es auch darum, eine schlagkräftige Truppe aufs Parkett zu schicken, um den Klassenerhalt zu schaffen.

Ziel: Klassenerhalt

Dieses Ziel steht bei den 46ers - natürlich - über allem. Und Trainer Freyer hat keine Zweifel, dass es auch in dieser Runde erreicht wird. "Ich habe ein gutes Gefühl. Ich denke, mit den Spielern, die wir haben, sehe ich einige Mannschaften so wie in jedem Jahr hinter uns", sagte er am Samstag nach der 81:106-Niederlage zum Bundesliga-Debüt gegen ratiopharm Ulm. "Unser Job ist es nicht, uns mit Ulm zu vergleichen. Unser Job ist es, in der Liga zu bleiben." Die Partie gegen den eingespielten und top besetzten Tabellenführer nach nur drei Tagen gemeinsamer Vorbereitung kann ohnehin kein Gradmesser sein.

Erste Weichen werden nach der Länderspielpause am Wochenende im Dezember gestellt, wenn für die 46ers - inklusive der wegen ihrer Corona-Zwangspause ausgefallenen Begegnungen gegen den Mitteldeutschen BC und in Hamburg - insgesamt neun Partien in 27 Tagen auf dem Programm stehen, unter anderem mit Heimspielen gegen Aufsteiger Chemnitz und Hessen-Rivale Frankfurt.

"Wir haben einen Euro- league-Spielplan, aber keinen Euroleague-Kader. Das ist die Krux", sagt Koch. "Hätten wir das früher gewusst, hätten wir vielleicht noch einen Spieler mehr geholt. Natürlich ist die Belastung hoch, aber ich denke, dass wir das gut hinbekommen."

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