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Erstliga-Visionen in Usa-Wellenbad

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(hlu) Stephan Schmidt ist einer dieser Energie geladenen Kerle. Groß und drahtig. Man hat den Eindruck, er kann alles essen und nimmt trotzdem nicht zu. Weil er die Energie, die er in sich hinein schaufelt, vor lauter Umtriebigkeit gleich wieder verbraucht. »Langeweile«, sagt Schmidt über sich selbst, »kenne ich nicht.«

Bei einem Jägerschnitzel und Cola spricht der Spielertrainer des Wasserball-Zweitligisten VfB Friedberg über die letzte Saison - und über neue Ziele.

»Ich habe einen Traum«, sagt er und wählt dabei unbewusst die gleichen Worte wie einst der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King. Schmidt spricht vom Traum, »dass der VfB irgendwann mal in der ersten Liga spielt.« Dann nimmt er einen weiteren Bissen von seinem Schnitzel.

Es ist nicht so, dass Schmidt – um im Bild zu bleiben – den Mund zu voll nehmen will. Es ist einfach diese unbändige Energie, die er in die Entwicklung der Friedberger Wasserballer kanalisiert. Das hat in seiner ersten Saison als Spielertrainer schon prima funktioniert und Früchte getragen. Als Tabellensechster hat der VfB die Spielzeit abgeschlossen, mit 22:18 Punkten – die beste Ausbeute der Kreis-städter in der zweiten Liga. Als »ganz ordentlich« bezeichnet Schmidt die Saison in der Rückschau. Es klingt ein bisschen wie Understatement.

Schmidt hat in seinem ersten Jahr als Verantwortlicher am Beckenrand für neuen, frischen Wind gesorgt. Er hat einen Strafenkatalog eingeführt und dadurch mehr Disziplin eingefordert. Vor allem aber hat er die Taktikschulung weiter intensiviert und Spielzüge strukturiert. Da wurde so manches Training auch schon mal auf dem Trockenen abgehalten. »Wir haben zum Beispiel das Anspiel auf den Center an Land besprochen und geübt«, erklärt er: »Dadurch haben die Mitspieler mehr Verständnis für den Center bekommen.« Zurück im Wasser haben sich diese Übungseinheiten ausgezahlt, die Quote an Fehlpässen habe sich deutlich minimiert.

In der Defensive ist Schmidt fast ausschließlich auf eine knallharte und enge Manndeckung umgestiegen. »Dadurch wird der Gegner zu jeder Sekunde unter Druck gesetzt«, erklärt er. Er darf sich bestätigt fühlen durch die Weltmeisterschaften in den vergangenen Wochen in Barcelona. Fast alle führenden Nationen ließen in der Verteidigung »Press« spielen.

Dass Schmidt ein »Taktikfuchs« ist, bewies er auch auf andere, ungewohnte Art. Gegen den späteren Erstliga-Aufsteiger Wasserfreunde Fulda und den Tabellenzweiten SV Würzburg II schöpfte er das Regelwerk aus und baute ein kleineres Feld auf. Er ließ die Länge auf 25 statt der üblichen 30 Meter begrenzen. Die schwimmstarken Gegner hatten mit diesem Schachzug ihre liebe Mühe. Fulda war am Rande der Niederlage, die Würzburger Erstliga-Reserve wurde bezwungen. Es war einer von mehreren Achtungserfolgen, die der VfB in dieser Saison feierte.

Aber Schmidt, der von einem Lungenriss vor etwa drei Jahren inzwischen vollständig genesen ist, ist weit mehr als Spieler und Trainer in Personalunion. Wenn man so will, ist er auch als Manager für den Verein aktiv. Dass Jose Garcia im Vorjahr von Darmstadt nach Friedberg wechselte, ist insbesondere Schmidts Verdienst. Inzwischen hat er sogar Kontakt zu Spielern aus dem Ausland aufgenommen, die Interesse bekundet haben, für Friedberg zu spielen. Eigentlich ist das Ganze noch nicht spruchreif und weit davon entfernt, in trockenen Tüchern zu sein. Aber die ganze Energie lässt die Pläne eben nur so aus Schmidt heraussprudeln.

Neuzugänge ins Visier zu nehmen, ist für Schmidt übrigens kein Misstrauensvotum gegenüber den aktuellen Spielern, sondern eine Notwendigkeit. Er weiß, dass die Mannschaft in den kommenden Jahren eine Blutauffrischung braucht. Olaf Vetter zum Beispiel, Schmidts Vorgänger als Spielertraier, geht auf die Mitte 40 zu und wird wohl höchstens noch ein bis zwei Spielzeiten absolvieren. Auch Centerverteidiger Norbert Duch wird nicht jünger. Neuzugänge sind folglich ein unverzichtbarer Baustein für die Zukunft. Die Verbesserung der Jugendarbeit ist ein anderer. Dazu müsste auch die Zusammenarbeit mit der Schwimm-Abteilung des Vereins verbessert werden.

An einem anderen Rädchen dreht Schmidt – so ganz nebenbei – auch noch. Der »Spielertrainer-Manager« hat begonnen, Sponsoren für die Wasserballer zu gewinnen. Ein paar Werbepartner sind schon zusammen gekommen, weitere sollen folgen. Nicht zuletzt über Facebook rührt der VfB die Werbetrommel. Im Schnitt kamen knapp 100 Zuschauer in der abgelaufenen Saison zu den Heimspielen. Das ist für Wasserball-Verhältnisse eine durchaus achtbare Zahl. In der kommenden Spielzeit, so die Gedankenspiele, sollen möglicherweise VIP-Tickets angeboten werden – ein Wasserballspiel und ein gutes Essen inklusive.

Rekordmeister Wasserfreunde Spandau hat mit solch einer Eventvermarktung gute Erfahrungen gemacht. »Es geht mir darum, die gesamten Strukturen zu professionalisieren«, sagt Schmidt.

Vielleicht spielt der VfB ja selbst irgendwann gegen Spandau und Co. in der ersten Liga. »Das wäre ein Traum«, wiederholt Schmidt, »und wenn ich das möglicherweise auch nicht mehr selbst miterleben kann, dann möchte ich zumindest den Anstoß dazu geben.«

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