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Ernüchterung verdrängt die Euphorie

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(mn) Die Euphorie ist erst einmal verflogen. Die Bilanz von zwei Siegen und zwei Niederlagen sowie das Verhältnis von 60 starken, 30 mäßigen und 150 eher enttäuschenden Minuten an den ersten beiden Wochenenden der Eishockey-Oberliga haben rund ums Colonel-Knight-Stadion für Ernüchterung gesorgt und Fragen aufgeworfen.

Wie ist der in Sachen Engagement und Leidenschaft mitunter schon blamable Auftritt des EC Bad Nauheim vom Freitagabend gegen Hamm (ganz unabhängig vom sportlichen Resultat) zu erklären, nachdem die Mannschaft zuvor in Dortmund rest- und bedingungslos überzeugt hatte? Ist die Drittliga-Konkurrenz doch stärker, als sich die Roten Teufel und ihre Fans angesichts der prominenten Neuzugänge hatten eingestehen wollen? Blockieren die hohe eigene Erwartungshaltung und der Druck aus dem Umfeld das Spiel? Wie ist die große Verunsicherung zu erklären? Wann zündet die Offensive das vielfach prognostizierte Tor-Feuerwerk - gerade im Powerplay? »Wir haben Baustellen - keine Frage. Wir müssen hinterfragen, warum die Mannschaft so gehemmt auftritt, warum das Selbstvertrauen fehlt. Wir dürfen aber nicht nur draufhauen, sondern müssen auch Aufbauarbeit leisten«, sagt Andreas Ortwein, der Geschäftsführer des EC Bad Nauheim, der nach dem 4:2-Erfolg am Sonntag in Essen von einem »Arbeitssieg« sprach, der uns die nächsten Tage »etwas ruhiger« arbeiten lässt.

Fred Carroll, der Trainer, hatte am Freitagabend während der Pressekonferenz die noch immer nicht abgeschlossene Einbürgerung von Lanny Gare als eine zentrale Problematik angeführt. Jeder frage jeden Tag, ob es denn etwas Neues gebe, ob denn der deutsche Pass endlich vorliege. Man trainiere eine gesamte Woche in gewünschten Formationen, müsse diese dann aber regelmäßig umbauen, sagt der Kanadier, der im vierten Spiel am Sonntag seinen Kapitän Lanny Gare aus dem Kader nahm und mit Dylan Stanley/Kevin Lavallee die dritte und damit letzte Option zog. »Die Sache muss vom Tisch, damit endlich Ruhe einkehrt«, sagt Ortwein, wenngleich die Ursachenforschung doch etwas zu einfach erscheint zu einem Zeitpunkt, da die Roten Teufel frei von größeren Verletzungen sind und ansonsten Bestbesetzung aufbieten können.

Nur bedingt als Erklärung tauglich ist das Thema Integration der Neuzugänge: Zwei Verteidiger und vier Stürmer wurden geholt - eine überschaubare Zahl im Vergleich zur Zahl der Neuzugänge der Mit-Favoriten wie Frankfurt (16), Dortmund (15), Duisburg (14) und Kassel (11).

»Ja, einige Spieler bleiben derzeit auch unter ihren Möglichkeiten«, weiß Ortwein, der noch am Freitagabend, nach der von Pfiffen begleiteten Leistung, den Dialog mit einigen Akteuren gesucht hatte und auch im kurzfristig angesetzten Training am Samstag eine Konsternation innerhalb der Mannschaft festgestellt hat. »Natürlich waren wir in beiden Spielen auf dem Papier favorisiert. Aber Spieler und Fans müssen auch mal dem Gegner Respekt entgegenbringen. Jedes Spiel muss erst gespielt werden«, sagt Coach Fred Carroll und verweist auf weitere überraschende Wochenend-Resultate. Seine Forderung: »Mehr Zug zum Tor« und »mehr Kampf in den Ecken, wo man nicht alleine durch seinen Namen einen Zweikampf gewinnt«. Durch fehlende Powerplay-Effizienz lässt er sich nicht irritieren. »Wir kommen gut ins Drittel, lassen die Scheibe laufen. Sorgen hätte ich, wenn wir nicht in die gegnerische Zone kommen würden.« Dem noch unerwartet erfolglosen Überzahlspiel steht ein bislang makelloses Unterzahl-Auftreten gegenüber. In 21 Situationen blieben die Roten Teufel ohne Gegentreffer.

Man müsse die Verunsicherung hinterfragen und Vertrauen einimpfen, sagt Ortwein, denn »die Pfiffe vom Freitag haben bei dem einen oder anderen doch Spuren hinterlassen. Gerade in der Defensive haben wir auch viele junge Spieler. Mit solchen Reaktionen geht jeder anders um.«

In Essen habe man das erste Drittel dominiert, habe aber mit dem ersten Gegenangriff gleich einen Treffer kassiert. »Uns fehlt vorm Tor die letzte Konsequenz, der Biss. Wir versuchen’s mit Schönspielerei und sind nicht zwingend. Auch fehlt das Schussglück, sonst gewinnen wir vielleicht 8:2«, meint Ortwein.

Die drei Punkte in Essen waren der kleinste (Fort)-Schritt, den die Roten Teufel am Sonntag hatten gehen können. Am Westbahnhof hatte Moskitos-Trainer Jan Vondracek binnen weniger Wochen mit bescheidenen Mitteln eine Mannschaft zusammenstellen müssen, die nicht ein einziges Testspiel hatte gewinnen können und obendrein aufgrund zerstörter Ausrüstung mehrere Tage ohne Trainings-, geschweige denn Spielbetrieb leben musste.

»Die Jungs waren unheimlich erleichtert«, konnte Ortwein beim Besuch in der Kabine feststellen und muss hoffen, dass die Mannschaft mit einem überzeugenden Auftritt in Duisburg (dort war man in der Vorbereitung mit 0:7 unterlegen) Werbung in eigener Sache betreibt, um vergraulte Anhänger auch mit Blick auf das Heimspiel am Sonntag gegen Herford ins Stadion zu locken. »Eine Schonzeit - das weiß jeder - haben wir nicht.«

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