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Ein Bild, das in absehbarer Zeit noch nicht wieder zur Normalität gehört: Jugendfußball. FOTO: THOMAS EISENGHUTH/DPA

Coronavirus-Krise

Saisonabbruch als kleinste Sorge - So erlebt der Wetterauer Jugendfußball die Coronavirus-Krise

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Viele Fragen beschäftigen die Jugendleiter der Wetterauer Nachwuchsvereine in dieser Zeit. Was passiert mit der ausgesetzten Runde? Soll man fortsetzen oder abbrechen? Annullieren oder einfrieren? Wie geht man mit dem Thema Auf- und Abstieg um? Ein Stimmungsbild.

Der Wetterauer Fußball-Kreisjugendwart Gerald Hengst hat dieser Tage eine Umfrage zur Ermittlung des Stimmungsbildes an die Vereine gesendet, um ein Meinungsbild zu bekommen, wie die aktuelle Runde beendet werden soll. Ferner ist zu klären, was dies dann für die neue Runde bedeutet, allein schon im Hinblick auf die Mannschaftsmeldungen.

Doch nicht nur dieses Thema hält die Jugendleiter und -trainer auf Trab, es sind auch die Empfehlungen des Hessischen Fußballverbandes zur Wiederaufnahme des Trainingsbetriebs von Ende vergangener Woche. Auch wenn erst ab der U 12 der Trainingsbetrieb mit maximal zehn Nachwuchskickern pro Platzhälfte laufen kann, ist vor allem einiges an logistischem Aufwand zu leisten und Aufklärung bei Eltern und Spielern zu betreiben. Doch auch die Frage, wie sich das "Homeschooling" darauf auswirkt, treibt alle Beteiligten um. Haben die Kinder weitertrainiert oder hat das häusliche Schulprogramm dies verhindert? Oder hat der Nachwuchs sich gar in einen "Chillmodus" mit E-Sports und Netflix verabschiedet? Alles in allem keine leichte Situation für den Jugendfußball.

Hoffnung auf Wertschätzung der Vereinsarbeit

Die Rolle von "Homeschooling":Kai Gerlach, Jugendleiter und Jugendtrainer bei der JSG Melbach/Wölfersheim und von Beruf Lehrer an der Singbergschule in Wölfersheim, bestätigt, dass der Aufwand durch "Homeschooling" für Kinder und Eltern enorm sei. Doch er ist sich sicher, dass "die Eltern nun den wichtigen Stellenwert eines Vereins noch besser zu schätzen wissen. Die Eltern bekommen eine andere Sichtweise auf die Arbeit der Vereine und werden dies entsprechend honorieren. Vereinsarbeit und Ehrenamt sind und bleiben cool", ist seine Meinung. "Wir werden keine Kinder verlieren, die Eltern sind froh, wenn die Kinder wieder rauskommen und ihrem Hobby nachgehen können", ist er sich sicher. Etwas anders stellt sich die Situation bei der JSG Hausberg und der JSG Eintracht Oberhessen dar. Laif Marx, Jugendleiter des SV Steinfurth und Trainer bei der JSG Eintracht Oberhessen als auch Alexander Hammerlindl, Jugendleiter und -trainer beim SV Nieder-Weisel befürchten, das nicht mehr alle Jugendspieler zum Training erscheinen werden. 

Als Gründe nennen sie einerseits die schulischen Anforderungen, andererseits eine gewisse "Chill-Mentalität". "Kinder, die vor Corona regelmäßig am Trainings- und Spielbetrieb teilgenommen haben, werden auch weiterhin kommen. Sorgen mache ich mir um die Spieler, die nicht so regelmäßig am Sportplatz waren. Diese Kinder müssen wir wieder abholen und für unseren Sport neu begeistern. Leider werden uns bis auf Weiteres hierzu wichtige Elemente fehlen, wie etwa gemeinsame Ausflüge oder Fahrten zu Turnieren. Dies hat immer noch einmal für einen gewissen Schub gesorgt und das Gemeinschaftsgefühl gestärkt", sagt Marx. Ähnlich sieht dies auch Hammerlindl: "Es wird schwer, alle Jugendspieler wieder begrüßen zu können. Zwar haben wir unseren Kickern ein paar Hausaufgaben an die Hand gegeben, doch das ist keine Garantie, das diese auch umgesetzt wurden und sie sich auch in der Corona-Zeit mit Fußball beschäftigen. Wir werden aber alles dafür tun, um den Spielern auch zum jetzigen Zeitpunkt ein sportlich vernünftiges und anspruchsvolles Trainingsprogramm anbieten zu können - natürlich im Rahmen der gültigen Vorgaben".

Knappe personelle Ressourcen belasten Wiederaufnahme des Trainings

Trainingsbetrieb:Nachdem am Donnerstagabend seitens des Verbandes die Empfehlungen zur Wiederaufnahme des Trainingsbetriebes bekannt gegeben worden sind, sehen die Vereine weitere Herausforderungen auf sich zukommen. Schließlich will und muss alles zum Schutz und zur Zufriedenheit aller Beteiligten umgesetzt werden. "Allein der Aufwand und die Beschaffung des Desinfektionsmittels - wir benötigen Hände- und Flächendesinfektion - wird ein großes Thema werden. Sowohl dieses zu bekommen, als den Kauf auch finanziell zu stemmen bedarf einiger Anstrengungen", sagt Marx. Die ehrenamtlichen Vorstandsmitglieder und Trainer stehen vor großen organisatorischen Herausforderungen, meint etwa die SG Melbach. Engagierte Trainer und die sehr guten Voraussetzungen in der Gemeinde Wölfersheim stehen knappe personelle Ressourcen gegenüber. "Im Schnitt stehen uns zwei Trainer pro Jugendmannschaft zur Verfügung. Teilweise nur einer für bis zu 20 Spieler. Dass diese unentgeltlich arbeitenden Übungsleiter zukünftig aufgrund der vorgegebenen Betreuungsschlüssel in mehreren Schichten hintereinander Training für Kleingruppen anbieten und zusätzlich noch alle Desinfektionsmaßnahmen sowie administrativen Vorgaben umsetzen, kann niemand verlangen. Hier hoffen wir auf tatkräftige Unterstützung seitens der Elternschaft", sagt Gerlach. In Nieder-Weisel sorgt man sich vor allem um das Fehlen der Wettkampfformate. "Das ist es, was die Kinder mögen - sich freuen, sich ärgern. Diese Emotionen bleiben uns noch eine Weile verwehrt", ist sich Hammerlindl sicher.

Einigkeit beim Thema Rundenabschluss - Uneinigkeit bei der Wertungsfrage

Rundenabschluss:Einigkeit herrscht dagegen beim Thema aktuelle Runde. Immer unter Betrachtung gewisser Härtefälle ist man unisono dafür, die Runde abzubrechen. Doch während es aufseiten der JSG Hausberg keine Auf- und Absteiger geben sollte, plädieren die beiden anderen JSGs für eine andere Regelung. Absteiger sollte es keine geben, Aufstiege dagegen schon. Gerade wenn es um Themen wie Gruppenliga-Aufstieg geht, wünscht man sich hier ein glückliches Händchen seitens der Verantwortlichen. Da es keine Patentlösung geben werde, hoffen hier alle auf faire und nachvollziehbare Entscheidungen. Immerhin ist im Vorfeld das Stimmungsbild abgefragt worden. Und im Ausblick auf die nächste Spielrunde wünscht man sich seitens des Kreisjugendwartes mehr Fingerspitzengefühl bei der Erstellung der Spielrunden und -klassen - gerade im Hinblick auf Mannschafts- und Spielstärken einzelner Ligen und Vereine.

Gesellschaftlicher Auftrag:Alle drei Ehrenamtlichen vertreten die Meinung, dass das soziale und gesellschaftliche Wirken von Vereinen über allem stehen sollte. Nicht Titel allein sind wichtig, sondern die Integration und Förderung junger Spieler soll das Ziel aller Jugendarbeit sein. Daran werde auch Corona nichts ändern, sondern dies im Umkehrschluss sogar noch verstärken. "In erster Linie geht es um die soziale Komponente, die wir unseren Kindern, Jugendlichen und Eltern nach den für uns alle belastenden Einschränkungen der vergangenen Wochen bieten möchten. Die Rückbesinnung auf diesen grundlegenden Wert des Miteinanders kann letztlich auch ein Gewinn sein", fast Gerlach zusammen.

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