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Eishockey-Rivalen im Café

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In Frankfurt, bei den Lions, waren sie einst Mentor und Protegé: Hier Rich Chernomaz, der Meistermacher und WM-Medaillengewinner, und dort Daniel Heinrizi, der wissbegierige Teenager, dessen sportliche Laufbahn durch eine Schulterverletzung beendet worden war.

Am Freitag im Eishockey-Derby begegnen sich Heinrizi und Chernomaz auf Augenhöhe; als Sportliche Leiter der Zweitliga-Mannschaften aus Bad Nauheim und Frankfurt.

Rich Chernomaz kommt am Dienstagnachmittag direkt vom Flughafen. In Ungarn hatte der 51-Jährige die Männer- und die U20-Auswahl während eines Vier-Länder-Turniers betreut. Daniel Heinrizi schwänzt für das Exklusiv-Interview mit den WZ-Redakteuren Michael Nickolaus und Michael Wiener die Videoanalyse vor der abendlichen Trainingseinheit. In einem Bad Homburger Café sprechen Chernomaz, Heinrizi und Löwen-Kommunikationschef Matthias Scholze über Rivalität, standortspezifische Gegebenheiten und die gemeinsame Vergangenheit.

Vor zwei Jahren stand Matthias Scholze in der Pressekonferenz nach dem emotionsgeladenen Derby als Puffer zwischen den Coaches Frank Carnevale und Frank Gentges. Heute sitzen die Sportdirektoren in Harmonie zusammen beim Kaffee? Ist das Derby nicht mehr das, was es einmal war?

Rich Chernomaz: Die Atmosphäre ist heute eine andere. Zwei Jahre sind vergangen. Und für alle drei hessischen Mannschaften ist die aktuelle Konstellation nur von Vorteil. Derbys in der DEL 2 sorgen für gute Stimmung und enge Spiele. Und darauf freuen wir uns.

Können Sie sich erinnern, als Daniel Heinrizi während der DEL-Ära der Löwen mit Ihnen in Kontakt getreten ist?

Chernomaz: Das ist lange, lange her. Da war er vielleicht zwölf Jahre alt (lacht). Daniel, wie alt warst Du?

Daniel Heinrizi : Das ist vielleicht zehn, zwölf Jahre her, als wir uns kennengelernt haben. Ich war 18 oder 19 Jahre alt.

Sie waren unter Rich Chernomaz verantwortlich in den Bereichen Scouting, Videoanalysen und Individualstatistiken. Später waren Sie bei dessen Sommercamps als Trainer engagiert. Was hat Chernomaz Ihnen mit auf den Weg gegeben?

Heinrizi: Sehr viel Selbstvertrauen. Seine Tür stand mir immer offen, er hatte immer ein offenes Ohr und war sich trotz seiner Karriere nie zu fein, Auskünfte und Einblicke zu geben. Die Zeit in Frankfurt war sehr gut. Wir haben ein freundschaftliches, respektvolles Verhältnis. Und für die Zeit werde ich Rich ein Leben lang dankbar sein.

Inzwischen begegnen Sie sich in Ihren Funktionen auf Augenhöhe. Wie erleben Sie das heute?

Heinrizi: Dinge, die er erreicht hat, sind natürlich Träume und Ziele, die ich selbst auch habe. Einerseits schaue ich auf, andererseits buhlen wir in der gleichen Liga um die gleichen Spieler und verfolgen – jeder für seinen Verein – die gleichen Interessen.

Womit können Sie gegenüber einem Spieler im Poker mit Frankfurt punkten?

Heinrizi: Sicher nicht mit einem höher dotierten Vertrag. Ein Pluspunkt ist sicher das familiäre Paket, das wir bieten können. Eine ruhige, kleine Stadt. Alles in Laufdistanz erreichbar. Nicht jeder ist ein Großstadttyp.

Rich, die Roten Teufel sind seit vier Jahren die Nummer eins in Hessen. Ist nun die Zeit für einen Machtwechsel gekommen?

Chernomaz: Die Position als Nummer zwei ist natürlich frustrierend. Sie ist zugleich aber auch Motivation, dies zu verändern. Der Aufstieg war der erste Schritt. Wir sind nur langsam in die Gänge gekommen, haben aber die Kurve gekriegt und sind jetzt auf dem Weg in die richtige Richtung. Wir sind Aufsteiger. Ein Neuling nimmt in der Regel die Hälfte seiner Spieler mit in die neue Saison. Da muss man dem Team auch eine Eingewöhnungszeit zugestehen.

Daniel, wie lange kann Bad Nauheim seine Position gegenüber dem Großstadtklub noch verteidigen?

Heinrizi: Wir werden natürlich alles dafür geben, diese Position auch nach der Saison zu haben, als Gesamtverein befinden wir uns dort auf einem guten Weg, jedoch auf lange Sicht gehört Frankfurt in die DEL. Die Eissporthalle, die Gesamtstruktur, der Kabinentrakt und auch der finanzielle Background haben DEL-Potenzial. Und das ist sicher auch das Ziel, das mittelfristig angestrebt wird.

Matthias, wie lange lässt sich Zweitliga-Eishockey in Frankfurt verkaufen?

Matthias Scholze: Natürlich sind wir angetreten, Eishockey in Frankfurt sportlich wieder dorthin zu führen, wo wir einmal waren – aber ohne eine klare Zeitvorgabe. Wir spüren, dass es in Sachen Sponsoring das Potenzial gibt. Zugleich ist der Markt hier aber auch sehr umkämpft. Man darf nicht vergessen, dass sich viele Klubs um die großen Unternehmen streiten. Für uns ist deshalb wichtig, die Löwen als Marke zu entwickeln. Wir wissen aus unserer Vergangenheit wie es ist, sich in die Abhängigkeit von Mäzenen wie Gerd Schröder und Siggi Schneider zu begeben. Das ist bekanntlich nicht gut gegangen. Der Klub hing am Faden eines Gesellschafters. Unser Ziel ist eine breite Basis. Wir haben einen langen Weg vor uns. Deshalb sind wir vorsichtig und werden den Mund nicht zu voll nehmen.

Seit Jahren wird in Frankfurt – auch im Zusammenhang mit dem Basketball-Bundesligisten – von einer neuen Halle gesprochen.

Scholze: Das ist sicherlich auch eine Problematik. Wir haben gewiss gute Bedingungen. Aber der Businessmarkt verlangt Veränderungen. Und da werden wir mit der Eissporthalle in der DEL an Grenzen stoßen. Ein Beispiel sind die städtischen Verträge, die für uns unvorteilhaft sind. Bad Nauheims Geschäftsführer Andreas Ortwein betont immer wieder, wie wichtig die Catering-Einnahmen für den Standort Bad Nauheim sind. Solche Einnahmen haben wir gar nicht.

Chernomaz: Das ist wohl der größte Unterschied. Man kann die Standorte Frankfurt und Bad Nauheim auf diese Weise nicht vergleichen. Einerseits ist es schwer, langfristige Sponsorenverträge zu bekommen. Unsere Konkurrenz bei den Werbepartnern ist groß; gerade durch die Fußballclubs. Wir bekommen zudem nicht einen Euro aus dem Bereich Catering, sind also alleine abhängig von den Zuschauerzahlen und den Sponsoren. Und hier müssen wir nach der Insolvenz von 2010 erst wieder Vertrauen schaffen. Inzwischen sehen wir hier wieder etwas Licht. Ein größeres Stadion und eine höhere Zuschauerzahl machen uns nicht automatisch zu einem reichen Klub. Unser Personalbudget liegt sicher außerhalb der top fünf.

Aber sicher höher als das Budget in Bad Nauheim?

Chernomaz: Das will ich so nicht stehen lassen. Ich weiß, was drei, vier Spieler in Bad Nauheim verdienen. Und in dieser Kategorie haben wir nicht einen Spieler in unserem Kader (Heinrizi schmunzelt und schüttelt den Kopf).

Daniel Heinrizi, wenn Sie das Gesamtpaket betrachten: Würden Sie angesichts der Voraussetzungen lieber mit ihrem Gegenüber tauschen?

Heinrizi: Nein, das würde ich nicht, da ich an unserem eingeschlagenen Weg mitwirke und mich persönlich in Bad Nauheim sehr wohlfühle. Das Cateringrecht, das einen großen Bestandteil in unserem Budget ausmacht, ist sicher ein sehr großer Vorteil. Eine Mannschaft von der Klasse, die wir jetzt haben, könnten wir uns ansonsten sicher nicht leisten. Die Akquise von Werbepartnern ist sicherlich nicht einfach, egal, ob Vertrauen besteht oder geschaffen werden muss. In Bad Nauheim ist es auch zehn Jahre nach der Insolvenz schwer, an größere Unternehmen heranzukommen. Das erfordert viele Jahre des soliden Wirtschaftens. Wir haben jetzt zwei, drei solide Jahre gearbeitet und spüren, dass das Potenzial da ist.

Wir als GmbH haben weniger Abgaben an die Stadt zu leisten, und diese geht sicher auch den einen oder anderen Schritt auf uns zu macht, was der Bedeutung des Eishockeys im Vergleich zu anderen Sportarten in unserer Stadt geschuldet ist.

Scholze: In Frankfurt kommen Dinge wie der VIP-Bereich dazu, den wir selbst aufbauen und natürlich auch finanzieren müssen. Da müssen wir jedes Jahr eine adäquate Lösung finden. Das sind Zusatzkosten, die es beispielsweise in Bad Nauheim, wo der VIP-Bereich zum Stadion gehört, nicht gibt. Hinsichtlich der Hallensituation brauchen wir eine Entscheidung. Arena-Neubau oder Revitalisierung der Eissporthalle? Wir sind, anders als die Skyliners, in der komfortablen Situation, dass wir nicht sofort eine Lösung brauchen. Die Politik muss viele Interessen unter einen Hut bekommen, und wir betreiben Lobbyarbeit. In kleineren Standorten, wo der Stolz über die jüngste Entwicklung überwiegt und keine sportliche Konkurrenzsituation herrscht, ist es sicher einfacher zu arbeiten.

Die Löwen waren schwach gestartet, haben zuletzt aber in acht Spielen in Folge gepunktet, haben 16 von 18 Zählern gewonnen. Was ist nach der Niederlage gegen Dresden am 4. Oktober passiert?

Chernomaz: Wir haben anschließend gegen die vermeintlich besseren Klubs gespielt. In solchen Spielen ist man auf ein einfaches, unkompliziertes Spiel fokussiert, läuft vielleicht den entscheidenden Schritt mehr, ist zu intensiverer Defensivarbeit bereit – und ermöglicht so natürlich auch dem Torwart ein besseres Spiel.

Bryan Hogan, ist als Torwart des Jahres verpflichtet und entsprechend vermarktet worden. Sie haben ihn kritisiert, auch viele seine Mitspieler. Inwiefern haben Sie in dieser Situation Einfluss genommen?

Chernomaz: Nur zu einem geringen Teil. Natürlich haben Trainer Tim Kehler und ich daraufhingewiesen, dass sich einige Dinge zu ändern haben. Wir haben intensiv über unsere Konzepte, Taktik und deren Umsetzung gesprochen – und die Jungs haben sich daran gehalten.

Die Löwen kamen erst auf Touren, als zahlreiche verletzungsbedingte Ausfälle den Einsatz von Förderlizenzspielern erfordert haben. Kann man in diesem Fall rückblickend von Verletzungsglück sprechen?

Chernomaz: Das hat nichts mit Glück zu tun, sondern mit einer ordentlichen Arbeit in den Sommermonaten. Wir kooperieren mit einer Mannschaft, die gleich sechs Förderlizenz-Kandidaten in ihren Reihen hat. Nürnberg hatte sich dann frühzeitig entschieden, noch zwei Kontingentspieler zu verpflichten und hatte keinerlei Ausfälle. Entsprechend haben wir Spieler der Ice Tigers bekommen.

Daniel, träumen Sie auch von derlei luxuriösen Verhältnissen?

Heinrizi: Wir sind zunächst einmal froh, von größeren Verletzungen bislang weitgehend verschont worden zu sein. Mit der Düsseldorfer EG führen wir eine sehr gut gelebte Partnerschaft, für die wir uns ganz bewusst entschieden haben. Wir wollten einen Partner mit U23-Optionen im defensiven Bereich. Und Düsseldorf hat hier mit Corey Mapes, Jonas Noske und Hagen Kaisler das beste Angebot. Wir sind sehr zufrieden und haben – wenn es der DEL-Kader in Düsseldorf zulässt – immer einen Spieler bekommen.

Rich, Sie haben in Köln, Frankfurt und Ingolstadt als Trainer an der Bande gestanden und coachen aktuell die Nationalmannschaft Ungarns. Werden wir Sie irgendwann einmal wieder bei der täglichen Trainingsarbeit sehen?

Chernomaz: Zum jetzigen Zeitpunkt ist das undenkbar. Ich bin sehr zufrieden mit der Arbeit von Tim Kehler, einem jungen, intelligenten und engagierten Coach.

Vor zwei Jahren haben die Löwen Ex-Teufel Lanny Gare verpflichtet, wenige Monate später Chris Stanley als Kapitän des EC Bad Nauheim, in diesem Sommer sind Dennis Reimer und Taylor Carnevale aus dem Kurpark an den Ratsweg gewechselt. Wer ist der nächste?

Chernomaz: Spieler wechseln nunmal ihren Klub. Nur, weil rund 35 Kilometer zwischen Bad Nauheim und Frankfurt liegen, ist das jetzt nichts Außergewöhnliches. Vielleicht ist Bad Nauheim ja schon längst hinter Torwart Mika Järvinen von den Kassel Huskies her.

Daniel, welchen Spieler aus den Reihen der Löwen würden Sie gerne im Kader der Roten Teufel sehen?

Heinrizi: Frankfurt hat einige gute Spieler, speziell junge Spieler. Ich denke aber, beide Kader sind qualitativ gut aufgestellt, und ich bin unverändert der Meinung, dass zwei der drei hessischen Mannschaften die Playoffs erreichen. Kassel scheint sehr von der Torwartleistung abhängig, da wird man sehen, was die Zeit bringt.

Die Löwen haben in der DEL2 Neuland betreten. Hätten Sie – angesichts der bisherigen Eindrücke – im Sommer den Kader anders zusammengestellt?

Chernomaz: Nach nur einem Drittel der Saison ist das schwer zu sagen. Mein Wunsch ist es, Spieler nach der zweiten Saisonhälfte und speziell in den Playoffs zu beurteilen. Allerdings geht der Trend dahin, Spieler immer früher unter Vertrag zu nehmen. Den Luxus, lange zu warten, hat man nicht mehr. Junge, deutsche Spieler mit Potenzial unterschreiben oft schon vor Weihnachten.

Die Löwen haben einen Lauf. Kam die Pause zu einer Unzeit?

Chernomaz: Man muss von Spiel zu Spiel denken, weiß nie, was einen erwartet. Wir haben die Pause genutzt, um aufzuarbeiten, um uns vorzubereiten. Auffällig ist, dass Referees Spielsituationen nicht einheitlich bewerten, darauf müssen wir uns einstellen. Es ist unseren Aufzeichnungen zufolge erstaunlich, welchen Heimvorteil bayerische Mannschaften bei den Strafzeiten haben. Kein Team spielt im eigenen Stadion so oft in Überzahl wie Landshut und Riessersee.

Daniel, Sie hätten sich eine Pause sicher zwei Wochen früher gewünscht.

Heinrizi: Da standen wir auf Rang drei. Position zehn wird nun trotz des geringen Punkteabstands automatisch kritischer gesehen. Ich denke, die Pause hat allen gutgetan, jeder Klub hatte Spieler mit Wehwehchen. Uns hat die Pause Zeit gegeben, einen Ersatz für Dan Ringwald zu verpflichten.

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