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Nico Dreimüller (links), Merget und eine Sportstunden-Teilnehmerin grüßen vom Display. FOTO: PV

Lokalsport

Eine Sportstunde der besonderen Art

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Hessische Spitzensportler wie der Frankfurter Ruderer Nico Merget wollen Kinder trotz all der Corona-Einschränkungen mit einem Online-Sportunterricht in Bewegung halten. Ein reizvolles Modell.

Zwischendrin ist der Ton mal weg oder die ganze Internetverbindung, auch der Bildausschnitt verrutscht bisweilen, kein Problem. Das lässt sich rasch beheben und gehört bei den in Corona-Zeiten neuerdings allerorten üblichen Videokonferenzen ja eigentlich zum Programm, auch bei dieser etwas spezielleren Verabredung. "Besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen", sagt Nico Merget dazu, in der Tat: Eigentlich befände sich der Ruderer von der Frankfurter RG Germania gerade auf den entscheidenden Etappen zu seinem olympischen Traumziel Tokio. Stattdessen grüßt er nun aus seinem Wohnzimmer in Dortmund, hat Kamera und Mikrofon seines Rechners eingeschaltet und eröffnet eine Sportstunde der besonderen Art - eine "digitale Sportstunde", wie die Athletenvertretung Hessen ihr Angebot nennt,

Vor zwei Jahren wurde die Interessenvertretung der hessischen Sportler gegründet, ein bisschen nach dem Vorbild der bundesweiten Vereinigung Athleten Deutschland, und ein wenig angelehnt an deren reizvollem Modell hat man sich auch in Hessen darangesetzt, Kinder trotz all der Corona-Einschränkungen in Bewegung zu halten. Angeleitet von Spitzensportlern, mit der Möglichkeit, dabei vielleicht eine neue Sportart kennenzulernen und den Sportler obendrein.

Wie nun Nico Merget, 2015 U-23-Weltmeister mit dem Achter, 2019 Europameisterschafts-Dritter mit dem Vierer. Vor zwei Jahren ist der gebürtige Frankfurter an den Ruder-Stützpunkt nach Dortmund gezogen, um seinen Traum von Olympia 2020 zu verwirklichen. "Da hat mir Corona aber einen Strich durch die Rechnung gemacht. Hoffentlich klappt es jetzt 2021", berichtet er den etwa 40 Teilnehmern, die sich per E-Mail angemeldet haben. Vor allem Kinder und Jugendliche (fünfte bis zwölfte Klasse), für sie ist das Angebot in erster Linie gedacht. Auch eine Mutter mit ihren beiden Söhnen hat sich dazugeschaltet. Und Jochen "Wolli" Weber, sein alter Trainer von der Offenbacher RG Undines. Überall ploppen Videofenster auf, aus Wohn- und Kinderzimmern, einige tragen Shirts mit Vereinsemblemen.

Der Besenstil wird zur Langhantel

"Es ist eine schöne Erfahrung, dass so viele Kinder mitgemacht haben", wird Nico Merget hinterher sagen, eine anstrengende Dreiviertelstunde und Fragerunde später: "Das hat Spaß gemacht." Auf die Idee gekommen sind der ebenfalls auf dem Weg nach Tokio gestoppte Rollstuhlbasketball-Nationalspieler Nico Dreimüller und Ruderer Julius Peschel von der Athletenvertretung gemeinsam mit Bernd Brückmann, stellvertretender Leiter des Olympiastützpunktes Hessen. "Wir sind uns der gesamtgesellschaftlichen Rolle bewusst und wollen genauso wie die Schüler auch zu Hause bleiben, damit die Kontaktbeschränkung funktioniert - das ist die Botschaft. Es geht nicht darum, eine PR-Aktion anzuschmeißen für die Athleten selbst", erklärt Brückmann, wie Dreimüller ein guter Bekannter von Merget.

"Als Sportler ist man ja gut vernetzt", sagt dieser. Als die Anfrage kam, hat er gerne zugesagt - und gibt jetzt in seinem Wohnzimmer den Sportlehrer, aus der Ferne unterstützt von Nico Dreimüller, der mit Peschel viel hinter den Kulissen organisiert und gegebenenfalls ein wenig moderiert und Hinweise gibt. Viel Hilfe braucht Nico Merget indes nicht. Einen Stuhl, einen Besenstiel und eine Wasserflasche hat er bereitgestellt, was man eben in den eigenen vier Wänden so findet, um das Fitnessstudio zu ersetzen. Der Stuhl findet unter anderem in Dehnübungen mit Spreizschritten einen neuen Zweck, Flasche und Besenstiel als Hanteln.

Los geht es noch eher gemächlich, Laufen auf der Stelle, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Dann wird für 20 Kniebeugen zum ersten Mal der Besenstiel über die Schulern geklemmt, wie eine Langhantel, nur ohne Gewichte. Aber hier trainieren ja auch Kinder, die gar nicht viel stemmen sollen. Anstrengender wird es so oder so. "Wenn du im Sport etwas erreichen willst, musst du dich ganz viel quälen", erinnert Nico Merget nach einigen Liegestützen und einer Runde Trockenrudern und legt nach: "Das brennt jetzt vielleicht in den Armen. Das muss es auch."

Endspurt mit Strecksprüungen

Er selbst kommt auch ins Schwitzen. Das Training am Stützpunkt mit dem 20 Mann starken Auswahlkader ist nach der Olympia-Verschiebung zwar erst einmal runtergefahren worden. Inzwischen ist aber die ganz strenge Quarantäne vorbei, Training in Zweiergruppen unter Einhaltung der Kontaktbeschränkung und hygienischer Regeln wieder möglich. 90 Minuten am Vormittag hat Nico Merget schon hinter sich, ehe er selbst zum Trainer wird. "Ich liebe es, mit Menschen zu arbeiten", sagt der 26-jährige Student der Sport- und Erziehungswissenschaften. der in Frankfurt früher Freizeitgruppen betreute.

Bei der digitalen Sportstunde hat er die zweite Ausgabe übernommen, nachdem Andreas Bechmann den Anfang gemacht hatte. Der 20-jährige Mehrkämpfer von der LG Eintracht Frankfurt, EM-Fünfter in der Halle, wird auch bei der nächsten Runde an diesem Freitag von 14 bis 15 Uhr dabei sein, durch die Stunde führt diesmal Rollstuhlbasketballer Dreimüller selbst

Bei Nico Merget wird zum Abschluss noch eine Art Rennen simuliert, mit Kniebeugen, Liegestützen. Und Strecksprüngen im Schlussspurt. "Jetzt brennt alles", ruft Merget, dann ist das Ziel erreicht, das Training vorbei. Und wie geht es weiter? "Im Moment weiß keiner wirklich, was passieren wird", sagt Merget bei der abschließenden Fragerunde, vom Kurs bringen lässt er sich nicht: "Ich konzentriere mich jetzt auf nächstes Jahr. Mein Ziel bleibt es, Olympionike zu werden, das will ich verwirklichen." Extra-Einheiten im Wohnzimmer können da nicht schaden.

Die digitale Sportstunde wird in loser Folge von der Athletenvertretung Hessen organisiert. Anmelden kann man sich per E-Mail an sportstunde-athletenhessen@yahoo.com, informieren unter anderem über den Instagram-Account der Athleten Hessen im Internet oder den Landessportbund Hessen

MARKUS KATZENBACH

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