Nicht nur die Profis, sondern auch die Athleten im Amateurbereich sind in diesem Jahr besonderen Belastungen ausgesetzt. Nun befinden sie sich wieder im Wartestand. Ein erneuter Restart will gut vorbereitet sein, will man die Gefahr von Verletzungen verringern. FOTO: DPA
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Nicht nur die Profis, sondern auch die Athleten im Amateurbereich sind in diesem Jahr besonderen Belastungen ausgesetzt. Nun befinden sie sich wieder im Wartestand. Ein erneuter Restart will gut vorbereitet sein, will man die Gefahr von Verletzungen verringern. FOTO: DPA

Wie reagiert der Körper?

Eine Pause als Belastungsprobe für die Sportler

  • vonGerd Chmeliczek
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Der Amateursport ruht vorerst. Die Sportler befinden sich noch mindestens drei Wochen im Wartestand, bevor sie zumindest den sportartspezifischen Trainingsbetrieb wieder aufnehmen können.

Nach dem Beschluss der Bundeskanzlerin und der Länderchefs ist der Amateursport corona-bedingt bis Ende November ausgesetzt. Ob die heimischen Akteure aber wirklich ab Dezember wieder einsteigen können, ist noch offen. Das gilt auch für die Frage, ob noch vor der Winterpause ein geregelter Spielbetrieb in manchen Sportarten möglich ist. Einige Verbände haben dies für sich bereits mit "Nein" beantwortet und den Spielbetrieb bis Ende des Jahres ausgesetzt.

Sollte der Restart noch in diesem Jahr möglich sein, stellen sich für Trainer und Athleten einige Fragen: Worauf muss beim erneuten Trainingsstart geachtet werden? Wie steuere ich die Belastung und was kann ich schon während der Pause tun, um später Muskeln und Bänder zu schonen? Fragen über Fragen an einen Sportwissenschaftler, einen Orthopäden und einen Trainer.

"Ich halte diese vierwöchige Pause und den dann möglichen Wiedereinstieg insbesondere in den Spielbetrieb für sehr problematisch", sagt der Orthopäde Marco Kettrukat aus Ober-Mörlen. Er ist Mannschaftsarzt des Handball-Bundesligisten HSG Wetzlar, des Eishockey-Zweitligisten EC Bad Nauheim und Teamarzt der Deutschen Handball-Nationalmannschaft der Männer. Seit Ende März/Anfang April gebe es sowieso nur einen limitierten Sportbetrieb. "Wenn wir jetzt im Dezember wieder einsteigen, dann ist von einem extremen Anstieg der Verletzungshäufigkeit auszugehen." In Deutschland gebe es dazu noch keine Daten, weil man sich in einer neuen Situation befinde. Anders sei das in den USA, wo die Profiligen schon häufiger unterbrochen waren. Hier sehe man einen großen Anstieg bei der Verletzungshäufigkeit.

Warum ist das so? "Im Trainingsbetrieb wird sportartspezifisch gearbeitet", erklärt Kettrukat, der in Bad Nauheim und Wetzlar praktiziert. Im Moment sei aber oft nur individuelles Ausdauer- oder Krafttraining möglich. Allerdings leide die unbewusste Koordination, also das propriozeptive Training. "Das geht uns mit der Zeit verloren, wenn wir gezwungenermaßen immer wieder Pausen einlegen. Das müssen wir uns dann erst wieder aneignen." Beispiele: Man stürzt und kann sich unbewusst abfangen. Oder man verdreht sich das Knie und der Körper leitet unbewusst eine Gegenreaktion ein.

Als Folge des ersten Lockdowns habe die Schwere der Verletzungen deutlich zugenommen, erzählt der Orthopäde. So waren Kreuzbandverletzungen häufiger mit Außenbandverletzungen kombiniert als vor dem Lockdown. "Die Verletzungen, die wir derzeit sehen, sind deutlich dramatischer als vor der ersten Auszeit." Das liege zum einen daran, dass die Sportler infolge der längeren Pause weniger sportartspezifisch trainiert seien. Zum anderen seien sie durch die vielen englischen Wochen auch einer erhöhten Belastung ausgesetzt. "Da fehlt die Regeneration."

Vier Wochen Vorbereitung

Die normale Vorbereitungszeit auf eine Saison im Amateur- und Profibereich liege bei vier bis sechs Wochen. "Nach der Pause brauchen wir mindestens eine vierwöchige Trainingsphase, um einigermaßen vorbereitet in den Spielbetrieb gehen zu können. Ein Spielbetrieb in diesem Jahr, unter vernünftigen Voraussetzungen was die Verletzungsprävention angeht, ist hochriskant und meines Erachtens nicht sinnvoll." Heißt: sportartspezifisches Training bis zum Jahresende, dann Winterpause und danach die Vorbereitung auf den Spielbetrieb starten. Und das gilt nicht nur für die Erwachsenen: "Gerade für Kinder und Jugendliche wäre es extrem wichtig, wenn sie vor der Weihnachtszeit noch einmal ins Training einsteigen könnten, empfiehlt der Orthopäde.

Aber was können die Sportlerinnen und Sportler in der corona-bedingten Pause tun, um auf den Wiedereinstieg zumindest in den Trainingsbetrieb gerüstet zu sein? "Ich rate grundsätzlich allen Athleten, individuell zu trainieren", sagt der Gießener Sportwissenschaftler Prof. Dr. Karsten Krüger. Mit grundlegendem Athletiktraining sollte man versuchen, seine Form zu halten. "Man kann mit dem eigenen Körpergewicht arbeiten oder die Rumpfstabilisierung mit Übungen für die Rücken- und Bauchmuskulatur angehen."

Man könne ebenso versuchen, durch spezifische Übungen seine Zielsportart so weit es geht zu imitieren. "Das ist aber nur begrenzt möglich." Handballern oder Fußballern empfiehlt er beispielsweise Intervall-Ausdauertraining mit den entsprechenden Belastungsspitzen. Dazu könne man Stop-and-go-Bewegungen einbauen und Übungen mit dem Ball machen.

"Wenn ich während der Pause in völlige Inaktivität verfalle, kann ich beim Wiedereinstieg Probleme bekommen." Ein sprunghafter Anstieg der Belastung sei sowohl aus orthopädischer wie auch aus physiologischer Sicht nicht optimal, sagt der Leiter der Leis-tungsphysiologie und Sport-therapie an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Besondere Vorsicht nach Infektion

Klar sei auch, dass man in dieser Pause lediglich eine Stabilisierung des Ist-Zustands erreiche. Neue Taktiken oder Techniken, wie sie im normalen Training eingeübt werden, bleiben erst einmal auf der Strecke. "Aber die Fitness und die Belastbarkeit des Bewegungsapparats, die können wir in dieser Pause erhalten."

Krüger weist noch auf eine Besonderheit hin: "Sportler, die eine COVID-19-Erkrankung hinter sich haben, sollten vor dem Wiedereinstieg ins Training 14 Tage völlig symptomfrei sein." Eine solche Infektion habe durchaus Effekte auf Lunge und Herz. "Daher rate ich dazu, dass sich betroffene Sportler vorher einer sportmedizinischen Untersuchung inklusive Belastungs-EKG unterziehen." Auch für die jüngsten Sportler hat Krüger noch einen Tipp parat - und der geht gleich auch mit an die Eltern: "Halten Sie die Kinder in Bewegung." Das derzeit fehlende Angebot der Sportvereine könne man versuchen, in der Familie aufzufangen.

Die Fußballer der FSG Wettenberg werden in diesem Jahr nicht mehr ins Spielgeschehen eingreifen, da die Gruppenliga bis Jahresende pausiert. "Und dann kommt die Winterpause", sagt FSG-Trainer Bastian Panz. Daher habe er für seine Spieler auch keinen speziellen Trainingsplan ausgearbeitet. "Allerdings hatten wir ihnen schon beim ersten Lockdown schon verschiedene Kräftigungsübungen mitgegeben. Zudem sollten sie zwei- bis dreimal die Woche mit einem bestimmten Tempo laufen. Das gilt auch dieses Mal."

Natürlich hofft Panz, in diesem Jahr noch mit seinen Jungs auf den Trainingsplatz zurückkehren zu können. "Aber wir trainieren dann auf kein spezielles Ziel hin. Von Anfang Dezember bis Mitte/Ende Februar eine Vorbereitung zu machen, ist zu viel. Daher werden wir - falls möglich - Mitte Januar voll in die Vorbereitung auf die Rückrunde einsteigen und im Dezember schon sportartspezifisches Training anbieten, aber eben etwas lockerer." Die Belastung durch die englischen Wochen sei hoch gewesen. Oftmals sei nur sehr dosiertes Training möglich gewesen, blickt der Pädagoge auf die vergangenen Wochen und Monate zurück.

Die neuerliche Zwangspause "müsse man akzeptieren und denen Vertrauen schenken, die solche Sachen entscheiden müssen. "Klar, es gibt immer Maßnahmen, über deren Sinn man diskutieren kann. Ich bin zum Beispiel Lehrer und wir machen in Hanau weiterhin Schulsport mit 30 Schülern. Aber mit 15 Erwachsenen oder Jugendlichen darf man nicht auf einem Fußballplatz trainieren - das ist zumindest diskussionswürdig. Aber, wie gesagt, ich akzeptiere die Entscheidungen, die gefällt werden." FOTOS:HEUBERGER/WEGST/VOGLER

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