Dr. Gunnar Wöbke, der Geschäftsführer der Fraport Skyliners Frankfurt, glaubt nicht, dass die Einschränkungen des öffentlichen Lebens noch lange in diesem Umfang aufrechterhalten werden können, ohne der Wirtschaft - und damit auch professionellen Sportklubs - nachhaltig zu schaden. ARCHIVFOTO: IMAGO
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Dr. Gunnar Wöbke, der Geschäftsführer der Fraport Skyliners Frankfurt, glaubt nicht, dass die Einschränkungen des öffentlichen Lebens noch lange in diesem Umfang aufrechterhalten werden können, ohne der Wirtschaft - und damit auch professionellen Sportklubs - nachhaltig zu schaden. ARCHIVFOTO: IMAGO

"Eine Not-OP am offenen Herzen"

  • vonred Redaktion
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Die Basketball-Bundesliga muss wie alle anderen Profi-Sportligen aufgrund der Ausbreitung des neuen Coronavirus aktuell pausieren. Doch diese Situation ist für die Vereine schon jetzt existenzbedrohend. Im Interview spricht der Geschäftsführer der Frankfurt Skyliners, Gunnar Wöbke, über die aktuelle Lage.

Gunnar Wöbke ist besorgt: Den Geschäftsführer der Fraport Skyliners Frankfurt plagen Sorgen aufgrund der Zwangspause der Basketball-Bundesliga (BBL) aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus. Im Interview spricht über seine Einschätzung der Lage, die finanzielle Situation der Korbjäger aus Mainmetropole und Solidaritätsbekundungen vonseiten der Fans.

Herr Wöbke, die Basketball-Bundesliga (BBL) hat den Spielbetrieb aufgrund der Corona-Krise bis zum 30. April ausgesetzt. Eine gute Entscheidung?

Ich bin froh, dass die allermeisten Ligaklubs und die BBL GmbH unsere Meinung teilen. Die Liga weiter zu verschieben, ist das einzig Sinnvolle. Ich finde auch den Zeitraum vernünftig, weil sich in zwei Wochen wahrscheinlich nicht viel an der Situation verändern wird. In vier bis fünf Wochen hingegen schon. Das entspricht unseren Vorschlägen, die wir von Anfang an gemacht haben.

Gibt es denn schon Szenarien, wie es nach dem 30. April weitergehen könnte?

Es gibt jede Menge Szenarien über die sich die Liga Gedanken machen muss und auch macht. Es macht für mich aber überhaupt keinen Sinn darüber öffentlich zu spekulieren, weil wir zugeben müssen, dass wir heute nicht wissen, was morgen los ist. Wann kann man überhaupt wieder anfangen? Und bis wann muss man fertig sein? Wir wissen weder, wie Ende April die politische Grundausrichtung sein wird, noch wie die Entwicklung bei den Erkrankten sowie bei Schnelltests voranschreitet.

Was glauben Sie wie es weitergehen wird?

Ich glaube persönlich, dass wir den eingeschlagenen Weg, das öffentliche Leben völlig runterzufahren, keine weiteren drei Wochen durchhalten werden, ohne die deutsche Wirtschaft nachhaltig zu schädigen und dass es schon sehr schnell eine politische Umkehr geben wird und dann sowieso alle Karten wieder neu gemischt werden müssen. Ich sage das völlig ohne Bewertung - wir unterstützen den momentan eingeschlagenen politischen Weg zu 100 Prozent.

Es gibt Klubs die schon Spieler aus ihren Verträgen entlassen haben. Da stellt sich die Frage, ob die Fortführung des Spielbetriebs noch Sinn macht.

Das müssen Sie die Klubs fragen, die das gemacht haben. Die Beschlusslage war vor 14 Tagen genauso wie sie heute ist.

Wie ist die Situation in Ihrem Team?

Wir haben allen Spielern freigestellt, wo sie hingehen, da sie derzeit weder trainieren, spielen noch an irgendwelchen Promotions oder an unseren beliebten Schulbesuchen teilnehmen dürfen. Wir haben für sie Kurzarbeit beantragt wie für alle anderen Angestellten auch. Die einzige Bedingung ist, dass sie binnen 48 Stunden, zum Beispiel wenn wir den Trainingsbetrieb wieder aufnehmen wollen, wieder in Frankfurt sein müssen. Von den sechs US-Amerikanern sind bis auf Lamont Jones alle in ihrer Heimat zu ihren Familien geflogen. Die Jungs haben viel Loyalität und einen tollen Charakter bewiesen, in dem sie mit uns gemeinsam Wege gesucht haben, diese existenzbedrohende Situation zu meistern.

Wie lange laufen die Verträge mit Ihren Spielern?

Völlig unterschiedlich. Einige laufen mehrere Jahre. Bei denen, die nur für die Saison 2019/2020 einen Vertrag haben, enden sie erst mit dem letzten Saisonspiel.

Was bedeutet die Krise finanziell für Ihren Klub?

Wir haben keine Einnahmen mehr. Das stellt für uns ein großes Problem dar, weil wir weiter laufende Kosten haben und wir die Einnahmen budgetiert haben. Die logische Konsequenz daraus ist, alle laufenden Kosten so gut es geht zu reduzieren. Uns drohen hohe sechsstellige bis siebenstellige Verluste. Es ist klar, dass wir im Extremfall auch nicht annähernd aus eigener Kraft in der Lage sein werden, die Einsparungen hinzubekommen, die nötig sind, um diese Verluste zu kompensieren.

Der Vorstand des Fanclubs Skybembels hat auf die Rückerstattung ihrer Dauerkarten verzichtet, sollte es zum Saisonabbruch kommen. Wie sieht das bei anderen Fans aus?

Das ist genau die Unterstützung, wie uns unsere Fans jetzt helfen können. Der sechste Mann bekommt in diesen Tagen noch eine ganz andere Bedeutung. Wir alle kämpfen. Danke, Danke, Danke! Es ist rührend und erfüllt uns mit Stolz zu sehen, welche Solidarität uns entgegengebracht wird. Die Aktion zeigt die Stärke der Basketballfamilie in Frankfurt. Bei den Einzeltickets gilt es, die Situation um die mögliche Fortführung der Saison abzuwarten. Hier trifft es uns, dass die drei Spiele im März allesamt vor einer komplett vollen Fraport-Arena stattgefunden hätten und der Verkauf für die Spiele im April abgebrochen werden musste, bevor er richtig beginnen konnte. Für die Bucher der einzelnen Spiele gilt dasselbe wie bei unseren treuen Dauerkarteninhabern: Jeder kann helfen. Wir sind dankbar für jeden, der diesem Beispiel folgen kann - was auch keine Selbstverständlichkeit ist.

Haben Sie schon wegen staatlichen Hilfen angefragt?

Im Moment ist es eine Not-OP am offenen Herzen. Wir haben Kurzarbeit beantragt, sprechen mit all unseren Angestellten offen über die Lage und stellen unsere Arbeitsbedingungen um. Wir haben unser Büro bis auf eine Notbesetzung geschlossen und gehen ins Homeoffice. Wir haben den Spielbetrieb komplett eingestellt. Alles steht unter zwei Zielen: Oberste Priorität hat die Eindämmung des exponentiellen Wachstums des Virus. Die zweite Priorität ist das wirtschaftliche Überleben. Dazu gehört es, im übertragenen Sinne, den Patienten zuerst einmal am Atmen zu halten. Danach kümmern wir uns darum wie die Wunden aussehen. Die Antwort ist also Nein - bisher nicht, bis auf das Thema Kurzarbeit. Wir und unsere Angestellten haben 20 Jahre in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt ohne sie in Anspruch zu nehmen. Nun brauchen wir sie zwingend zum Überleben.

Könnten die Skyliners denn überleben, wenn die Saison nicht zu Ende gespielt werden würde?

Das ist eine Frage, die sich stellt, die ich aber jetzt nicht beantworten kann. Wir wissen noch nicht welche Hilfspakete es geben wird, die uns zugutekommen könnten. Wir kennen auch nicht die Kostenblöcke, die am Ende übrigbleiben werden. Klar ist: Es ist ein richtiger harter Überlebenskampf. Wie ganz viele Unternehmen weltweit sind mehr oder weniger auch fast alle Sportklubs insolvenzbedroht.

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