Seit 100 Tagen mit Herzblut bei den "Roten Teufeln": Dag Heydecker, Geschäftsleiter des EC Bad Nauheim.
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Seit 100 Tagen mit Herzblut bei den »Roten Teufeln«: Dag Heydecker, Geschäftsleiter des EC Bad Nauheim.

EC Bad Nauheim

Eine Frage von Emotionen: So hat Geschäftsleiter Dag Heydecker die ersten 100 Tage beim EC Bad Nauheim erlebt

  • Philipp Keßler
    vonPhilipp Keßler
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Über 20 Jahre hat der Steinfurther Dag Heydecker im Profisport gearbeitet. Seit September ist er beim EC Bad Nauheim. Im Interview zieht er eine Bilanz der ersten 100 Tage als neuer Geschäftsleiter.

Keine Zuschauer im Stadion, ein Spielbetrieb, der nicht selten durch Corona-Fälle unterbrochen werden muss, und ein Lockdown, der Partner, Sponsoren und Fans belastet: Der EC Bad Nauheim befindet sich wohl in einer der schwersten Spielzeiten seiner bald 75-jährigen Geschichte. Mitten drin ist Dag Heydecker. Das Bad Nauheimer Urgestein ist seit 1. September als neuer Geschäftsleiter im Einsatz. Im Interview mit der Zeitung, für die Heydecker einst selbst als Sportredakteur arbeitete, zieht er eine erste Bilanz - und richtet den Blick optimistisch in die Zukunft.

Herr Heydecker, wie haben Sie die ersten 100 Tage als Geschäftsleiter des EC Bad Nauheim erlebt?

Ich bin kein Typ, der halbe Sachen macht, deshalb heißt es: volles Programm. Ich weiß aus der Vergangenheit, wie es bei einem Sportverein ist: sieben Tage, keine Pausen. Da ich in Bad Nauheim aufgewachsen bin, diese Stadt sehr mag und dem Eishockey hier emotional schon immer sehr verbunden war, empfinde ich das aber weniger als Stress, sondern als Herzensangelegenheit. Ich wollte eigentlich nicht mehr in die Vereinsarbeit zurück, aber wer mich kennt, weiß, dass ich dann doch mit großer Begeisterung an eine solche Aufgabe herangehe und versuche, Dinge zu forcieren.

Waren Sie nach Ihrer längeren Pause sofort wieder drin oder gehen Sie die Dinge nun anders an?

Man hat schon gewisse Erfahrungswerte im Umgang mit Mitarbeitern oder Fans. Ich höre den Leuten sehr genau zu, und bin nicht populistisch, indem ich immer nur danach schaue, woher der Wind gerade weht, sondern habe meine eigenen Vorstellungen, bei denen ich versuche, Mitarbeiter und Fans mitzunehmen. Für mich selbst durfte es eigentlich nicht passieren, dass der EC mal offiziell anfragt (lacht). Denn natürlich bin ich dem Klub verbunden, habe immer mal Gespräche geführt oder wurde um Rat gefragt, was mich sehr gefreut hat. Ich habe die Spiele des EC auf Sprade TV verfolgt, - und das ist keine Plattitüde - es gibt keinen anderen Verein, bei dem ich so etwas noch einmal gemacht hätte. Ich hatte für mich eigentlich beschlossen, dass ich mich meine Coachings und meine Präsentationen zum Thema Führung konzentriere. Aber jetzt bin ich wieder drin, es macht riesigen Spaß, und ich komme sehr gerne nach Bad Nauheim. Hier fühle ich mich wohl.

Was haben Sie beim EC vorgefunden, was sind die Themen, die Sie im Fokus haben?

Zunächst einmal muss man den Hut davor ziehen, dass der EC Bad Nauheim seit der Gründung in der DEL 2 spielt - vor allem vor dem Hintergrund der Mittel im Vergleich zu anderen Standorten. Diese Leistung ist grundsätzlich schon einmal top. Viele Fans fiebern mit, die Basis der Partner und Gesellschafter ist immer breiter geworden, weshalb ich mich als jemanden sehe, der Themen wie Identität, Leidenschaft, Tradition, Emotion und Stolz umsetzt.

Inwiefern passen Sie mit Geschäftsführer Andreas Ortwein zusammen?

Wir teilen uns die Themen auf, auch wenn es natürlich auch Schnittpunkte gibt, aber wir sind ohnehin im permanenten Austausch. Andreas ist ein Zahlenmensch, da bin ich sicherlich kein Experte. Ich versuche deshalb Dinge umzusetzen, wofür er keine Zeit hatte - man darf nicht vergessen, dass er Ehrenamtler ist. Deshalb geht es bei mir um viele Themen, die man erst im Laufe der Zeit sehen wird, die aber dennoch wichtig sind - wie etwa die Kommunikation mit Partner und Fans. Die ist für uns sehr wichtig, weil die emotionale Verbundenheit des Umfelds so intensiv ist. Deshalb passen wir beide gut zusammen - auch weil es in der Sache immer um den EC Bad Nauheim geht.

Was möchten Sie neben den angesprochenen Themen Dinge, gestalten?

Ich glaube zunächst einmal, dass wir Werte wie Stolz, Tradition, Identifikation und Emotion ganz klar herauskehren sollten, denn Bad Nauheim ist eine Eishockey-Stadt. Diese unfassbare Historie wird einem bewusst, wenn man das Buch zum 75-jährigen Bestehen liest. Das muss man sich immer wieder in Erinnerung rufen. Das Buch, die Markenbotschafter, die »Hall of Fame« - das sind alles Bausteine dafür. Bei der Fan-Umfrage im Frühjahr kam aber auch etwa heraus, dass die Fans sich wünschen, dass der EC im Stadtbild noch präsenter ist. Dafür haben wir mit dem Stadtbus in unserem Design einen ersten Schritt gemacht.

Inwiefern wollen Sie sich beim Thema Stadion engagieren, schließlich haben Sie bei Ihren Ex-Klubs ähnliche Projekte begleitet?

Ich glaube, hier sitzen alle Eissportler im selben Boot - der Profisport, der Nachwuchs, die Eisstockschützen und die Eiskunstläufer. Dass wir als EC Bad Nauheim eine neue Halle brauchen, um das Niveau DEL 2 mittelfristig zu halten, ist unstrittig, aber natürlich geht es letztlich immer um die Finanzen. Aber ich glaube, wir haben bereits sehr viele Leute in der offenen Kommunikation von diesem Projekt überzeugen können - und ich kann aus meiner Vergangenheit sagen, dass in Mannheim oder Mainz die kritischen Stimmen wesentlich heftiger waren. Da ist das Verständnis in Bad Nauheim groß, wenn es darum geht, dass der größte Botschafter der Stadt eine adäquate Spielstätte braucht.

Sie sind also in Bezug auf das neue Stadion trotz der Krise weiter optimistisch?

Was die Krise bringt, kann keiner sagen, aber ich bin weiterhin optimistisch, ja. Natürlich müssen wir ein solches Projekt mit Zuversicht angehen, brauchen aber auch eine gewisse Geduld und eine gute Kommunikationsstrategie, um zu zeigen, dass eine neue Arena, in der ja auch andere Veranstaltungen stattfinden sollen, dem Ballungsgebiet Bad Nauheim/Friedberg guttun würde. Auch wenn die Signale der Stadt deutlich sind, dass es finanziell schwierig ist, den nächsten Schritt im Haushalt unterzubringen, arbeiten wir im Hintergrund mit unseren Partnern weiter daran.

Inwiefern lassen sich Ihre ehemaligen Stationen in Mannheim, Mainz und Sandhausen vergleichen?

Grundsätzlich ist es gar nicht viel anders, aber natürlich sind Mannheim oder auch Mainz Städte mit ganz anderer Wirtschaftskraft - aber in der Relation ist das vergleichbar. Zumal ich auch davon überzeugt bin, dass unser Zuschauerschnitt von 2600 bei Weitem nicht die Dimension der Menschen darstellt, die sich mit dem EC Bad Nauheim beschäftigen und mit dem Team mitfiebern. Das Potenzial des EC Bad Nauheim ist noch deutlich größer.

Was kann der ECN aus den Entwicklungen hin zu mehr Professionalisierung im Profisport noch lernen?

Ich glaube, wir müssen als Klub normal und authentisch bleiben, aber die Leute noch mehr emotionalisieren. Man sollte immer Wert auf eigene Identität legen. Wir müssen Dinge entwickeln, die die Leute cool finden und die zu einem Ritual werden können. Und ich glaube, hier ist der EC Bad Nauheim seit einigen Jahren verlässlich an der Seite seiner Fans, gleichwohl es Themen gibt, für die man eben Zeit und Personal braucht. Dafür braucht man Engagement, Ehrgeiz und Identifikation mit der Stadt.

Welche Rolle spielt in diesem Zuge die TV-Vermarktung der DEL 2?

Gerade jetzt in der Krise, wo die Leute nicht mehr ins Stadion gehen dürfen, ist natürlich Sprade TV, das zudem auch noch seine Preise erhöht hat, um den Vereinen etwas Gutes zu tun, eminent wichtig. Auf diese Weise hoffen wir natürlich, Teile der Einnahmeverluste aufzufangen, die wir etwa durch das Wegfallen des Caterings haben. Grundsätzlich ist es wichtig, den Fan stets emotional mitzunehmen und mit ihm permanent zu kommunizieren. Wir versuchen, den Standort so attraktiv wie möglich zu machen - auf unsere eigene Art. Deshalb haben wir uns auch entschieden, die Dauerkarteninhaber bei Sprade TV kostenlos freizuschalten.

Sehen Sie den EC Bad Nauheim insgesamt aktuell in der Krise - oder vielmehr im Aufbruch?

In der gesamten Region herrscht rund um den EC Bad Nauheim eine positive Stimmung. Ich glaube, die Menschen haben ein feines Gespür, dass es uns aber auch wie jedem anderen Sportverein geht, der um jeden Cent kämpfen muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben und seine Gehälter zahlen zu können. Wir brauchen deshalb nicht jammern, sondern müssen schauen, wie wir mit Augenmaß und immer in Kommunikation mit dem Umfeld weitermachen. Hierbei möchten wir einfach transparent sein. Wir halten uns weiter an die Spielregeln, denn die Gesundheit geht vor - und irgendwann ist Corona hoffentlich auch mal vorbei. Deshalb habe ich schon das Gefühl, dass rund um dem Klub eine Aufbruchstimmung herrscht - zumal die Reaktionen bis jetzt zu 99 Prozent positiv waren.

Abschließend: Was wünschen Sie sich für die nächsten 100 Tage?

Ich wünsche mir - natürlich neben Gesundheit für alle -, dass die Fans zurück ins Stadion dürfen, denn sie fehlen uns extrem, zumal ich glaube, dass wir mit die beste Stimmung in der Liga haben. Dabei denke ich aber zuallererst an die Emotionen - und erst danach an die Einnahmen.

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