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Thomas Brendel sitzt in der neuen Saison zwar nicht mehr auf der Trainerbank des FSV Frankfurt, fungiert aber weiter als Sportlicher Leiter des Fußball-Regionalligisten vom Bornheimer Hang. FOTO:

Ein kraftraubendes Jahr

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Am Freitagabend war es endlich soweit: Der FSV Frankfurt hat sein letztes von 42 Spielen in der Fußball-Regionalliga Südwest absolviert - inklusive Corona-Fällen, zwischenzeitlicher Tabellenführung und einer Weichenstellung für die neue Saison. Im Interview blickt der scheidende Trainer Thomas Brendel vor und zurück.

An gestrigen Abend beim Gastspiel beim TSV Steinbach Haiger saß Thomas Brendel zum letzten Mal auf der Trainerbank des Fußball-Regionalligisten FSV Frankfurt. Wie er sich fühlt, wie er die turbulente Saison mit dem Erklimmen des Spitzenplatzes und den Corona-Wirren erlebte und was er künftig als Sportlicher Leiter angeht, erzählt der 45-Jährige im Interview.

Herr Brendel, kommt beim letzten Spiel als Trainer des FSV Wehmut auf?

Ich sehe das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ich freue mich, die Mannschaft auch in der kommenden Saison begleiten zu können. Der Zeitaufwand wird als Sportlicher Leiter nicht mehr so groß sein. Ich habe im Grunde genommen sieben Tage die Woche gearbeitet, unter der Woche von morgens um 9 Uhr bis abends um 18 Uhr. Samstags waren die Spiele, dazu noch Videoanalysen - und dies elf Monate lang.

Ihr Team hat die Saison als Tabellensechster beendet. Sind Sie damit zufrieden?

Vor der Saison: ganz sicher. Wir haben lange eine gute Rolle gespielt. Auch wenn wir vier, fünf Spiele mehr gewonnen hätten, hätte es ja nicht gereicht zum Aufstieg. Freiburg II hat eine brutal konstante Saison gespielt, dies muss man anerkennen. Wir haben jedenfalls alles in die richtige Richtung gelenkt.

Im Januar war der FSV ganz oben in der Tabelle und spielte zudem meist attraktiven Fußball. Dann kam Corona…

Direkt nach der Quarantäne haben wir noch einen Sieg eingefahren, in Gießen. Aber dann haben wir gemerkt, das kostet sehr viele Körner in den englischen Wochen. Es hat auch enorm an der mentalen Verfassung genagt. Wir konnten nicht mehr wie gewünscht rotieren, es kamen noch Verletzungen dazu. So haben wir es nicht geschafft, dass die Spieler wie vor Corona 100 Prozent geben konnten. Wir haben alles probiert und phasenweise sehr gut gespielt.

War es unmöglich, nach der Quarantäne weiter vorne mitzuspielen?

Sicherlich nicht. Aber die Mannschaft war überspielt bei dem Samstag-Dienstag-Rhythmus, Regeneration war da nicht möglich. Dann fielen auch noch einige Spieler verletzt aus. Auf der Linksverteidiger-Position musste ich ständig etwas ausprobieren. Aber: Wir konnten uns stabilisieren und hatten erstmals in der Regionalliga nichts mit dem Abstieg zu tun. Fantasien blieben aber unerfüllt.

Im Rückblick: Hätten Sie etwas anders machen müssen?

Schwierig zu sagen. Gegen Einflüsse von außen ist man nicht gefeit. Corona mit den vielen Ausfällen war schon sehr speziell. Wir haben uns aber nichts vorzuwerfen, wir haben alle Vorgaben eingehalten. Bei der Kaderplanung war alles richtig, ebenso in der Spielanlage.

Was fehlt dem FSV noch, um konstant in einer Saison um den Aufstieg zu spielen?

Grundsätzlich haben wir einen stabilen Kern. Wenn wir konstant unter die ersten Fünf kommen wollen, müssen wir breiter aufgestellt sein. Dafür braucht man keinen Etat über zwei oder drei Millionen Euro. Aber 200 000 Euro mehr würden schon weiterhelfen. Wir brauchen zusätzliche Sponsoren - die in diesen Zeiten zu bekommen, ist aber schwierig.

Ist die Regionalliga mit fünf Staffeln mit Profi- und Amateurklubs sinnvoll oder hat die Corona-Krise gezeigt, dass es endlich einer grundlegenden Reform bedarf?

Den Amateurvereinen möchte ich keinen Vorwurf machen. Die Regionalliga müsste jedoch interessanter gestaltet werden. Es müsste grundsätzlich schwieriger gemacht werden, in diese Liga aufzusteigen - es gibt kein Lizenzierungsverfahren, einfach 35 000 Euro zu hinterlegen, darf nicht ausreichen. Es ist nicht gut, wenn ein Mäzen Geld reinbuttert, aber keine Infrastruktur vorhanden ist und auf Kunstrasen gespielt wird. In der Regionalliga gibt es keine Fernsehgelder, da müsste ein anderer Verteilungsschlüssel von oben her. Hier sehe ich die DFL und den DFB gefordert.

Trotz vieler Bedenken wegen Corona: Die Mammutsaison mit 42 Spieltagen wurde durchgezogen.

Die Vereine konnten und können sich ohne Zuschauereinnahmen nur über Wasser halten, weil jeder abgeschöpft hat, was an staatlichen Subventionen zu erhalten war. Eben für entgangene Zuschauereinnahmen, aber auch Fördergelder fürs Nachwuchsleistungszentren oder auch zinsfreie Kredite. Sponsoren, die von Regress absehen, haben die Fortführung des Spiel- betriebs ebenso ermöglicht.

In dieser langen Zeit kristallisierten sich auch drei Talente heraus: Während Robin Williams und Andu Kelati bleiben, wechselt Luca Bazzoli in die zweite Mannschaft des Bundes- ligisten VfB Stuttgart.

Bei Bazzoli hat es wirtschaftlich gepasst. Williams hätte sicherlich mehr Anfragen bekommen, wenn er nicht so lange ausgefallen wäre. Anfragen gibt es auch für Kelati.

Auch Kapitän Dominik Nothnagel spielt zukünftig für Stuttgart II. Zudem verlassen in Mohamed Alawie und Jesse Sierck weitere arrivierte Kräfte den FSV. Wie wird der Substanzverlust abgefangen?

Dominiks Weggang ist ein herber Verlust. Er erwies sich als Glücksgriff für uns, war Leistungsträger und Stabilisator. Einen Nachfolger zu finden, ist nun unsere Aufgabe. Dies gilt auch für Mo und Jesse. Wir hatten schon zwei Probetrainings, geleitet von Angelo Barletta (dem künftigen FSV-Trainer, Anm. d. Red.). Beim ersten waren 14, beim zweiten zehn externe Spieler und welche aus unserer U 19 dabei. Kandidaten gibt es also schon.

Was erwarten Sie vom neuen Trainer Angelo Barletta? Bei Kickers Offenbach konnte er die ambitionierten Vorgaben damals nicht erfüllen…

Es wird zu einer Systemumstellung kommen, danach richten wir auch unsere Kaderplanung aus. Angelo wird ein 4-3-3-System spielen lassen mit einem hohen Pressing. Bei mir war es ein 4-2-3-1 oder manchmal 4-4-2, in denen das Umschaltspiel eine wichtige Rolle eingenommen hat. Davon abgesehen: Der eingeschlagene Weg soll fortgesetzt werden, nämlich ein homogenes, charakterstarkes und erfolgreiches Team zu stellen, das den Zuschauern Freude bereitet.

Sie agieren künftig »nur« noch als Sportlicher Leiter. Was wollen Sie bewegen, was zuletzt vielleicht nicht umsetzbar war?

Dieses Jahr hat viele Kräfte gekostet. Zentral wird nun die Verbindung zwischen dem Juniorenbereich und der Regionalliga-Mannschaft sein. Dazu kommt Scouting, aber auch Organisation, Marketing und Öffentlichkeitsarbeit.

Ist der FSV Frankfurt inzwischen wirtschaftlich und finanziell so gefestigt, um mittelfristig die Rückkehr in die 3. Liga angehen zu können?

Noch nicht. Dies hängt auch mit der Konkurrenz zusammen, die in der Regionalliga Südwest, ähnlich wie in der West-Gruppe, groß ist. Und das setzt sich in der 3. Liga fort. Sehen Sie, wie lange ein Verein wie der 1. FC Kaiserslautern sich schon in dieser Liga aufhält. Viel Geld nützt nichts, wenn falsche Entscheidungen getroffen werden. Auf lange Sicht, daran haben auch unsere Sponsoren ein Interesse, soll der Weg aber in die nächsthöhere Liga führen.

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