Der Deutschland-Vierer 1991. Unser Bild zeigt (von vorne) Bahne Rabe, der in Bad Nauheim aufgewachsene Armin Weyrauch, Armin Eichholz und Matthias Ungemach. FOTOS: IMAGO/PV
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Der Deutschland-Vierer 1991. Unser Bild zeigt (von vorne) Bahne Rabe, der in Bad Nauheim aufgewachsene Armin Weyrauch, Armin Eichholz und Matthias Ungemach. FOTOS: IMAGO/PV

Serie "Unvergessene Sportmomente"

Ehemaliger Weltklasseruderer aus Bad Nauheim: Armin Weyrauch über Rekorde, Olympia und seinen "Rausch"

  • Michael Nickolaus
    vonMichael Nickolaus
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Zwei Weltmeistertitel, eine Olympia-Teilnahme und ein Weltrekord, der noch immer Bestand hat. Ruderer Armin Weyrauch aus Bad Nauheim erinnert sich an seine große Karriere.

Fünf Minuten, 58 Sekunden, 96 Hundertstel. Weltrekord! Eine Bestmarke - wohl für die Ewigkeit. Am 24. August 1991 schreibt der Vierer mit Steuermann Ruder-Geschichte, bleibt als erstes Boot überhaupt unter sechs Minuten. An den Riemen: Armin Weyrauch aus Bad Nauheim. "Ein unglaubliches Rennen. Die letzten 500 Meter waren wie ein Rausch." Nach der Hälfte der 2000-Meter-Distanz hatte das Boot noch auf Rang fünf gelegen.

Dieser Erfolg stehe über allem anderen, dem ersten WM-Gold im Jahr zuvor in Tasmanien (damals im renommierten Achter) und über der Teilnahme an den Olympischen Spielen in Barcelona 1992 (im Vierer ohne Steuermann). "Wir konnten in Wien in einer anderen Bootsgattung noch einmal gewinnen, obwohl die Saison nicht rund gelaufen war", erklärt der 56-Jährige im Rückblick sein persönliches Ranking. Im Halbfinale hatte sich Deutschland gerade noch so für den Endlauf qualifiziert. Die Crew erhielt das Silberne Lorbeerblatt, die höchste sportliche Auszeichnung der Bundesrepublik. Die Medienpräsenz war allerdings überschaubar. "Wen hat Rudern schon groß interessiert? Schon damals wurden andere Sportarten in den Fokus gerückt."

Mit Größe, Kraft und Willen

Armin Weyrauch, in Nieder-Weisel geboren und in Bad Nauheim als Schüler des St.-Lioba-Gymnasiums aufgewachsen, war ein Spätstarter in seiner Sportart. Erst als Sport-Student in Saarbrücken stieg er in ein Ruderboot. Größe und Kraft, zwei Grundvoraussetzungen, brachte er als Modellathlet (1,93 Meter) ebenso mit wie ein Gefühl für den Rhythmus und das Boot. Weyrauch kam aus dem Schwimmsport (SC Bad Nauheim), hatte Basics und die entsprechende Begeisterung. Der Wechsel vom Skull- (zwei Schlagblätter) zum Riemen-Rudern (ein Schlagblatt) gab seiner Laufbahn den entscheidenden Push.

Als "Zweier" mit Matthias Ungemach erlebte er fortan einen kometenhaften Aufstieg. Aus Saarbrücken erfolgte der Wechsel an das Leistungszentrum Dortmund, als Gefreiter gehörte er der Sportfördergruppe der Bundeswehr in Essen an. Das Investment an Zeit, Kraft und Willen wurde belohnt. Das Duo Weyrauch/Ungemach wurde für den WM-Achter 1990 in Tasmanien nominiert. Deutschland gewann Gold - eine von insgesamt 18 Medaillen bei diesen Titelkämpfen.

Enttäuschend - und dies in vielerlei Hinsicht - endeten die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona. Um einen Wimpernschlag verpasste der Vierer ohne Steuermann eine Medaille. 15 Hundertstelsekunden fehlten zum Bronzerang. "Das war schon bitter; und das ist es rückblickend auch heute noch", sagt Weyrauch.

Erstmals nach der deutschen Wiedervereinigung war eine gesamtdeutsche Mannschaft gemeldet worden; rund 40 Ruderer hatten bei Ausscheidungswettkämpfen in Dortmund um ihre Teilnahme gekämpft. Er sei stolz, an den Spielen teilgenommen zu haben, sagt Weyrauch, zeigte sich aber auch schon damals kritisch. "Bei den olympischen Wettkämpfen sind Sternchen aufgegangen, die hofiert wurden. Die Mehrzahl der Teilnehmer waren aber kleine Gladiatoren, die gekommen waren, um Politik und Gesellschaft einen modernen Kampf in einer Arena zu bieten." Unschön: Als die Ruderer, die ihre Wettkämpfe im 150 Kilometer von Barcelona entfernten Banyoles absolviert hatten, ins olympische Dorf umziehen wollten, um die Spiele zu verfolgen, gab’s es nicht einmal einen Platz für sie, stattdessen die Bitte, doch abzureisen. "Das war peinlich. Untern Strich war Barcelona für mich enttäuschend."

100 000 Menschen an der Themse

Ein Jahr später beendete er, als 29-Jähriger, seine Karriere, hatte im Grunde genommen alles gesehen, auch die Spektakel wie die Goodwill Games in Seattle oder die traditionsreiche Henly-Royal-Regatta, zu der rund 100 000 Menschen die Ufer der Themse in London säumen.

"Ich habe mich gefragt, was ich noch erreichen kann und will. Und es gab genug Gründe, die für einen Abschied gesprochen haben. Es war einfach genug und der richtige Zeitpunkt, ein neues Kapitel aufzuschlagen." Nach Lahr, ins Badische, hat es ihn gezogen, 1997 folgte der Umzug nach Wismar. Zu Hause, in Bad Nauheim, wo seine vier Brüder das gleichnamige Kaufhaus am Aliceplatz führen, ist Weyrauch nur noch sehr selten.

In der Hansestadt an der Ostsee betreibt Weyrauch seitdem ein Fitnessstudio, hat gerade einen Sportpark erworben, den er nun "auf Vordermann" bringen möchte. Immer an seiner Seite ist Judith, seine Frau. Mit ihr hat er vier Kinder. Thore, der Älteste, spielt Eishockey beim Oberligisten Hannover Indians, verwirklicht dort Kindheitsträume seines Vaters ("Eishockey war schon immer meine große Liebe. Er macht das, was ich immer wollte"), Gösta, der zweitälteste Sohn, ist inzwischen dem Weg des Vaters gefolgt, rudert in Schwerin. Für Armin ist dieses Kapitel hingegen abgeschlossen. "Ich bringe ihn gerne dorthin. Aber mir fehlt der Reiz, mich noch einmal ins Boot zu setzen."

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