Sexueller Missbrauch war in kanadischen Jugendligen offenbar lange geduldet. Auch ehemalige deutsche Talente erlebten dort die Hölle. Nun geht ein früheres Opfer vor Gericht. FOTO: DPA
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Sexueller Missbrauch war in kanadischen Jugendligen offenbar lange geduldet. Auch ehemalige deutsche Talente erlebten dort die Hölle. Nun geht ein früheres Opfer vor Gericht. FOTO: DPA

Die dunkle Bedrohung

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Eishockey hat auch seine Schattenseiten - wie jede andere Sportart. Was ein deutscher Jugendtrainer in seiner Juniorenzeit in den nordamerikanischen Ligen erlebte, dürfte zu den dunkelsten Kapiteln des in der Wetterau so beliebten Kufensport gehören.

Fred Ledlin war in den 1990er-Jahren ein gefürchteter Stürmer bei den Tölzer Löwen und beim SC Riessersee. Was bislang nicht mal seine Familie wusste: In seiner Zeit in den kanadischen Juniorenligen erlebte er unfassbare Gewalt und sexuellen Missbrauch, verpackt als Aufnahmeritual für Neulinge. Nun ist der 57-Jährige, der als Nachwuchs-Cheftrainer bei den Stuttgart Rebels arbeitet, einer von 16 ehemaligen Spielern, die den Zusammenschluss von drei Juniorenligen verklagen.

Warum sind Sie nach 41 Jahren auf die Idee gekommen, an die Öffentlichkeit zu gehen?

Im April hatte ich eine Covid-Infektion. Mir ging es sehr schlecht. Auf einmal bringt mir meine Frau einen Artikel, in dem zwei Spieler über sexuellen Missbrauch berichten. Wir haben uns mehrfach darüber unterhalten, ob ich die Spieler unterstützen soll. Wenn ein oder zwei Spieler was sagen, bringt es nicht viel. Aber wenn zehn oder mehr Akteure was sagen, bringt es was. Also habe ich mich meinen Anwalt angerufen.

Welche sexuellen Übergriffe haben Sie erlebt?

Drei, vier, fünf ältere Spieler reißen einem die Kleider weg und werfen einen auf einen Tisch oder den Boden. Der ganze Körper wird rasiert, natürlich ohne die Klingen nass zu machen. Danach hat man überall kleine Schnitte, von den Fußgelenken bis zum Hals. Dann schmieren sie heiße Salbe drauf.

Haben Sie sich gewehrt?

Ja, aber das hat es noch schlimmer gemacht. Auf einer Fähre haben sie mich mal im Bus festgebunden, die Füße in der Luft, den Kopf am Boden, der Hintern gegen das Fenster gedrückt. Dann sind sie zum Essen gegangen, während ich im Bus gehangen bin. Eine Seniorengruppe hat das gesehen. Ein paar ältere Frauen haben gefragt, ob sie die Polizei rufen sollen. Ich habe nur gesagt: "Nein, ich bin bloß Eishockeyspieler." Einmal haben sie mir den Schläger in den Anus und einen Zahnstocher mit heißer Salbe in meinen Penis geschoben. Die Schmerzen kann man nicht beschreiben. Ein paar Stunden später musste ich Eishockey spielen. Die Leute sitzen auf der Tribüne, essen Popcorn, und niemand weiß, was passiert ist.

Wie sind die Trainer mit diesen Aufnahmeritualen umgegangen?

Die sind vorbeigegangen, haben gelächelt und nichts gesagt. Ich habe auch mal in Winnipeg gespielt. Damals hab ich zu den jungen Spielern gesagt: "Bleibt weg vom Co-Trainer, mit dem stimmt was nicht." Später hat der Kerl wegen Missbrauch fünf Jahre im Gefängnis gesessen.

Gibt es die brutalen Aufnahmerituale auch heute noch?

Als ich gespielt habe, ging es nur auf den Körper. Es gab ständig Massenschlägereien. In den letzten 35 Jahren hat sich viel getan. Eishockey hat sich verändert, die Spieler sind wendiger und schneller geworden. Ich habe gedacht, dass sich auch in der Kabine was geändert hat. Aber dann habe ich den Artikel durchgelesen und gesagt: "Unglaublich, das gibt’s immer noch bei uns."

Wissen die Eltern, was in der Kabine passiert?

Nein, sie wissen überhaupt nichts davon. Sie wohnen meist weit entfernt von ihren Kindern. Die Spieler behalten es für sich. Sie erzählen nichts. Die Eltern würden sie rausziehen, wenn sie was erzählen. Und dann können sie nicht mehr Eishockey spielen.

Von den Spielern spricht sich auch niemand gegen solche Rituale aus?

Eishockey ist in Kanada ein Kult. Nur wenige Leute gehen am Sonntag die Kirche, "Hockey Night in Canada" schaut jeder. Wenn Du jung bist, willst du unbedingt weiterkommen. Du sagst: "Okay, es passieren schlechte Dinge mit mir, aber die Scouts der NHL sehen mich." In einer Juniorenliga spielen ohne sexuellen Missbrauch - das ging nicht.

Wie sind Sie mit den Erlebnissen umgegangen?

Ich habe mit Eishockey aufgehört, aber ich habe das Spiel vermisst. Also habe ich wieder angefangen und gedacht: Augen zu. Ich muss es geschehen lassen, wie es passiert.

Wussten Ihre Kinder von ihren Erlebnissen?

Nein, nicht mal denen habe ich es erzählt. Meine Erlebnisse in Kanada waren aber ein Grund dafür, dass ich meinen Sohn nach Deutschland geschickt habe. Mark ist mit 15 zum SC Riessersee gegangen. Ich wollte nicht, dass er so was mitmachen muss wie ich.

In Deutschland haben Sie nie etwas Vergleichbares erlebt?

Ich bin 1983 nach Freiburg gekommen. Ich habe gedacht: "Okay, jetzt geht’s wieder los." Ich habe ständig darauf gewartet, dass mich vier oder fünf Spieler auf einen Tisch werfen. Aber dann haben mich die Jungs super aufgenommen.

Wie waren Ihre Erfahrungen in Bad Tölz?

Da hatten die älteren Spieler auch einfach nur Spaß mit den jüngeren. Klar: Die jungen Spieler sollen wissen, dass sie nicht die Häuptlinge sind. Es gibt auch freche junge Spieler. Wenn ich mich nur an Florian Curth erinnere - der hat nach einem Playoff-Spiel Striptease auf dem Eis gemacht.

Kann man Eltern empfehlen, dass sie ihre Kinder zum Eishockeyspielen nach Nordamerika schicken?

Ja, das kann man natürlich machen. Ich habe einem jungen Spieler aus Hannover empfohlen, in eine Eishockey-Akademie in Ontario zu gehen. Seine Eltern haben mich vor vier Wochen angerufen. Es gefällt ihm super, er will unbedingt bleiben und seinen Uni-Abschluss machen. Man muss einfach schauen, ob es eine gute, anständige Mannschaft ist. Eishockey und Kanada sind nicht das Problem. Eishockey ist ein super Sport, und ich liebe Kanada. Die meisten Spieler sind anständig. Manchmal sind aber vier oder fünf Leute genug, um einem das Leben zur Hölle zu machen.

Gehen die Eltern richtig mit dem Thema um?

Die Eltern geben jedes Jahr Tausende Dollar dafür aus, dass ihre Kinder Eishockey spielen können. Sie sagen "Hurra", wenn ihr Kind in Seattle, Portland oder sonst wo spielen darf. Aber die wichtigen Fragen stellen sie nicht.

Was empfehlen Sie Eltern?

Die Eltern sollten aufwachen, sich informieren und nicht nur an die NHL und viel Geld denken. Sie sollten fragen: Gibt es Gerüchte über sexuellen Missbrauch? Sie sollten den Kapitän, ehemalige und aktuelle Spieler anrufen, gegnerische Mannschaften, den General Manager und den Trainer. Mein Rat: Bleibt in Kontakt.

Was können die Ligen gegen sexuellen Missbrauch unternehmen?

Sie können eine Hotline einrichten, bei der jüngere mit erfahrenen Spielern reden können. Die können dann entscheiden, was gemacht wird: Geht man zur Polizei oder zum Besitzer des Klubs?

Wie ist das Medienecho auf Ihre Klage?

Riesengroß. Ich bekomme ununterbrochen Anfragen. Ich habe mehrere Termine bei nordamerikanischen Fernsehsendern. Außerdem haben etliche Zeitungen bei mir angefragt. Hoffentlich bewegt sich was. FOTO: VADERS

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