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Doppelpass im Kaffeemühlchen

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Fußball-Stammtisch im Kaffeemühlchen: Von links: Helmut Momberger, Kurt Kost, Christine Linkenbach, Rainer Dreut, Helmut Schmid, Wolfram Fritz, Norbert Heil, Walter Schusterschitz und Peter Momberger.	(Foto: Humboldt)
Fußball-Stammtisch im Kaffeemühlchen: Von links: Helmut Momberger, Kurt Kost, Christine Linkenbach, Rainer Dreut, Helmut Schmid, Wolfram Fritz, Norbert Heil, Walter Schusterschitz und Peter Momberger. (Foto: Humboldt) © Michael Humboldt

Natürlich sind sie sich nicht ganz sicher, die heimischen Fußball-Funktionäre. Aber 15 Jahre seien es schon, glauben alle. So lange treffen sie sich bereits Mittwoch für Mittwoch im Bad Nauheimer Kaffeemühlchen, um heiß über ihre Leidenschaft zu diskutieren.

Um kurz nach zehn sind fast alle schon da – wie jeden Mittwoch. Rainer Dreut, der ehemalige Kreisfußballwart, neben dem wie in den alten Zeiten sein damaliger Stellvertreter Helmut Schmid sitzt, Walter Schusterschitz, Referee und 2. Vorsitzender der Altfußballer, aber auch Schiedsrichterlegende Kurt Kost oder der ehemalige Klassenleiter Wolfram Fritz. Auf Norbert Heil wird noch gewartet, während Reinhold Wolfinger, Heiner Roth oder Heinz Schwab diesmal absagen mussten.

Gerade für Kurt Kost war die Anreise kein leichter Gang, denn der passionierte Eintracht-Fan spürt sofort die Schadenfreude im Raum. Am Abend zuvor haben sich die Frankfurter beim DFB-Pokal-Aus in Aue bis auf die Knochen blamiert, was Kost nun ausbaden muss. Mitinhaber und HSV-Fan Peter Momberger hat auf seine Kaffeetasse schon einen abgestürzten Adler geklebt und wähnt sich nach dem Hamburger Sieg in Hoffenheim auf der Überholspur mit seinem Lieblingsverein.

»Wenn wir letzten Samstag nicht mit Ach und Krach in Hannover gewonnen hätten, wäre es jetzt schon fünf vor zwölf«, stöhnt Kurt Kost, der mit Grausen an den morgigen Freitag denkt, an dem die übermächtigen Bayern in Frankfurt gastieren. Dass die Eintracht im Normalfall sechs, sieben Dinger eingeschenkt bekommt, wird natürlich auch gleich prophezeit am Tisch. »Ich hätte den Veh nicht zurückgeholt«, sagt einer, und Kurt Kost nickt nachdenklich. »Vielleicht wäre einer wie Lothar Matthäus der Richtige«, überlegt er. »Der hat sich als Experte und von der Persönlichkeit her enorm entwickelt.« Aber natürlich ist auch »der Loddar« für so manchen hier im Kaffeemühlchen immer noch ein rotes Tuch.

Dann wird es ernster, denn Kurt Kost, lange Zeit Beisitzer des Kreissportgerichts, war am Vorabend auf der Verhandlung gegen einen Beienheimer Fußballer, der den Schiedsrichter geschubst und einen Spielabbruch verursacht hat.

Das Urteil sei noch nicht spruchreif, erzählt er, aber alle sind sich gleich einig, dass es wohl keine Gnade für den SKV geben wird, weil der Unparteiische nun einmal unantastbar sei auf dem Platz, selbst wenn er sich in diesem Fall ein wenig theatralisch verhalten habe. »Punktabzug und Geldstrafe«, lautet deshalb das harte Urteil im Kaffeemühlchen.

Warum das Interesse am Heimatfußball gerade so eklatant nachlasse, werden die Insider irgendwann vom Vertreter der Presse gefragt. Und dass diese Beobachtung richtig sei, bestätigt Helmut Schmid umgehend. »Wir haben bei der Spvgg. 08 Bad Nauheim letzten Sonntag 30 Zahlende im Derby gegen den SV Ober-Mörlen registriert. Früher wären es Hunderte gewesen.« Schon 2008, erinnert sich Rainer Dreut, hätte der Kreisfußballausschuss unter seiner Regie eine Petition an den DFB geschickt gegen die Sonntag-Übertragungen von Bundesliga-Spielen auf Sky. »Denn die sind einfach Gift für unseren Fußball. Manchmal, so berichtet er, sei sogar zu beobachten, dass Zuschauer bis halb vier den KOL- oder A-Liga-Fußballer zuschauen, ehe sie ins Vereinsheim vor den Fernseher gingen. »Es gibt sogar Kicker, die lieber ins Stadion sonntags pilgern, wenn die Eintracht spielt, anstatt selbst zu spielen«, stimmt Wolfram Fritz ein.

Romantiker und Nestbeschmutzer

Ein weiteres Lieblingsthema von Dreut sind bei der Krisen-Analyse schon immer die finanziellen Zuwendungen, die Spieler heutzutage mancherorts erhalten. Denn wo Geld fließe, sei der Erfolg meistens zeitlich begrenzt. »Zudem sind Fußballer in diesen Vereinen zum Großteil Legionäre, und die Zuschauer können sich nicht mehr mit dem Team identifizieren.« Stolz ist der Nieder-Weiseler deshalb auf seinen Heimatverein, bei dem er sicher ist, dass dort der reine Idealismus vorherrsche. Dass man ihn aufgrund seiner Einstellung als Fußball-Romantiker bezeichne, gefalle ihm gut, lacht Dreut. Als Experte dieser Problematik entpuppt sich aber auch Inhaber Helmut Momberger, der viele Jahre als Jugendleiter im mittelhessischen Harbach tätig war, bevor er 1998 das Kaffeemühlchen übernahm, das ihm nur noch wenig Zeit für den Fußball lässt. Unter anderem auch, weil er dort 732 Kaffeemühlen gesammelt hat, die gehegt und gepflegt werden müssen. Der »Nestbeschmutzer« Theo Zwanziger gehört dann genauso zu den Aufregern dieses Morgens wie das Trainer-Theater in Hoffenheim. »Ich dachte, hier wird nur von der Vergangenheit gesprochen«, meint der Besucher beim Abschied.

Doch die scheint hier niemanden zu interessieren. Vielleicht auch, weil man sich in 15 Jahren schon genug erinnert hat und die Gegenwart viel mehr Zündstoff liefert.

Michael Humboldt

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